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Wieso dieser Frankfurter Professor Angst hat vor der nächsten Corona-Welle

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Von: Sarah Bernhard

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Immer mehr Covid-Infektionen und Patienten in Frankfurt. Doch noch aus einem anderem Grund hat die Uniklinik Angst vor der nächsten Corona-Welle.

Frankfurt - Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt seit einigen Tagen auch in Frankfurt wieder. Die Inzidenz erreichte am vergangenen Samstag mit 408 ein lokales Hoch. Neuinfektionen in ähnlich hoher Zahl wurden das letzte Mal Anfang August gemeldet. Gestern lag die Inzidenz mit 382 zwar wieder etwas niedriger, doch ist das in der Regel der niedrigeren Zahl der Testungen am Wochenende zuzuschreiben. „Wir werten die steigenden Inzidenzen nicht als Ausreißer, sondern sehen einen echten Trend“, erklärt Christina Benfer, Sprecherin des Gesundheitsamts, auf Anfrage. „Es ist also von einer neuen Welle auszugehen.“

Insgesamt gab es gestern in Frankfurt rund 2000 aktive Fälle, allerdings ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da nicht mehr jeder Infizierte einen PCR-Test macht und es außerdem symptomfreie Verläufe gibt. Bisher sind 1433 Frankfurter an Covid gestorben.

Krankenhäuser in Frankfurt bereits stärker belastet

Es sei sehr wahrscheinlich, so Benfer weiter, dass es im Herbst und Winter wieder zu einer stärkeren Belastung des Gesundheitssystems und steigenden Personalausfällen auch in anderen Branchen kommen werde. „Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von sogenannten Kritischen Bereichen - hierzu zählen naturgemäß auch Krankenhäuser und andere Einrichtungen der Gesundheitsversorgung - sind hiervon betroffen“, sagt Prof. Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Uniklinikums.

Graf, der auch die Corona-Bettenzahlen der Hessischen Kliniken koordiniert, ergänzt: Der Anstieg der Fallzahlen setze sich bereits bis in die Krankenhäuser fort - und zeige sich sowohl auf den Normalstationen als auch auf den Intensivstationen. In den Frankfurter Kliniken stieg vor allem die Zahl derjenigen Intensivpatienten, die beatmet werden müssen, und erreichte mit sechs Personen ebenfalls wieder die Höhe von Anfang August. Insgesamt befanden sich gestern elf Personen mit Covid auf Frankfurter Intensivstationen.

Direktor der Uniklinik Frankfurt kritisiert neues Infektionsschutzgesetz

Doch auch das Impfen mit den gegen die momentan in Deutschland vorherrschenden Covid-Varianten BA.4 und BA.5 entwickelten neuen Impfstoffen sei gut angelaufen, heißt es aus dem Gesundheitsamt: Täglich würden im städtischen Impfzentrum in Sachsenhausen etwa 250 Dosen verimpft. Vor Zulassung der angepassten Impfstoffe lag die Zahl bei durchschnittlich etwa 370 Impfungen - pro Woche.

Welchen Einfluss die besonders ansteckende Variante BA.2.75 auf das Frankfurter Pandemie-Geschehen haben wird, sei noch nicht abzusehen, heißt es aus dem Gesundheitsamt. Dieser Untertyp hat besonders viele Mutationen am Spike-Protein (acht im Vergleich zu dreien bei der Variante BA.5) und wird deshalb vom Immunsystem besonders häufig nicht erkannt. Wie viele Ansteckungen mit BA.2.75 es bereits gab, wird nur bundesweit, nicht lokal erhoben. Deutschlandweit macht die Subvariante noch unter einem Prozent der Ansteckungen aus. Kann man sich das Boostern also sparen, wenn es die Ansteckung mit Subvarianten nicht verhindert? Nein, sagt Reimann. Denn ein gewisser Schutz gegen schwere Verläufe bestehe weiterhin.

Sowohl Klinikdirektor Graf als auch das Gesundheitsamt üben Kritik am diesen Samstag in Kraft getretenen neuen Infektionsschutzgesetz. „Mit Blick von der Basis schätzt man einzelne Punkte natürlich anders ein als der Bundesgesetzgeber“, heißt es aus dem Amt, ohne dass Benfer näher darauf eingeht, um welche Punkte es sich dabei handelt.

Neue Coronaregeln führen auch in Frankfurt zu Problemen

Graf wird deutlicher: „Es ist für die Beschäftigten im Gesundheitswesen schwer zu vermitteln, warum die Regeln für sie jetzt strenger werden, wo doch im Alltag außerhalb der Gesundheitseinrichtungen immer weiter gelockert wird.“ Seit Monatsbeginn müssen sie bei der Arbeit grundsätzlich FFP2-Masken tragen und sich vor Arbeitsbeginn testen. Ansonsten sind Masken nur noch im öffentlichen Fernverkehr verpflichtend.

Beide Maßnahmen führen in den Kliniken laut Graf zu Problemen: Die FFP-2-Masken haben einen höheren Atemwiderstand als chirurgische Masken, was die Arbeit für die Mitarbeiter anstrengender mache. Zudem werde die Verpflichtung zum anlasslosen Testen „zu vermehrten Ausfällen von symptomfreien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen“.

Statt die Standards für innerhalb und außerhalb von vulnerablen Bereichen immer weiter auseinanderdriften zu lassen, fände es Graf begrüßenswert, wenn Menschen beispielsweise in öffentlichen Gebäuden oder beim Einkaufen freiwillig Maske trügen. „Nur so lassen sich die Belastungen für das Gesundheitswesen und andere kritische Bereiche in Grenzen halten.“

Professor Jürgen Gräf von der Uniklinik Frankfurt ist sauer auf die Bundespolitik. Denn sie erschwert das Arbeiten der Mediziner während der nächsten Corona-Welle zusätzlich.
Professor Jürgen Gräf von der Uniklinik Frankfurt ist sauer auf die Bundespolitik. Denn sie erschwert das Arbeiten der Mediziner während der nächsten Corona-Welle zusätzlich. © Michael Schick

Frankfurt: Gesundheitsamt rät dazu, die AHA-L-Regeln einzuhalten

Auch das Gesundheitsamt rät dazu, nicht nachlässig zu werden und die AHA-L-Regeln (Abstand, Hände waschen, Alltag mit Maske und Lüften) weiter einzuhalten. „Wir alle profitieren von jeder verhinderten Infektion“, sagt Benfer. „Sei es durch den Wegfall der individuellen kurz- und langfristigen Krankheitsfolgen, oder auch durch Verminderung bevölkerungsrelevanter Folgen wie der Belastung des Gesundheitssystems oder Personalausfällen.“ (Sarah Bernhard)

Der Uniklinik Frankfurt bereitet nicht nur Corona Sorgen, sondern auch die Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi über einen neuen Tarifvertrag. Erst kürzlich streikten die rund 4.000 nichtärztlichen Beschäftigten an der Uniklinik wieder.

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