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Willemer-Häuschen in Sachsenhausen öffnet nach Winterpause wieder

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Das Willemer-Häuschen in Sachsenhausen. An dem achteckigen Bau grenzt ein idyllischer Garten an. Hier kam es zur Begegnung zwischen Goethe und Marianne von Willemer. FOTO: Faust
Das Willemer-Häuschen in Sachsenhausen. An dem achteckigen Bau grenzt ein idyllischer Garten an. Hier kam es zur Begegnung zwischen Goethe und Marianne von Willemer. © Michael Faust

Besucher können in Frankfurt bald wieder die Räume und den Garten besichtigen,wo der alte Poet Goethe die schöne Marianne einst poussierte.

Frankfurt - Ihr Geheimnis sollte erst nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gelangen. Marianne von Willemer verband mit Johann Wolfgang von Goethe eine leidenschaftliche Beziehung, die auch unter anderem verschlüsselt in diversen Gedichten wiedergegeben ist. Zum Beispiel im Gedichtband "West-östlicher Divan" in dem Goethe als Hatem und Marianne als Suleika verschlüsselte Liebesbotschaften austauschen.

Hatem:

Nicht Gelegenheit macht

Diebe,

Sie ist selbst der größte Dieb;

Denn sie stahl den Rest der

Liebe

Die mir noch im Herzen blieb.

Dir hat sie ihn übergeben,

Meines Lebens Vollgewinn,

Dass ich nun, verarmt mein

Leben

Nur von dir gegenwärtig bin

Suleika:

Hochbeglückt in deiner Liebe

Schelt ich nicht Gelegenheit

Ward sie auch an dir zum Die-

be

Wie mich solch ein Raub er-

freut

Was so willig du gegeben

Bringt dir herrlichen Gewinn

Meine Ruh, mein reiches Leben

Geb ich freudig, nimm es hin!

Ihren Anfang genommen hatte ihre Beziehung im heutigen Willemer-Häuschen im Hühnerweg. Das klassizistische, zweistöckige Gebäude ist durch die dortige Begegnung von Goethe und Marianne in die Frankfurter Geschichte eingegangen. Dort sollen sich der 65-jährige Dichterfürst und die 30-jährige Bankiersgattin, die sich erst kurz zuvor während eines Kuraufenthaltes kennengelernt hatten, am Abend des 18. Oktober 1814 nähergekommen sein.

Es ist nicht überliefert, was sich an dem Abend vor über 200 Jahren tatsächlich in den rosafarbenen Wänden abgespielt hat. Jedoch zeugen der anschließende Briefwechsel der beiden, der bis zu Goethes Tod andauern sollte, von tiefer Zuneigung. Als begabte Dichterin teilte Marianne nicht nur Goethes Liebe zum Orient, sondern antwortete auf seine leidenschaftlichen Briefe mit ebenso hingebungsvollen Liebesgedichten.

Verschlüsselte

Liebesbeziehung

Als uneheliche Tochter einer Schauspielerin mit 14 Jahren von Österreich nach Deutschland gekommen, führte Mariannes Weg ans Frankfurter Theater, wo sie zunächst in kleineren Rollen und als Tänzerin auftrat. Die künstlerisch vielseitig begabte Frau verfasste schon früh eigene Verse. So erlebte der Dichterfürst beim ersten Zusammentreffen eine selbstbewusste, charmante Künstlerin, die ihn mit ihren eigenen Dichtungen zu überzeugen wusste.

Doch erst der berühmte Abend am 18. Oktober auf dem Balkon des Willemer-Häuschens ließ die Leidenschaft Goethes nach eigener Aussage für die 35 Jahre jüngere Frau voll aufflammen. Die heimliche Liebesbeziehung der beiden sollte wenig später in einem gemeinsamen literarischen Projekt münden: der erwähnte, von Goethe 1819 veröffentlichten Gedichtband "West-östlicher Divan", in welchen die Beziehung der beiden verschlüsselt in dem Abschnitt um die Liebe zwischen Hatem und Suleika zu finden ist. Marianne hatte selbst einen großen Anteil an Gedichten für das Projekt beigesteuert. Darunter auch "Ostwind" und "Westwind". die am häufigsten vertonten Lieder der Sammlung.

Trotz ihrer regen Schreibtätigkeit war Mariannes Rolle als Co-Autorin jahrzehntelang unbekannt. Auch in Goethes Werk taucht ihr Name nicht auf. Dies weniger aus Geltungssucht Goethes heraus, sondern mehr im aus gegenseitigen Einverständnis, um die verheiratete Frau nicht in Schwierigkeiten zu bringen, Erst im Jahre 1852, als sich Marianne im Alter von 68 Jahren einem Gelehrten anvertraute, erfuhr die Öffentlichkeit von ihrem Schaffen. Der Gelehrte war niemand anderes als Hermann Grimm, Sohn des berühmten Märchensammlers Wilhelm Grimm.

Auf romantischer

Spurensuche

Grimm machte das Geheimnis publik und sorgte für eine Sensation. In der Forschung herrscht heute Einigkeit, dass keine andere Frau dichterisch so eng mit Goethe im Austausch stand - zudem Marianne von Willemer in ihrem Schaffen auf Augenhöhe zu dem Dichterfürsten angesehen wird. Wer sich auf die Spuren des Dichterpaares begeben möchte, kann von nun an bis zum Herbst jeden Sonntag das Willemer-Häuschen besichtigen. Dort erinnert nicht nur der originale Toilettentisch an Goethes Muse. Auch eine Kopie des Marianne gewidmeten, mit zwei Ginko Blättern verzierten Gedichtes "Gingko biloba" ist dort zu sehen.

Der lauschige, teils sichtgeschützte Garten lädt im Sommer mit seinen Bänken und Blumen zum Verweilen ein und lässt Besucher die romantische Atmosphäre nachfühlen, welche Goethe und Marianne vor über 200 Jahren hier empfunden haben müssen. niKLAS MÜLLER

Öffnungszeiten: Das um 1800 erbaute Willemer-Häuschen diente einst als Wach- und Aussichtsturm für den Wächter des Weinbergs, welcher sich damals an der Stelle befand. Im Jahr 1809 erwarb Mariannes Mann, Bankier Jacob Willmer, das Gebäude und baute es zu einem idyllisch gelegenen Sommerdomizil um. Am Ostersonntag, 17. April, öffnet das Willemer-Häuschen im Hühnerweg 74 nach einer langen Winterpause nun seine Pforten wieder für Besucher. Nicht nur Goethe-Fans und Literaturfreunde können dann jeden Sonntag bis einschließlich 16. Oktober von 11 bis 16 Uhr das geschichtsträchtige Bauwerk besichtigen. Der Eintritt ist frei.

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