Der Tiefseeforscher Torben Riehl hat sich auf kleine Krebse spezialisiert und entdeckt immer wieder neue Arten, zu denen auch das Assel-Monster gehört, das statt Augen sogenannte Sinnesborsten besitzt.
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Der Tiefseeforscher Torben Riehl hat sich auf kleine Krebse spezialisiert und entdeckt immer wieder neue Arten, zu denen auch das Assel-Monster gehört, das statt Augen sogenannte Sinnesborsten besitzt.

200 Jahre Senckenberg-Museum

Wie die Forschung ins Museum kommt

  • Sarah Bernhard
    VonSarah Bernhard
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Die Zusammenarbeit wird enger, doch daran müssen sich beide Seiten erst einmal gewöhnen

Der Raum im Senckenberg-Museum ist dunkel wie die Tiefsee. Beleuchtet sind nur deren Bewohner: biolumineszierende Quallen, bizarre Fische, ein Riesenkalmar und ein rund 20 Zentimeter großes, weißes Tier, das aussieht wie eine Mischung aus Ameise, Heuschrecke und einem feindlich gesinnten Außerirdischen. Das Tier lebt eigentlich in viereinhalbtausend Metern Tiefe im Polarmeer und gehört zur Gattung Macrostylis, ist also eine Assel. Eine Artbezeichnung hat es noch nicht. Denn der Tiefseebewohner mit den 14 Beinen gehört zu den geschätzt 90 Prozent der dort lebenden Arten, die noch nicht wissenschaftlich beschrieben wurden.

Darum kümmert sich gerade Torben Riehl. Der 39-jährige Senckenberger ist Tiefseeforscher und hat sich auf kleine Krebse spezialisiert, zu denen auch das Assel-Monster gehört, das statt Augen sogenannte Sinnesborsten besitzt, mit denen es riechen, schmecken und tasten kann. Wobei es eigentlich eher ein Monsterchen ist: Der 3D-Druck im Museum ist eine enorme Vergrößerung, das eigentliche Tier liegt weiter unten auf einem Objektträger für Mikroskope und ist drei Millimeter groß.

Riehl hat die Assel, die nun in der Ende 2020 eröffneten Tiefsee-Ausstellung liegt, von einer seiner Forschungsreisen in die Antarktis mitgebracht. Mehr als ein Jahr seines Lebens hat der gebürtige Schleswig-Holsteiner schon auf See verbracht und Löffel für Löffel Proben untersucht, die ein Greifer vom Tiefseeboden genommen hat. Manchmal sind es ein paar Dutzend Kleinstlebewesen, die die Forscher pro Löffel finden, manchmal mehrere Hundert. Riehl und seine Forscherkollegen konservierten sie in Alkohol und transportierten sie gekühlt in die Senckenberg-Sammlung, wo sie nun nach und nach erforscht und bestimmt werden.

Das bedeutet für Riehl: die genetische Information sequenzieren, das Tier mit dem Lasermikroskop abscannen, den Alkohol durch Glyzerin ersetzen, so dass das Präparat länger haltbar ist - und dann zeichnen. Ganz traditionell von Hand, während er dabei durchs Mikroskop schaut. "Man gewöhnt sich dran", sagt er. Händisch zu zeichnen sei wichtig, damit einem auch die kleinsten Details auffallen - die durchaus den Unterschied zwischen zwei Arten ausmachen können.

Würde Riehl Säugetiere erforschen, könnte er die genetische Sequenz einfach in eine Gendatenbank einspeisen und wüsste sofort, ob sein Tier bereits entdeckt wurde. Als Tiefseeforscher kann er das nicht. "1864 wurde die erste Art meiner Asseln beschrieben, die gibt es in keiner Datenbank. Ich muss also in die Literatur gehen und vergleichen." Manchmal kann ihm dabei das Naturkundemuseum in Oslo weiterhelfen, das noch Originale aus dem 19. Jahrhundert besitzt. Häufiger ist es eine neue Art, die er entdeckt hat. Dass der Beschreibungsprozess bei jedem Tier rund drei Monate dauert und sich aufgrund von anderen Verpflichtungen manchmal über Jahre hinzieht, stört ihn nicht.

Eine große Faszination

Denn was unter der Wasseroberfläche passiert, faszinierte Riehl, der an der Elbe aufwuchs, schon als Kind: "Seit ich mit fünf das erste Mal mit meinem Opa angeln war, und etwas an der Leine zog, das ich nicht sehen konnte, wollte ich immer wissen, was da unten los ist." Er studierte Meeresbiologie, als er die Gelegenheit bekam, an einer Tiefseeexpedition teilzunehmen, ergriff er sie. Seitdem gilt seine Liebe den Krebsen am tiefsten Grund des Meeres, über den er mittlerweile mehr weiß als die meisten anderen Forscher auf der Welt.

Deshalb wurde er um Hilfe gebeten, als es darum ging, ein Konzept für die Tiefsee-Ausstellung zu entwerfen. Herzstück der Ausstellung ist der sogenannte Walfall - ein Exponat, das zeigt, welche Prozesse ablaufen, wenn ein toter Wal auf den Meeresboden gesunken ist, und für das das Senckenberg mit italienischen Modellbauern zusammengearbeitet hat. "Das war gar nicht so einfach, denn die Modellbauer und ich sprachen eine ganz andere Sprache", sagt Riehl. Nicht Deutsch und Italienisch. Sondern die Sprache der Wissenschaft und die der Ausstellungsmacher.

Auch die Zielsetzungen unterschieden sich. Für ihn sei die exakte Darstellung der Zersetzungsprozesse wichtig gewesen. Modellbauer und Ausstellungsdesigner wollten die Ausstellung "zeitlos, authentisch und schön" gestalten. "Sie wollen eine Faszination wecken, die die Besucher in ihren Bann zieht." Die Dauerausstellung ist Teil des neuen Museumskonzepts: Sie soll nicht nur Tiere zeigen, sondern auch deren Umgebung - und wie diese vom Menschen beeinflusst wird.

Sichtweisen zusammenbringen

Diese beiden Sichtweisen zusammenzubringen: "Eine Herausforderung", sagt Riehl und lacht. Er habe damals darauf bestanden, dass auf dem Modell auch seine Asseln berücksichtigt werden. Die Modellbauer widersprachen, fügten sich dann aber. Auf einer Rippe des Wals finden sich jetzt kleine schwarze Punkte - Riehl hatte die Größenverhältnisse nicht bedacht. "Wenn ich Führungen gebe, zeige ich immer mit dem Laserpointer darauf", sagt er, und zeigt, weil er keinen dabei hat, mit dem Finger auf eine bestimmte Rippe. "Wenn man es weiß, sieht man es."

Rund eineinhalb Jahre hat es gedauert, das Walmodell zu bauen. "Die Modellbauer haben gesagt, sie würden das kein zweites Mal machen, weil so viel Detailarbeit nötig war", sagt Riehl. Denn jedes Zersetzungsstadium hat seine eigenen Prozesse und Tiere. Angefangen bei "mobilen Aasfressern", die im ersten Stadium zwischen 40 und 60 Kilogramm Walmuskeln pro Tag verspeisen. Über Resteverwerter und Mikroben, die das Fett der Walknochen zersetzen und dabei Schwefelwasserstoff freisetzen. Bis hin zu Knochenfresser-Würmern, die weder Mund noch Verdauungstrakt haben, und die Walknochen stattdessen mit Hilfe von säureproduzierenden Bakterien zersetzen.

"Ich habe mir am Anfang vieles anders vorgestellt", sagt Torben Riehl. "Aber es war toll, diesen Prozess mitzuerleben und so auch mal ein breites Publikum zu erreichen." Dann verschwindet er in der Dunkelheit. Die namenlose Assel wartet auf ihn.

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