DFB-Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge (links) und DFB-Akademie-Leiter Tobias Haupt auf dem Balkon des 300 Meter langen Gebäudes. Von dort hat man einen schönen Blick auf die Frankfurter Skyline.
+
DFB-Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge (links) und DFB-Akademie-Leiter Tobias Haupt auf dem Balkon des 300 Meter langen Gebäudes. Von dort hat man einen schönen Blick auf die Frankfurter Skyline.

DFB-Akademie in Frankfurt

"Wir arbeiten an konkreten Lösungen für den Fußball"

  • VonMichelle Spillner
    schließen

Tobias Haupt und Stephan Osnabrügge über die inhaltliche Ausrichtung der neuen Nachwuchsförderung

Tobias Haupt leitet die DFB-Akademie auf dem DFB-Campus. Sein Schwerpunkt sind die Bereiche "Entwicklung und Innovation". Er koordiniert den konzeptionellen Aufbau und die Optimierung des Lernens und betreibt die strategischen und operativen Ziele der Akademie. Mit ihm und DFB-Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge hat Michelle Spillner über die Akademie und ihre künftige Arbeit gesprochen.

Mit dem DFB-Campus und seiner Akademie soll der Fußball besser werden. Da sind zum einen die Gebäude, die vieles ermöglichen. Und inhaltlich: Wie macht man Fußball besser?

TOBIAS HAUPT: Unser Ansatz basiert auf drei Säulen. Zum einen sind wir inhaltlicher Wegbereiter für unsere Nationalmannschaften, Männer wie Frauen. Die Zielsetzung der Akademie ist es, die letzten Prozente an Leistungsoptimierung in jedem Bereich heraus zu kitzeln, auf und neben dem Platz. Wenn Sie allein im Bereich der Ernährung, der Psychologie, der Belastungssteuerung oder der Wahrnehmungsfähigkeit ein Prozent optimieren, dann sind es in Summe sechs, sieben Prozent, und das kann in der Spitze einen entscheidenden Unterschied machen. Das heißt für uns auch, permanent Handlungsfelder zu erkennen, Ansätze und Inhalte zu optimieren.

Und die zweite Säule?

HAUPT: Die zweite Säule ist, Impulsgeber zu sein. Als Verband sind wir für das Gesamtsystem Fußball mit verantwortlich. Beispiel Talententwicklung: Die U-Nationalspieler und -spielerinnen verbringen nur ungefähr 15 Prozent der Zeit im Jahr bei unseren Nationalmannschaften und die restlichen 85 Prozent in ihren Vereinen. Das heißt, die Hauptarbeit in der Ausbildung passiert in den Vereinen. Für uns ist es daher essenziell, permanent im Austausch mit den Vereinen zu sein, wenn wir Dinge übergreifend erkennen und nachhaltig verändern wollen. Dadurch, dass wir nicht im Wochenrhythmus an sportliche Ergebnisse gekoppelt sind, haben wir die Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen. Offenheit für Neues und Lernen von anderen - aus anderen Wirtschaftsbereichen oder von anderen Sportarten - sind zentrale Bestandteile unserer Kultur. Diese neuen Impulse und Entwicklungen sammeln wir als Akademie, bereiten die Inhalte entsprechend auf und stellen sie der gesamten Fußballfamilie zur Verfügung.

Dann fehlt nur noch die Umsetzung der Theorie in die Praxis.

HAUPT: Das ist die dritte Säule: Umsetzer zu sein, also kein Elfenbeinturm, keine Universität und auch kein theoretisches Forschungslabor, sondern ganz im Gegenteil: Die Akademie findet im Hier und Jetzt statt. Wenn im Fußball Probleme bestehen, geht es darum, diese frühzeitig zu identifizieren: Beispielsweise haben wir schon längst erkannt, dass wir auf bestimmten Positionen Probleme haben: Auf der Position des linken Außenverteidigers oder des klassischen Mittelstürmers. Wir erkennen, dass wir auch auf der Torhüterposition in den nächsten Jahren Probleme bekommen werden. Auf Basis dieser Erkenntnisse setzen wir dann Projekte auf und arbeiten gemeinsam mit unseren Experten, den Vereinen und der Liga daran, Entwicklungen langfristig zu verändern. Zusammengefasst: Die Rolle der Akademie ist es, Themen zu erkennen, unterschiedliche Experten und Expertinnen zusammenzubringen und an ganz konkreten Lösungen für den deutschen Fußball zu arbeiten.

Wie stellt man eine Fußball-Akademie und ihre inhaltliche Arbeit auf?

HAUPT: Wir sind sehr analytisch und strategisch vorgegangen. So haben wir uns unter anderem angesehen, was im internationalen Fußball Status quo ist und wie andere Nationen arbeiten. Daneben haben wir unser eigenes System kritisch analysiert. Dabei ging es beispielsweise um die Frage, welche Kernbereiche für die sportliche Leistung entscheidend sind und in welchen Bereichen die größten Hebel für die Leistungsoptimierung stecken. Als Ergebnis standen acht Kernbereiche, die wir in unserem Performance-Center gebündelt haben. Da sind klassische Bereiche dabei, die man schon seit vielen Jahren kennt, wie Medizin, Psychologie, Scouting und Analyse. Aber wir haben auch bewusst neue Bereiche dazu genommen, wie den Ernährungsbereich, der im Fußball immer noch eher stiefmütterlich behandelt wird, oder neurozentriertes Training. Dabei geht es um eine verbesserte Bewegungsqualität, Bewegungseffizienz und geistige Leistungsfähigkeit, indem unter anderem das zentrale Nervensystem und das Gehirn gezielt trainiert werden. Mit dem Ziel, zum Beispiel das periphere Sehen oder die Handlungsschnelligkeit auf dem Platz zu verbessern, was letztlich bessere sportliche Leistungen zur Folge haben kann. Zudem haben wir die Themen Persönlichkeitsentwicklung und Leadership mit aufgenommen. Wir wollen unsere Spieler und Spielerinnen, Nationalspieler der Zukunft, auch als Persönlichkeiten weiterentwickeln. Die Impulse können dabei auch aus den Trainerteams kommen: Beispielsweise im Hinblick auf die Handlungsschnelligkeit oder Kreativität unserer Spieler. Aber auch unsere Nationalspieler und -spielerinnen können jederzeit mit Themen und eigenen Anliegen in die Akademie kommen und sagen, wir sehen zum Beispiel Bedarf beim Thema Schlafoptimierung. Dann wandert das zu uns ins Performance-Center und es werden ganz konkrete Lösungsmöglichkeiten erarbeitet, die die Spieler in dem jeweiligen Thema weiterbringen sollen. All das findet bereits im Hier und Jetzt statt. Für uns ist aber auch eine fundierte Ausbildung und permanente Weiterentwicklung der Schlüsselpositionen des deutschen Fußballs ein entscheidender Erfolgsfaktor. Die Themen sind sehr komplex, weil auch der Spitzenfußball inzwischen sehr komplex geworden ist. Deswegen ist es auch so wichtig, dass es eine Institution gibt, die alles bündelt und die Dinge zentral auf die Straße bringt.

STEPHAN OSNABRÜGGE: Neu ist vor allem der integrierte Ansatz. Die Sporthochschule Köln hat sich schon immer mit Scouting beschäftigt, die Universität des Saarlandes mit sportmedizinischen Ansätzen - wir versuchen hier, erstmals alles in einem gezielt auf Spitzenfußball ausgerichteten Konzept zusammenzuführen und sich gegenseitig nutzbar zu machen.

Da hat sich ja einiges verändert. Der Fünfziger-Jahre-Fußball: Da hat man die Schuhe angezogen und die Schienbeinschoner und ist losgelaufen, hinterm Ball her...

OSNABRÜGGE: Da gab es vor allem Schraubstollen, damit man bei Fritz-Walter-Wetter nicht ausrutschte (lacht). Das war die große Leistung von Adi Dassler. Wenn Sie sich Fußballspiele anschauen von damals, werden Sie feststellen, wie langsam die Spieler wirken, wie wenig Bewegung im Spiel ist, wie lang die Ballbesitzzeiten sind und wie wenig dynamisch das im Vergleich zu heute ist. Das hat sich massiv verändert. Die spannende Frage ist, was muss übermorgen auf dem Platz stehen, damit wir endlich wieder ins Finale kommen und Europameister werden. Das ist die Frage, die wir hier beantworten müssen.

Wir waren da ja einmal Vorreiter.

HAUPT: Wir haben immer auch den internationalen Wettbewerb und aktuelle Entwicklungen im Blick. Um die Jahrtausendwende wurde als gemeinsamer Schulterschluss im deutschen Fußball ein einzigartiges Talentförder- und Stützpunktsystem auf den Weg gebracht, um das uns andere Länder immer noch beneiden. Allerdings haben andere Nationen unser System in den vergangenen Jahren bis ins Detail analysiert, die eine oder andere Schwachstelle erkannt und in den letzten Jahren sehr viel investiert, um die Abstände immer mehr zu verringern. Inzwischen sind wir im einen oder anderen Bereich ein Stück weit überholt worden. Daher setzen wir seit knapp drei Jahren die notwendigen, inhaltlichen Veränderungen konsequent um. Allerdings ist auch jetzt wieder ein großer Schulterschluss aller Beteiligten im deutschen Fußball notwendig, um den Rückstand zur Weltspitze wieder verkleinern zu können. Die DFB-Akademie ist hierfür der Umsetzungsmotor.

Was heißt das für die Praxis?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir waren vor zwei Jahren mit einer Delegation im Silicon Valley, und haben uns neben amerikanischen Konzernen unter anderem auch Sportarten angesehen. Da sehen Sie beim Baseball oder beim Football: Jede Position hat einen eigenen Spezial-Trainer. Erste Trainer im internationalen Fußball arbeiten mit eigenen Spezialisten für Standardsituationen oder Einwurfsituationen. Das sind Impulse, die wir auch in den deutschen Fußball geben. Aus diesem Gedanken heraus sind bei uns positionsspezifische Programme entstanden, für Stürmer, Mittelfeldspieler und die Defensive. Zusätzlich dazu integrieren wir sukzessive positionsspezifische Trainer bei unseren Mannschaften. Das sind Impulse und konkrete Maßnahmen, die aus dem Blick über den Tellerrand entstehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare