Unsere Redakteurin Julia Lorenz durfte den Flug von Frankfurt nach Krasnojarsk am 10. Dezember 2013 im Cockpit erleben.
+
Unsere Redakteurin Julia Lorenz durfte den Flug von Frankfurt nach Krasnojarsk am 10. Dezember 2013 im Cockpit erleben.

Meine Reise zur Tankstelle im Eis

Wie das bei großen Geburtstagen so ist: Jeder erinnert sich an seine Sternstunden mit dem Jubilar. So halten wir es auch zum 75. Geburtstag der FNP. In einer Serie blicken Redakteure und Mitarbeiter auf ihr schönstes Erlebnis, größtes Abenteuer, auf die skurrilste Begebenheit im Auftrag der Frankfurter Neuen Presse zurück - und zwar im wöchentlichen Wechsel mit dem Abdruck einer Zeitungsseite, die eine besondere Geschichte erzählt. Heute erzählt unsere Redakteurin Julia Lorenz von ihrem Flug nach Sibirien...Meine Reise zur Tankstelle im Eis

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
    schließen

Frankfurt/Krasnojarsk -Helene Fischer ist in Krasnojarsk geboren. Die Eine-Million-Einwohner-Metropole liegt gut 3360 Kilometer östlich von Moskau und direkt an der Strecke der Transibirischen Eisenbahn. Im Winter geht in der drittgrößten Stadt Sibiriens erst um 10 Uhr die Sonne auf. Und am 10. Dezember 2013 war es in Krasnojarsk Minus zwölf Grad kalt.

Das klingt zwar nicht nach eisiger Kälte. Es war aber bitterkalt. Wie tausend Nadelstiche. Zumindest für eine durchschnittliche Mitteleuropäerin.

Woher ich das weiß? Ich war an diesem Tag dort, mitten in Sibirien, in Krasnojarsk. Die dort lebenden Russen amüsierten sich köstlich darüber, dass ich so fror. Ich habe dort doch tatsächlich Menschen gesehen, die bei diesen Temperaturen nur mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sandalen bekleidet waren. "Für sibirische Verhältnisse sind das heute fast tropische Temperaturen, misst das Thermometer hier doch auch gerne mal Minus 30 Grad", sagte damals Jesko Schneider zu mir.

Zwischenstopp in Richtung Asien

Jesko Schneider, oder besser gesagt: seine Arbeit war der Grund, warum ich überhaupt für einen Tag in Sibirien war. Denn Schneider leitete damals die Station von Lufthansa Cargo am Flughafen von Krasnojarsk - immerhin der zweitwichtigste Airport für die Fracht-Fluggesellschaft nach dem Heimatflughafen in Frankfurt. Bis zu 43 Mal pro Woche flogen die Maschinen von Lufthansa Cargo damals nach Krasnojarsk. Allerdings weder um Fracht zu be- noch zu entladen, sondern um die Flugzeuge auf ihrem Weg von Europa nach Asien zu betanken. Es handelte sich sozusagen um eine Tankstelle im Eis. Denn die Frachtmaschine, die MD-11, schaffte die lange Strecke von Frankfurt etwa nach China oder Korea nicht nonstop. Die Piloten sprachen von einem "technischen Zwischenstopp". Die Flugzeuge wurden nämlich nicht nur getankt, sondern auch kurz durchgecheckt. Dafür sorgten Jesko Schneider und seine sechs Kollegen.

Um uns ein Bild von ihrer Arbeit zu machen, lud Lufthansa Cargo drei Journalisten ein, mit einer MD-11 nach Sibirien zu fliegen. Eine Reise, an die ich mich nach all den Jahren gerne zurückerinnere. Ich habe wirklich schon viel erlebt bei der Frankfurter Neuen Presse: Ich bin mal als Flugbegleiterin nach Palma de Mallorca geflogen und wieder zurück. Ich habe Toiletten am Airport geputzt, nachts Lampen auf der Nordwest-Landebahn repariert und die Queen auf dem Römerbalkon winken gesehen. Aber meine Reise zur Tankstelle im Eis ist meine Lieblingsgeschichte. Das war wirklich etwas ganz Besonderes, auch wenn ich viel gefroren habe. Aber wer kann schon von sich sagen, jemals in einem Frachtflugzeug mitgeflogen zu sein? Und dann noch nach Sibirien? Da reist man ja nun auch nicht alle Tage hin.

Kein Wunder. Die Reisevorbereitungen waren ziemlich mühsam, dauerten mehr als einen Monat. Allein die Beantragung des Visums für Russland nahm viel Zeit in Anspruch. So musste man nicht nur einen Visumsantrag ausfüllen und unterschreiben, sondern benötigte auch ein aktuelles Passfoto, einen mindestens sechs Monate gültigen Reisepass mit zwei freien, unbeschädigten Seiten sowie eine gültige Auslandskrankenversicherung mit einer Deckungssumme von mindestens 30 000 Euro. Außerdem musste mein Arbeitgeber ein Schreiben aufsetzen mit ausführlichen Angaben des Reisezwecks, der Namen der Firmen und Orte, die besucht werden sollten. Zusätzlich musste angegeben werden, was ich bei der Zeitung mache, was ich verdiene und dass ich dort auch nach meiner Rückkehr weiterbeschäftigt werde. Angesichts der Anforderungen äußerte ein Mitreisender: "Uff, dafür muss ich mir wohl eine Woche Urlaub nehmen."

Letztlich hat natürlich alles geklappt. Mit Visum in der Tasche ging es für uns dann mitten in der Nacht zum Flughafen. Trotz Nachtflugverbot herrschte auf dem Gelände von Lufthansa Cargo Hochbetrieb. Gabelstapler düsten durch die riesige Halle am Tor 25, karrten festgezurrte, auf Paletten gestapelte Fracht zum Flugzeug, die nach und nach ihren Weg in den Bauch des Fliegers fand. Darunter Medikamente, Chemikalien wie Lacke und große Maschinenteile.

Zeiten ändern sich

Um 5.03 Uhr hob die MD-11 in Richtung Russland ab. Die Welt schlief noch. Nur die kleinen Lichter der Straßenlampen von Wiesbaden und Mainz unter uns waren zu sehen. Ich durfte die meiste Zeit im Cockpit sitzen. Durch das Panoramafenster konnte ich die Sonne langsam aufgehen sehen. Noch heute bekomme ich Gänsehaut beim Gedanken daran. Ein wunderschönes Farbenspiel in Blau, Rot, Orange.

Während des sechsstündigen Fluges erzählten der Kapitän und sein Co-Pilot aus ihrem Arbeitsalltag. "Das ist Globalisierung zum Anfassen", sagte der damalige Co-Pilot Tim Holderer. "Man sieht welche Güter weltweit transportiert werden. Und wenn man beispielsweise Kernspintomographen oder eilige Pharmaprodukte in die USA liefert, dann zeigt das auch, wie wichtig unser Beitrag ist." Flugbegleiter an Bord gab es natürlich nicht. Die Piloten und ihre Gäste mussten sich selbst an den Getränken und den bereitgestellten Speisen bedienen.

Um 18.35 Uhr - Ortszeit - landeten wir in Krasnojarsk. In der sibirischen Kälte. Unsere Maschine flog nach einem einstündigen Zwischenstopp weiter in die chinesische Hafenstadt Shanghai. Auf unserem Programm hingegen standen die Besichtigung der Lufthansa-Cargo-Station, ein Abendessen, Frühstück sowie eine Stadtführung. Nach nicht einmal 24 Stunden ging es für uns zurück nach Frankfurt - in einer anderen Maschine aus Seoul.

Nur drei Jahre nach unserem Besuch in Krasnojarsk hat Lufthansa Cargo seine dortige Station übrigens wieder aufgegeben. Warum? Weil die Fracht-Airline ihr Flotte modernisiert hat. Statt mit der MD-11 geht's heutzutage mit der neuen Boeing-777 gen Fernost. Diese Frachter können ohne Einschränkungen bei der Nutzlast ohne Zwischenstopp fliegen. Eine Zeit lang gab es noch drei Mal wöchentlich Flüge mit der MD-11 mit einem Tank-Stopp in Sibirien - aber in Nowosibirsk, gut 635 Kilometer Luftlinie von Krasnojarsk entfernt. Aber auch das gehört mittlerweile der Geschichte an - ebenso wie bald die MD-11. Bis zum Herbst sollen die letzten drei verbliebenen Exemplare von Lufthansa Cargo die Flotte verlassen.

Das zeigt wieder einmal: Dinge ändern sich. Nur die Erinnerung bleibt - und die eisige Kälte in Krasnojarsk.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare