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Der Ausbau erneuerbarer Energien geht voran. (Symbolbild)

Erneuerbare Energien

Windkraft contra Flugverkehr: Acht weitere Räder?

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Ein Hauch von Hoffnung weht: Könnten sich am Ende doch zwölf Windräder im Städtedreieck von Frankfurt, Bad Homburg und Karben drehen? Der Regionalverband will dort weiterhin Windkraft erlauben, denn an Lösungen für das Problem mit der Flugsicherung wird geforscht.

Die Landschaft an der nördlichen Spitze der Frankfurter Gemarkung könnte heute schon anders aussehen. Statt nur vier Windräder könnte dort ein kleiner Windpark mit zwölf Rotoren längst von sauberer Energieerzeugung künden.

Auf Nieder-Erlenbacher Gemarkung möchte der Frankfurter Energieversorger Mainova samt seines Projektplaners Abo-Wind aus Wiesbaden weitere vier Windräder bauen. Nur einen Steinwurf entfernt haben die Städte Karben und Bad Homburg mit dem ostfriesischen Windradbauer Enercon weitere vier Rotoren vorgesehen – grenzübergreifend auf ihren Gemarkungen. 

Aufs Abstellgleis

Doch die Projekte liegen seit Jahren auf Eis. Das Nieder-Erlenbacher Vorhaben hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) gerade im Oktober aufs Abstellgleis geschoben. Die Richter sprangen der Deutschen Flugsicherung (DFS) bei, die den Bau weiterer Windräder in der Gegend untersagte, weil andernfalls die Navigation in der Luftfahrt gefährdet werden könnte.

Das erklärt Richter und VGH-Sprecher Helmut Schmidt. In der Region sei „das zulässige Störpotential“ nach Überzeugung des Senats „in einem Umfang überschritten, der eine Zulassung weiterer Windenergieanlagen aus Gründen der Flugsicherung verbiete“. Revision ließen die Richter nicht zu.

Allerdings hat der Planungsverband erst im November die finale Fassung des Plans für den Windkraft-Ausbau im Rhein-Main-Gebiet veröffentlicht. Darin sind die Flächen im Städtedreieck von Frankfurt, Bad Homburg und Karben weiterhin enthalten. Ein Fehler? Nein, betont Frank Tekkiliç, Sprecher des Regionalverbandes Frankfurt/Rhein-Main.

Die Standorte im Norden Frankfurts gehörten zu jener Kategorie, bei denen die Flugsicherung nicht generell Nein sage. Es bleibe aber dabei, „dass für jede Anlage eine Einzelfallprüfung nötig ist“, sagt Tekkiliç. Wieso aber sollen Standorte erhalten bleiben, bei denen am Ende doch die Richter Nein sagen?

Weil sich die technische Situation in Kürze wohl grundlegend ändert: Neue Erkenntnisse aus der Physik-Forschung könnten womöglich mehr Windräder in Funkfeuernähe ermöglichen. Es stehe „eine Revolution“ bei der Betrachtung von Funkstrahlung „für den kompletten Raum“ bevor, erklärt Dr. Thorsten Schrader von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. Seit 2015 widmen er und sein Spezialistenteam sich dem Problem. Kein Wunder, hat der Konflikt doch teure Folgen: Mehr als fünf Milliarden Euro lägen auf Eis, erklärt die PTB. 

Drohnen messen Strahlung

Erste Ergebnisse gibt es schon: Mit einer neu entwickelten Drohne können die Forscher die tatsächlichen Auswirkungen der Windräder auf die Funkstrahlung messen. „Wir müssen verstehen, was dort passiert“, erklärt Schrader. „Bisher gab es nur Vermutungen, aber keine belastbare Auswertung.“ Auf Basis der Vermutungen entschied die Flugsicherung bislang im Zweifel gegen das Windrad – laut ihres vorrangigen Auftrags, den Luftverkehr sicher abzuwickeln.

Aktuell arbeitet das Team von Dr. Schrader bereits an einem „Interimsmodell“, um die Forschungsergebnisse „sofort in die Praxis überführen zu können“. So sollen die Berechnungsmethoden der Flugsicherung verbessert werden – und zwar schon „in einem relativ kurzfristigen Zeitraum von einem halben Jahr“, schätzt der Experte. 

Weiterhin Interesse

Deshalb schiebt man beim Windradentwickler Abo-Wind den Standort Nieder-Erlenbach noch lange nicht in die Ablage.

Wenn sich im Konflikt zwischen Windkraft und Flugsicherung etwas ändere, „würden wir gegebenenfalls auch unser Projekt weiterverfolgen“, sagt Firmensprecherin Lena Fritsche.

Auch in den Nachbarstädten hält man sich die Hintertür offen: „Unser grundlegendes Interesse besteht weiterhin“, sagt Karbens Bürgermeister Guido Rahn (CDU).

In Bad Homburg betont Andreas Möring, Sprecher von Bürgermeister Meinhard Matern (CDU), zwar: „Die Stadtwerke verfolgen das Projekt nicht weiter.“ Die Aussage gelte für den aktuellen Zeitpunkt, räumt er auf Nachfrage aber ein. „Ich kann nicht in die Zukunft schauen.“

FNP-Kommentar: Schluss mit den Vermutungen

Rund um Frankfurt sind Windräder bisher recht rar. Ein paar im Nordosten, ein paar weit im Südwesten und jene vier, die sich am nördlichen Stadtrand drehen.

Energiewende? Sieht eher dürftig aus. Dabei ist es besonders effektiv, Energie dort zu produzieren, wo sie benötigt wird. Das geht nicht überall, keine Frage. Eine kluge Entscheidung ist, im Sinne des Landschaftsbildes zum Beispiel die Taunushänge nicht mit Rotoren zuzupflastern. Stattdessen wäre es natürlich klug, wenigstens vorhandene Windparks zu vergrößern – wie jenen in Frankfurts Norden.

Das aber verhindert bisher oftmals die Flugsicherung. Dabei soll, was so destruktiv wirkt, gar nicht destruktiv sein. Denn die Lotsen haben als oberstes Ziel, dass der Luftverkehr sicher funktioniert. Alles anders muss sich unterordnen. In Folge jedoch scheitern Windräder offenbar bisher nur an bloßen Vermutungen, wonach ein Rotor die Navigation der Piloten beeinträchtigen könnte . Das ist beileibe kein Aushängeschild für ein hochtechnisiertes Land.

So sind die Forschungsergebnisse der Physiker aus Braunschweig eine große Erleichterung. Sie haben das Zeug, der Windenergie in Rhein-Main frischen Auftrieb zu geben. So kann Energie auch in und um Frankfurt noch grüner erzeugt werden. Mit maximaler Sicherheit in der Luft und größtmöglichem Landschaftsschutz am Boden.

VON DENNIS PFEIFFER-GOLDMANN

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