Jedes Kind in Deutschland hat das "Recht auf eine gewaltfreie Erziehung". So steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Aber erst seit dem Jahr 2000. 	 
Montage: FNP
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Jedes Kind in Deutschland hat das "Recht auf eine gewaltfreie Erziehung". So steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Aber erst seit dem Jahr 2000. Montage: FNP

Was wirklich zählt

Werte-Serie: Früher Gefühlsentzug, heute Elterntaxis

Ein Blick auf die Entwicklung der Erziehungsmethoden in den vergangenen 50 JahrenGesundheit, Solidarität oder Nachhaltigkeit, ist es das, "Was wirklich zählt"? Sind es Mut, Bildung oder der Glaube? In unserer Serie blicken wir auf die Werte unserer Gesellschaft und ihren Wandel. Kaum etwas hat sich in den vergangenen 50 Jahren so verändert wie die Erziehung. Burkhard Bräuning hat mit der Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Miethe über Überbehütung und intuitives Handeln gesprochen.

Frau Professor Miethe, Sie haben zwei erwachsene Kinder. Haben Jakob und Marie sich im Erwachsenenalter schon mal bei Ihnen über die Erziehung beklagt?

"Nö, nö", sagt mein dreiundreißigjähriger Sohn, der gerade zu Besuch ist und den ich prompt gefragt habe. Wobei meine Kinder auch in einer Sondersituation aufgewachsen sind, nämlich in einer Landkommune mit Plenum und Kinderplenum. Dort haben wir sehr spezifische Mitbestimmungsformen entwickelt, die den Kinder Möglichkeiten eröffneten, die in einer Kleinfamilie nicht so gegeben sind. Kinder sind in solch einer Struktur sehr viel weniger der Macht der Eltern ausgesetzt. In jedem Fall gab es immer noch Autoritätspersonen jenseits der eigenen Eltern. Das hat Entlastung für die Kinder gebracht.

Seit 20 Jahren ist Ihr Platz auf der anderen Seite der Hörsäle. Haben sich die Studenten in dieser Zeit sehr verändert, haben Sie das Gefühl, dass es da einen Wandel in der Erziehung gegeben hat?

Die Studenten haben sich massiv verändert. Aber das hängt nicht mit der Erziehung zusammen, sondern damit, dass wir die Universitätsstrukturen über die Einführung von BA und MA-Studiengängen stark verschult haben. In verschulten Studiengängen verhalten sich Studierende halt wie Schüler*innen und können nicht mehr so frei studieren, wie ich es noch konnte.

Vor 30 Jahren wurde immer noch der Erziehungsratgeber aus der NS-Zeit "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" verkauft. Das "deutsche" hat man nach dem Krieg gestrichen. Aber der Inhalt blieb weitgehend gleich. Wie kann das denn sein?

Die Tatsache, dass der in der NS-Zeit publizierte Bestseller von Johanna Harer bis 1989 nur geringfügig überarbeitetet in Westdeutschland veröffentlicht wurde, ist ein Skandal. Es wurde damit nationalsozialistisches Gedankengut weiter verbreitet. Dieses Buch wurde aber auch deshalb immer wieder gedruckt, weil es Millionen von Eltern immer wieder kauften. Es war deshalb so erfolgreich, weil die dort beschriebenen Inhalte einfach auch den Erziehungsvorstellungen der Zeit entsprachen: Gib dem Kind nicht zu viel Nähe und Zuwendung. Emotionale Bindungen und Gefühle sind überflüssig. Das Kind soll funktionieren, man muss es frühzeitig daran gewöhnen. All das sind Vorstellungen, die bei Millionen Eltern auf fruchtbaren Boden fielen.

Vor 50 Jahren gab es generell starke Veränderungen in der Erziehung. Wie kam es dazu? Durch die 68er?

Den 68ern wird immer viel zugeschrieben, und vor allem glauben sie selber ganz fest dran, dass sie es waren, die die Welt verändert haben. Ich bin da etwas zurückhaltender. Die 68er haben beispielsweise über die Kinderladenbewegung Erziehung bewusst thematisiert und versucht, Alternativen zu entwickeln. Dabei sind sie aber auch in Gegenextreme gerutscht. Da wurde den Kindern teilweise alles erlaubt - und sie wurden wirklich "Tyrannen", einfach, weil ihnen notwendige Orientierung fehlte. Auch sexueller Missbrauch ist ein Thema, mit dem sich damalige Akteure heute auseinandersetzen müssen. Denken wir nur an die Odenwaldschule, die vom Geist der 68er-Bewegung mitgeprägt wurde. Die Odenwaldschule ist nur die Spitze eines Eisberges.

Aber was führte dann zu den Veränderungen?

Neben der Reformpädagogik waren vor allem die Psychoanalyse und die amerikanische Psychologie (Bindungstheorie) einflussreich. Von dort kamen die Hinweise darauf, wie wichtig eine sichere Beziehung zwischen Kindern und Eltern ist, wie wichtig körperliche Nähe und Emotionalität ist. Dieses Wissen ist Stück für Stück über die Medien auch bei Eltern angekommen.

Orientieren sich denn überhaupt viele Eltern an solchen Einordnungen wie autoritäre oder antiautoritäre Erziehung - oder handeln sie eher intuitiv?

Ich denke, Eltern reagieren oft intuitiv, gespeist aus eigener Erfahrung und eigener Biografie. Trotzdem verändert sich Erziehung über die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Das heißt auch, dass wir nicht dazu verdammt sind, immer nur das zu wiederholen, was uns unsere eigenen Eltern beigebracht haben, sondern dass wir aktiv und bewusst Veränderungen herbeiführen können.

Welche Erziehungsmethoden oder Stile werden denn heute ganz bewusst eingesetzt?

Das ist ganz breitgefächert und wir haben eine Parallelität ganz unterschiedlicher Stile. Wir finden auch heute noch autoritäre und gewalttätige Elternhäuser, genauso wie Eltern, die ein sehr partnerschaftliches und emotional zugewandtes Verhältnis haben. Aktuell beobachte ich eine Tendenz zur Überbehütung der Kinder. Stichwort: Elterntaxi. Das kann doch nicht wahr sein, dass den Kindern jegliche Eigenaktivität genommen wird. Kinder sind doch stolz darauf, wenn sie es schaffen, allein in den Kindergarten oder die Schule zu gehen!

Verurteilen Sie heute Menschen, die vor 50, 60 Jahren ihre Kinder geschlagen haben? Oder sagen Sie: Das war halt die Zeit ...

So war halt die Zeit. Ich finde es eine Anmaßung, wenn wir aus der heutigen Perspektive heraus früheres Leben beurteilen möchten. Dann kommt ganz schnell eine Verurteilung heraus - und diese nützt niemanden. Wir als heutige Menschen sind ja nicht besser als Menschen damals. Aber wir haben Bedingungen, die es uns erleichtern, besser zu sein.

Und was würden Sie heute zu Menschen sagen, wenn sie ihr eigenes/oder irgendein Kind in Ihrem Beisein schlagen?

Ich würde natürlich dazwischengehen und das stoppen. Dann würde ich aber versuchen zu verstehen, warum dieser Mensch das Kind geschlagen hat. Wenn wir die Ursache des Verhaltens kennen, können wir es verändern - nicht mit Anklage und Vorwurf.

Viele Eltern sehen sich heute als Partner ihrer Kinder. Sie pflegen so etwas wie eine egalitäre Erziehung. Wie beurteilen Sie das?

Das finde ich prinzipiell richtig. Wir haben heute auch deutlich weniger Generationenkonflikte als noch vor 30 Jahren. Das liegt sicherlich daran, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in ein stärker partnerschaftliches gewandelt hat.

Und wenn Eltern gar nicht mehr eingreifen in die Erziehung? Kann das gut gehen?

Natürlich nicht. Kinder müssen erzogen werden, damit sie zu sozialen Wesen werden.

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