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Offener Brief an Putin: Russland isoliert sich, Aufstände sind möglich

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Von: Thomas J. Schmidt

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Rolf van Dick hat zusammen mit 50 Psychologen aus aller Welt einen Offenen Brief an Putin geschickt.
Rolf van Dick hat zusammen mit 50 Psychologen aus aller Welt einen Offenen Brief an Putin geschickt. © www.guidokollmeier.com

Psychologen aus der ganzen Welt haben einen Offenen Brief an Putin gerichtet. Mitinitiator ist der Frankfurter Rolf van Dick.

Frankfurt – Prof. Rolf van Dick ist Sozialpsychologe. Er hat gemeinsam mit 50 Psychologen aus der ganzen Welt einen Brief an Wladimir Putin verfasst. Redakteur Thomas J. Schmidt hat mit ihm darüber gesprochen.

Sie haben als Psychologen einen Brief an Putin geschrieben. Was steht da drin?

Wir sagen unter anderem, dass er gefangen ist. Je mehr man als Machthaber sich in eine solche Situation begibt, desto mehr ist man nur noch von Jasagern umgeben. Wir sagen, dass das für ihn selbst und sein Land gefährlich ist. Aber letztlich ist es zweitrangig, ob Putin unseren Brief zur Kenntnis nimmt. Wichtig ist, dass man sich solidarisch erklärt und etwas gegen den Krieg unternimmt - was immer man auch tun kann. Gegen den Krieg, gegen die Gewalt, gegen das unbeschreibliche Flüchtlingselend.

Aber Putin hat doch Erfolg mit dem, was er tut?

Er hatte in der Vergangenheit Erfolg, der Westen hat es ihm durchgehen lassen. Er hat immer dann Aggressionen gestartet und damit gepunktet, wenn er im eigenen Land in der Kritik war. Es ist ein bewährter Zug in der Politik, einen gemeinsamen Feind zu haben, ihn bei Bedarf zu schaffen. Wir sagen in dem Brief, dass dies zu kurz gedacht ist. Putin isoliert sich, die Sanktionen werden den Lebensstil der normalen Bevölkerung einschränken, was zu Aufständen führen könnte, ähnlich wie wir es im Arabischen Frühling gesehen haben oder 2014 in der Ukraine.

Brief aus Frankfurt an Putin: Noch keine Antwort

Haben Sie schon eine Antwort auf Ihren Brief erhalten?

Von Putin nicht. Ich habe viele E-Mails bekommen, viele zustimmend, einige kritisch. Man wirft uns vor, dass wir uns hier äußern, aber zu vielen anderen Konflikten schweigen. Aber das ist man gewohnt, wenn man sich äußert.

Der Spieltheoretiker Christian Rieck erläutert in einem neuen Video, dass, wenn man in der Logik der Abschreckung glaubwürdig provozieren will, dies tun kann, indem man eine Geisteskrankheit mimt. Dem Geisteskranken traut man den Wahnsinn zu und gibt aus Angst nach. Glauben Sie, dass Putin geisteskrank ist oder dass er nur so tut?

Ich bin kein klinischer Psychologe, und mit Ferndiagnosen sollte man sehr vorsichtig sein. Ich glaube nicht, dass er verrückt ist. Was ich glaube, ist, dass er skrupellos ist. Er will mit allen Mitteln an der Macht bleiben und er handelt in diesem Sinne rational. Aber er hat wohl nicht Zugang zu allen Informationen - schon, weil er mit Jasagern umgeben ist, von denen keiner sich traut, ihm zu widersprechen. Das war schon so bei Hitler und bei Stalin, und es ist sehr gefährlich.

Brief an Putin: Der Westen hätte längst Stellung zu Russland beziehen müssen

Viele Leute haben Angst vor einer Eskalation, einem Weltkrieg. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Ich kann nicht beantworten, ob Putin einen Atomkrieg auslösen würde. Es ist gut, dass die Nato besonnen reagiert - etwa keine Kampfflugzeuge liefert und keine Flugverbotszone einrichtet. Denn das könnte provozieren.

Was hat der Westen falsch gemacht? Wo liegen die Fehler unserer Außenpolitik?

Ich glaube, der Westen hätte schon vor 20 Jahren in Tschetschenien und Georgien klar Stellung beziehen müssen, hätte klare Linien ziehen müssen: Bis hierher und nicht weiter. Das ist die Härte, die gefehlt hat. Es hat aber auch die Suche nach konstruktiven Lösungen gefehlt. Vor einigen Monaten beispielsweise hätte der Westen sich auf den Vorschlag einer neutralen Ukraine einlassen können. Aber die Nato hat dies nicht zugestanden - damit hat man ein großes Pfund aus der Hand gegeben. Wir hätten heute die moralische Rechtfertigung auf unserer Seite. Jetzt hat Putin die Rechtfertigung in den Augen seiner eigenen Bevölkerung. Also warum hat man den Vorschlag der Neutralität nicht verfolgt? Ein schwerer Fehler.

Aber 1994 hat die Ukraine auf alle Atomwaffen verzichtet gegen eine Sicherheitsgarantie des Westens und der Russen. Die Ukrainer sehen jetzt, was diese Garantien wert sind. Wie sollen sie an die Garantien einer Neutralität glauben können, jetzt, nach allem, was geschehen ist?

Sie haben Recht, so ist die Lage heute. Aber die Neutralität hätte eingebettet sein müssen in die richtige Politik des Westens in den vergangenen 20 Jahren. Darin liegt das Versäumnis. Man hätte vor der Krise jetzt alles tun müssen, um den Krieg zu verhindern.

Ukraine-Krieg: Die Grenzen des Pazifismus

Andererseits, es ist ja nicht der Westen, der den Krieg führt, sondern Putin. Ist das die Grenze des Pazifismus: Zu erkennen, dass der andere gewaltbereit ist, was immer man selbst dagegen tut?

Ja, der Pazifismus ist nicht für alles die Lösung. Aber Krieg ist eben auch keine Lösung. Man muss alles tun, um den Krieg zu beenden. Wir haben es mit Hilfe des Briefes getan.

Wie ist es zu diesem Brief gekommen?

Uli Wagner hatte die Initiative. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er hat einen Entwurf verfasst, wir haben ihn gemeinsam im Netzwerk publiziert. Es kamen Verbesserungsvorschläge, die wir eingearbeitet haben, ehe wir den Brief endgültig in den Netzwerken publiziert haben. Inzwischen gibt es mehr als 50 Unterschriften von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Australien, Indien, Afrika, Südamerika, Nordamerika und Europa.

Und glauben Sie, dass Sie etwas bewirken werden?

Ein Brief wird nie einen Krieg beenden. Keine Einzelaktion wird je die Auswirkungen haben, die man sich erhofft. Aber doch, es gibt viele Aktionen, die möglicherweise doch dazu beitragen, etwas bewirken. Wenn beispielsweise Gerhard Schröder von dem Brief hört und seinen Freund Putin darauf hinweist, dann könnte es ja sein, das wir wirklich, wenn auch nur ein wenig, zum Umdenken und zum Ende des Krieges beigetragen haben.

In Frankfurt ist die Hilfsbereitschaft für Geflüchtete aus der Ukraine groß. Die Stadt bittet die Bevölkerung allerdings, von einigen Spenden-Arten abzusehen.

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