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Wie die Freikörperkultur nach Frankfurt kam

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Von: Sarah Bernhard

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Tief in die Geschichte der Freikörperkultur ist Stadtteilhistorikerin Julia Preißer eingetaucht. Dabei fand sie heraus, dass es in den 1930ern eine Europäische Union für Freikörperkultur gab, deren Gründungstreffen in Frankfurt stattfand.
Tief in die Geschichte der Freikörperkultur ist Stadtteilhistorikerin Julia Preißer eingetaucht. Dabei fand sie heraus, dass es in den 1930ern eine Europäische Union für Freikörperkultur gab, deren Gründungstreffen in Frankfurt stattfand. © Christoph Preißer

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Stadt eine FKK-Hochburg. Die Stadtteilhistorikerin Julia Preißer entdeckte bei ihrer Recherche bisher Unbekanntes.

Dass sich Julia Preißer der Nacktheit widmete, war absoluter Zufall. "Für mein Geschichtsstudium habe ich zur Lebensreformbewegung recherchiert. Dabei fand ich auf der privaten Webseite eines Hobbyhistorikers den Satz, dass es in den 1930ern eine Europäische Union für Freikörperkultur gab, deren Gründungstreffen in Frankfurt stattfand." Berlin und Hamburg, diese beiden Städte kannte die 36-Jährige als FKK-Hochburgen. Aber Frankfurt? "Das klang interessant."

Schlüsselfigur der Frankfurter FKK-Szene war lange Jahre Therese Mülhause-Vogeler, die - manchmal stimmen Vorannahmen eben doch - 1922 mit ihrer Familie von Berlin nach Frankfurt zog. Bis Preißer das herausfindet, wird aber noch einige Zeit vergehen. Denn auch dass sie sich weiter mit dem Thema beschäftigt, ist Zufall. "Ich war mit einer Freundin bei der Frankfurter Nacht der Museen und sie wies mich auf einen Flyer über die Stadtteil-Historiker der Polytechnischen Gesellschaft hin." Spontan bewirbt sie sich - und wird angenommen, obwohl sie im unterfränkischen Landkreis Miltenberg wohnt.

Motiviert macht sich Preißer auf die Suche nach weiteren Informationen und findet: erst einmal nichts. Weder das Institut für Stadtgeschichte noch die Bäderbetriebe haben Infos. Was nun? Als sie für ihr Fernstudium ins Archiv der deutschen Jugendbewegung ins nordhessische Witzenhausen muss, fragt sie auf gut Glück die Archivarin - und bekommt mit den Worten "Sie sind die erste, die sich das anguckt" einen Karton mit recht unsortierten Materialien in die Hand gedrückt. Zwei Tage lang wühlt sie sich durch und findet ein paar Postkarten, die von Frankfurt aus verschickt wurden. Zumindest weiß sie nun, dass es in Frankfurt eine solche Bewegung wirklich gab.

Einen Ort in der Stadt, an dem die Menschen ungestört ihre Hüllen fallenlassen konnten, gab es damals allerdings noch nicht. Die Frankfurter mussten in ein Licht- und Luftbad im Bad Homburger Ortsteil Dornholzhausen oder nach Darmstadt fahren. "Orplid" wurden und werden solche Orte oft genannt, angelehnt an eine mystische, unberührte Märcheninsel aus dem Werk Eduard Mörikes.

Die Archivarin aus Witzenhausen verweist Julia Preißer ans FKK-Archiv in Hannover, das Teil des Niedersächsisches Archivs für Sportgeschichte ist. Der zuständige Professor schickt ihr Unterlagen und empfiehlt ihr ein Buch, das Hinweise auf Therese Mülhause-Vogeler und ihre Schriften enthält. Preißer besorgt sie sich im Antiquariat - endlich ist der Durchbruch geschafft.

Zu Beginn der FKK-Bewegung wollten die Menschen vor allem der Industrialisierung entfliehen, aus bürgerlichen Zwängen ausbrechen, zurück zur Natur. Die Milieus mischten sich, es wurde gemeinsam gebadet, getanzt und gefeiert. 1925 gründet sich eine Frankfurter Ortsgruppe, zu deren Gründungsmitgliedern Mülhause-Vogeler gehörte. Fünf Jahre später gründet sie die "Europäische Union der Freikörperkultur" mit, eben jene Union, die Preißer erst auf die Spur der Frankfurter Nudisten brachte.

Einige Jahre lang lief es für diese gut. Bis zum 21. März 1934. "Eine der größten Gefahren für die deutsche Kultur und Sittlichkeit ist die sogenannte Nacktkulturbewegung", schreibt damals die Staatspolizeistelle Frankfurt. "Die Nacktkulturbewegung ertötet bei den Frauen das natürliche Schamgefühl, nimmt den Männern die Achtung vor der Frau und zerstört dadurch die Voraussetzungen für jede echte Kultur."

Einige völkische Nudisten versuchen zu argumentieren, dass es doch gut sei, wenn man sich nackt sehe, weil sich Frauen dann eher für die gut gebauten germanischen Männer statt für schwächliche Ausländer interessieren würden, doch es hilft nichts. Der Frankfurter Orplid-Verein wird aufgelöst.

Während sich Preißer für die 1930er-Jahre noch durch Tausende Polizeiakten in den Mikrofiche-Beständen des im Hessischen Staatsarchivs in Wiesbaden klicken muss, hat sie es bei der Nachkriegszeit leichter. Denn den Orplid Frankfurt e. V., der sich 1949 neu gründet, gibt es bis heute. "Von Anfang an gab ganz viele bürokratische Hürden, um an ein eigenes Gelände zu kommen. Deshalb hat der Verein insbesondere nach dem Krieg versucht, sich mit sportlicher Bewegung in Verbindung zu bringen." Je weniger anrüchig der Zweck, desto besser.

Und so kam es, dass sich die Nudisten in ihrer ersten Nachkriegssatzung nicht nur der "Pflege der Naturverbundenheit" verschrieben, sondern auch der "Neugestaltung der geschlechtsmoralischen Begriffe und Anschauungen" - aber natürlich nur "im Rahmen der allgemein christlich-sittlichen Bindungen". Zu dieser Zeit gab es in Frankfurt, das konnte Preißer anhand einer Postkarte zeigen, auch eine Gruppe des "Bundes Freier Menschen" um den Sportlehrer Adolf Koch. "Dass er nicht nur in Norddeutschland gewirkt hat, wusste nicht mal der Professor in Hannover."

1957 klappt es dann endlich: Der "Orplid Frankfurt" bekommt ein eigenes Gelände - auf der Gemarkung Neu-Isenburg, wo ihm mittlerweile zehn Hektar zur Verfügung stehen. 1964 findet dort das erste FKK-Tischtennisturnier Hessens statt. Bis heute wirbt der Verein auf seiner Webseite eher mit Sportangeboten denn mit Nacktheit.

Anders jene, die lieber auf der Niddainsel in Nied nacktbaden, und sich 1998 zum zweiten Frankfurter Orplid abspalteten. Sie sprechen gleich auf ihrer Startseite Menschen an, die "ohne textile Zwänge die Natur genießen oder sich sportlich betätigen möchten".

"Viele Leute, mit denen ich telefoniert habe, dachten, ich komme aus der Szene", sagt Julia Preißer und lacht. "Dabei bin ich weder ein FKK-Fan, noch habe ich jemals nackt gebadet." Für sie sei das Projekt einfach "ein cooles Experiment" gewesen. "Mittlerweile kann ich aber verstehen, aus welcher Motivation heraus die Menschen das machen, und finde das schon auch irgendwie cool."

Zur Geschichte

Die Ergebnisse ihrer Arbeit hat Julia Preißer online auf fkk-geschichte-frankfurt.de/ zugänglich gemacht. Die Seite wird noch ergänzt.

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