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Einsatzfahrzeuge der Werkfeuerwehren aus Höchst und Griesheim rückten gestern früh zu dem Unfall bei WeylChem im Industriepark Griesheim aus.

Wieder Salzsäure, wieder WeylChem

Unfall beim Hantieren mit einem chemischen Vorprodukt legt gestern zwei Stadtteile für Stunden lahm

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Sirenengeheul hat die Menschen in Nied und Griesheim gestern früh aus dem Schlaf gerissen: „Stoffaustritt aus einem Tankbehälter“. Die Abriegelung löste im Berufsverkehr viele Staus bis auf die Autobahnen aus.

Nach dem Freiwerden eines Salzsäurenebels aus einem Tanklastzug im Industriepark Griesheim ist gestern früh um kurz nach 4 Uhr Sirenenalarm in Nied und Griesheim ausgelöst worden. Die Polizei riegelte Teilbereiche ab, etwa die Stroofstraße von Nied in Richtung Griesheim oder die Zufahrten von der Mainzer Landstraße nach Griesheim. Der Verkehr staute sich auch auf den Autobahnen und Bundesstraßen rund um den Frankfurter Westen. Die S-Bahn-Haltestellen Griesheim und Nied konnten nicht angefahren werden. Wie der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) im Internet mitteilte, kam es auf den Linien 1 und 2 zu Ausfällen, Verspätungen und Umleitungen. Obwohl die Bewohner von Nied und Griesheim über Radio aufgefordert wurden, zu Hause zu bleiben und Türen und Fenster geschlossen zu halten, waren überall Menschen auf den Straßen. Um 8 Uhr wurde dann mit einem Sirenen-Dauerton Entwarnung gegeben.

„Standardverfahren“

Dass die Anwohner aufgefordert wurden, Türen und Fenster geschlossen zu halten, sei ein Standardverfahren, erklärte ein Polizeisprecher. Über die App „Katwarn“ wurde allerdings erst drei Stunden nach der Erst-Alarmierung informiert. Die Werkfeuerwehren Griesheim und Höchst schlugen derweil den ausgetretenen Salzsäurenebel mit Wasserschleiern nieder, dabei half auch der Nieselregen. Die Frankfurter Berufsfeuerwehr stand an der Grenze des Industrieparks Griesheim mit 80 Einsatzkräften und 20 Fahrzeugen bereit, musste aber nicht eingreifen. Das angefallene Niederschlagswasser wurde in einem Auffangbehälter zurückgehalten.

Die Feuerwehr berichtete auf ihrer Internetseite, die Salzsäuredämpfe seien aus einem Container ausgetreten. Zuerst war die Rede davon gewesen, ein Tanklastzug sei umgekippt. Das bestätigte sich nicht. Trotzdem konnte eine Gefahr für die Bevölkerung zunächst nicht ausgeschlossen werden. Auf Twitter veröffentlichte die Feuerwehr auch eine Karte mit dem Bereich, der von der Warnung betroffen war. Nach rund dreieinhalb Stunden gab die Feuerwehr dann aber Entwarnung. Alle an verschiedenen Stellen durchgeführten Messungen seien negativ ausgefallen, wie ein Feuerwehrsprecher sagte. Bei allen Messungen habe die Konzentration in der Luft unter der Nachweisgrenze gelegen. Nichtsdestotrotz klagten vereinzelt Menschen aus Nied und Griesheim über gerötete Augen und Hautjucken. In der Notaufnahme des Klinikums Höchst meldete sich jedoch niemand.

„Unter der Nachweisgrenze“

Wie das betroffene Unternehmen WeylChem Griesheim GmbH mitteilte, sind Salzsäuredämpfe beim Einatmen giftig und können zu Verätzungen der Haut sowie zu schweren Augenschäden führen. Salzsäure sei ein Vorprodukt für zahlreiche chemische Prozesse und komme daher in dem betroffenen Betrieb zum Einsatz.

Die für solche Vorkommnisse zuständigen Behörden von Stadt und Regierungspräsidium haben die Ermittlungen aufgenommen. Während das Lagezentrum des Industrieparkbetreibers Infraserv von einem „Stoffaustritt“ sprach, benutzte die Polizei das Wort „Störfall“.

WeylChem hat die Anwohner und Nachbarn für die entstandene Beeinträchtigung um Entschuldigung gebeten. Die Firma beschäftigt an den Standorten Höchst und Griesheim rund 270 Mitarbeiter. Sie gehört zur International Chemical Investors Group (ICIG) mit Sitz in Frankfurt und ist ein Hersteller von Spezialchemikalien und Zwischenprodukten für industrielle Weiterverwender. Verwendet werden die Stoffe für fast alles, von Pflanzenschutz- und Arzneimitteln über Farben bis hin zu Hochleistungskunststoffen.

Für die Nachbarn des Industrieparks Griesheim steht unter der Telefonnummer (069) 38 00-26 00 oder -27 00 ein Bürgertelefon zur Verfügung. Beim Industriepark Höchst ist die Nummer (069) 305-40 00. Aktuelle Informationen gibt es in solchen Fällen auch im Internet unter ihr-nachbar.de.

Es ist immer der gleiche Störfall-Nebel

Es lief, wie es immer lief: Keiner wusste Bescheid. Die Frankfurter Feuerwehr verbreitete andere Informationen als das Lagezentrum; im Radio ging es vor allem um Straßensperrungen. Die vielgepriesene App „Katwarn“ hat den Vorfall gestern komplett verschlafen. Lehrer, Kindergärtnerinnen, Eltern – sie mussten sich selbst informieren. Auch Schulleiterinnen bekamen noch drei Stunden nach dem Vorfall keine gesicherten Auskünfte; dann hieß es plötzlich qua Dienstanweisung, die Schulen öffneten regulär – nur kamen die Lehrer nicht hin, und in einigen Fällen mussten Hausmeister die Kinder in Empfang nehmen.

Was immer noch verwundert, ist, dass Menschen, die neben Chemieanlagen wohnen, die Sirenensignale nicht kennen und auf Facebook und in anderen sozialen Medien Gerüchte aufsaugen, anstatt sich auf den Seiten der Feuerwehr die spärlichen Informationen zu holen, die es dort gibt – von denen man aber annehmen darf, dass man sie zur Entscheidungsfindung heranziehen kann, ob man seine Kinder aus dem Haus schickt oder nicht. Natürlich hat wieder einmal „zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden“. Das haben wir schon am 2. August 2016 gehört, als Salzsäurenebel bei WeylChem aufstieg. Auch am 18. Dezember 2015 – übrigens auch WeylChem, auch Salzsäuredämpfe. Die Liste der Pannen liest sich immer wieder gleich, und genauso unbefriedigend ist die schnelle Information entscheidender Stellen, die darauf warten – etwa die Schulen rund um das Dauer-Pannenwerk.

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