+
William und Carol Froehlich (von links) bei der Einweihung des Arthur-Stern-Platzes.

Jüdischen Kaufmann gewürdigt

Westseite des Rödelheimer Bahnhofs heißt jetzt Arthur-Stern-Platz

  • schließen

Die neugestaltete Westseite des Rödelheimer Bahnhofs trägt seit Mittwoch den Namen „Arthur-Stern-Platz“. Die Familie des jüdischen Kaufmanns musste vor den Nationalsozialisten in die USA flüchten. Wir haben die Enkel bei einem Rundgang auf den Spuren ihrer Großeltern begleitet.

„Er war ein großartiger Großvater. Wir machten viele Ausflüge, und immer spendierte er uns ein Eis“, erinnert sich Carol Froehlich (65) lächelnd. Und ergänzt etwas ernster: „Er war allen Menschen gegenüber offen.“ Ihr Großvater war Arthur Stern, dem der neugestaltete Platz an der Westseite des Rödelheimer Bahnhofs gewidmet ist (wir berichteten). 1890 geboren, betrieb der jüdische Kaufmann mit seiner Familie ein Textilgeschäft in Alt-Rödelheim, Ecke Assenheimer Straße. In der Reichspogromnacht 1938 werden auch die Fenster ihres Ladens eingeschlagen.

Arthur Stern wird verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht. Seiner Frau Sybilla, genannt Elli, gelingt es nach einigen Wochen, ihn dort herauszuholen – aufgrund seiner herausragenden Taten als Sanitäter im Ersten Weltkrieg, für die er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war.

Arthur und Elli Stern gelingt 1940 die Flucht in die USA, nach Buffalo, wo sie jedoch nie richtig heimisch werden. „Es hat lange Zeit gedauert, bis in der Familie über diese Zeit gesprochen wurde“, berichtet Froehlich. Ein Stein, den Arthur Stern aus Rödelheim mitgenommen hatte, erinnerte ihn in Übersee an die verlorene Heimat. Er vermisste sie, kehrte jedoch bis zu seinem Tod 1963 nie wieder zurück. Umso bewegender war es, dass die beiden Enkel Carol und William (67) – ein weiterer, John (58), war verhindert – nicht nur zur Einweihung des Platzes aus den USA angereist waren. Ein Rundgang, angeführt von Heiko Lüßmann, führte sie zu einigen Orten im Stadtteil, die für ihre Großeltern von großer Bedeutung waren. Lüßmann war in jungen Jahren auf das Schicksal der Sterns aufmerksam geworden.

Er nahm Kontakt zu den Nachkommen auf und erforschte die Familiengeschichte fortan akribisch: Arthur Stern war nicht nur angesehener Geschäftsmann, sondern auch im Vereinsleben engagiert. Von 1926 bis 1931 stand er an der Spitze des 1. Rödelheimer Fußballclubs 02, zudem war er Mitglied des Turnvereins Rödelheim. „Und er spielte gerne Skat“, erzählen die Enkel.

Der Rundgang führte unter anderem zu dem Standort der ehemaligen Synagoge Rödelheim am Eingang zum Brentanopark. Am 10. November 1938 wurde sie in Brand gesetzt und zerstört. Als Edith Froehlich, die Tochter von Arthur und Elli, 1979 nach Rödelheim kam, sei sie tief betrübt darüber gewesen, dass nichts an diesem Ort an die jüdische Gemeinde erinnerte, berichtet Lüßmann. Die Stele aus Sandstein wurde erst im November desselben Jahres errichtet. Edith war bis zu ihrem Tod 2014 drei weitere Male in Rödelheim – und konnte damit noch erleben, dass sich das geändert hatte.

In der Cyriakuskirche überreichten Carol und William Froehlich Pfarrer Ernst-Detlef Flos ein altes jüdisches Gebetsbuch, gedruckt 1898 in Rödelheim. Es stammte von ihrem Großvater. Den Nachkommen war es wichtig, dass es zurück an seinen Ursprungsort kommt. Eine bemerkenswerte Geste, hatte die Familie 1938 doch mitbekommen, wie die nahe gelegene Synagoge in Brand gesetzt wurde. Ein Ehrenplatz, der das Kleinod in der Kirche gebührend würdigt, wird derzeit noch gesucht.

Die Enkel bedankten sich am Mittwoch für alles, was die Rödelheimer Bürger dafür getan haben, damit der Name Arthur Stern in dem Stadtteil nun wieder präsent ist. Der Platz ehre stellvertretend auch all jene Bürger, die ein ähnliches Schicksal erleiden mussten. Die Enkel wollen zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal nach Rödelheim zurückkehren, um auch ihrem Bruder John und ihren Kindern zu zeigen, wie und wo die Sterns einst lebten.

Das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Sterns existiert heute noch. Einige Schritte weiter senkt die Gruppe die Köpfe über drei Stolpersteine: Selma, Isidor und Renate Strauß. Selma war die Schwester von Elli Stern. Ihr Mann Isidor betrieb einen Gemischtwarenladen in dem Haus, Tochter Renate erblickte 1926 das Licht der Welt. Lüßmann hebt den Kopf und sagt: „Sie haben es nicht mehr geschafft.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare