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Stadtplaner aus Frankfurt: "Wir ersticken in Vorschriften und Auflagen"

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Von: Dieter Sattler

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Der Restaurantführer „Frankfurt geht aus!“ beschäftigt sich mit den Tops und Flops der Gastro-Szene in Frankfurt.
Stadtplaner Wolfgang Dunkelau aus Frankfurt meint: „Die Stadt wird für Menschen immer attraktiv bleiben.“ © Boris Roessler/dpa

Im Interview verrät Architekt und Stadtplaner Wolfgang Dunkelau, wie man auch in Frankfurt in Zukunft schneller und intelligenter bauen kann.

Frankfurt - Der deutsche Wohnungsbau hinkt dem Bedarf hinterher, auch in großen Metropolen wie Frankfurt. Der Architekt Wolfgang Dunkelau sagt; Schuld ist vor allem der alle überfordernde Verwaltungswust.

400 000 Wohnungen im Jahr hat sich die Regierung vorgenommen, wie viele sind realistisch?

Wolfgang Dunkelau: Das sind vielleicht 200 000 Wohnungen für 2022, also die Hälfte der gewünschten Wohnungen. Wie viel von den genehmigten auch in bauliche Umsetzung kommen werden, wird sich zeigen. Wer weiß, wie lange Baugenehmigungen bei uns brauchen, der weiß, dass 400 000 Baugenehmigungen pro Jahr gar nicht erteilt werden können. Die Verfahren dauern einfach zu lang.

Stadtplaner Dunkelau im FNP-Interview: „Das Hauptproblem bleibt die Menge der Auflagen“

Alle reden von steigenden Kosten und Lieferengpässen. Wären die 400 000 Wohnungen ohne Corona und Krieg zumindest halbwegs realistisch gewesen?

WD: Nein, auch dann nicht, wobei die besondere Langsamkeit der letzten Jahre schon auch der Pandemie geschuldet ist. Es ist fast unmöglich, direkten Kontakt zu einer Bauaufsicht zu bekommen. Selbst um einen Online-Termin zu vereinbaren, braucht man vier bis sechs Wochen. Das Hauptproblem bleibt aber die Menge der Auflagen. All denen nachzukommen wird noch dadurch erschwert, dass bei den Behörden - ebenso wie bei uns auf dem freien Markt - ausgebildete Architekten und Fachingenieure fehlen, um die Dinge zu regeln.

Den Fachkräftemangel können wir aber nicht so schnell beseitigen. Was schlagen Sie vor?

WD: Wir werden die vorhandenen Regeln nicht so bald außer Kraft setzen, aber die Ämter müssen nicht jedes Detail kontrollieren. Wir ersticken in Vorschriften und Auflagen. Die einzigen, die diesen Prozess noch halbwegs kontrollieren, sind wir Architekten. Warum uns nicht mehr vertrauen? Wir müssen es schließlich verantworten, wenn etwas passiert. Die Ämter schauen ohnehin genau hin, ob das Nachbarschaftsrecht und das allgemeine Baurecht eingehalten wird. Das sollte genügen.

Im Moment verlagert sich die Debatte ja mehr auf das klimaverträgliche Nachrüsten des Bestandes als den Neubau. Konkurriert beides nicht miteinander?

WD: Nachrüsten ist ein wichtiges Thema. Wir haben extreme und auch richtige Anforderungen an das Energiesparen im Altbau wie im Neubau. Die Gesetze werden im nächsten Jahr nochmals verschärft, besonders für den Neubau. Die Möglichkeiten beim Dämmen sind weitgehend ausgereizt, jetzt geht es mehr um die Frage:

Wie produzieren wir die Energie, die wir brauchen? Die Haustechnik wird immer aufwendiger und teurer. Da gibt es zwar gute nachhaltige Möglichkeiten, aber damit auch noch mehr Aufwand in der Planung. Dazu braucht es Fachingenieure, die uns aber wieder fehlen. Wir können aber aus dieser Schwäche eine Stärke machen.

Stadtplaner Dunkelau im FNP-Interview: Altbauten auf dem Land revitalisieren

Inwiefern?

WD: Die Landflucht in die Städte kehrt sich ja auch angesichts der Möglichkeit des Homeoffice wieder um. Gerade junge Familien ziehen wieder raus aufs Land. Wir können den Trend verstärken, indem wir dazu ermuntern, Altbauten in den Ortskernen zu revitalisieren, in dem man die Energiespargesetze für die Nutzung von Bestandsgebäuden anpassen würde, also einen Energiebonus gewährt.

Wolfgang Dunkelau ist Architekt und Stadtplaner mit 33 Jahren Berufserfahrung. 1962 in Herfort geboren, studierte er in Kassel, wo er auch beruflich startete. Dann wechselte er nach Frankfurt. Neben der planerischen Tätigkeit war er viele Jahre Lehrbeauftragter und Vertretungsprofessor in Frankfurt und Kassel, engagierte sich im Vorstand des Bund Deutscher Architekten (BDA). Er ist im Beirat der Bundesarchitektenkammer. Bauprojekte: u.a. Kulturbahnhof Kassel und Handwerk"(Neubau Gewerbehof) ds
Architekt und Stadtplaner Wolfgang Dunkelau. © sattler

Das würde Kosten und Aufwand sparen. Wir sollten auf keinen Fall weiter in die grüne Fläche erweitern. Das gilt auch für die größeren Städte. Dort werden wir zwar zumindest in den nachgefragten Ballungszentren weiterbauen müssen, aber wir müssen qualitätsvoll bauen, d.h. die Städte intelligent verdichten.

Wird so das Klima nicht noch mehr aufgeheizt?

WD: Dagegen gibt es intelligente Lösungen: Wir müssen zum Beispiel die Dächer begrünen. Es gibt die Möglichkeit zur Wasserhaltung auf dem Dach. In der Stadt der Zukunft versuchen wir, das Wasser so lange als möglich zu halten, das gibt im Sommer eine Abkühlung über die Verdunstung. Und das alles kann man noch toppen, indem man eine Fotovoltaik-Anlage über die Grünfläche setzt. Das heißt, wir produzieren auch noch Strom. Ähnliches funktioniert an Fassaden!

Stadtplaner Dunkelau im FNP-Interview: „Haben dem Auto zu viel Platz eingeräumt“

Wo sehen Sie das Auto in der Stadt der Zukunft?

WD: Wir haben dem Auto in den Ballungsräumen zweifellos zu viel Platz eingeräumt. Es gibt neue intelligente Möglichkeiten, das Auto in der Stadt zu ersetzen, wie Pedelecs oder E-Roller. Dafür brauchen wir Flächen. Die müssen wir dem Auto wieder nehmen und den Menschen geben, die sich in diesen verdichteten Städten möglichst gut bewegen wollen. Wenn wir dichte Quartiere bauen, müssen wir auch Ausgleiche schaffen.

Dazu gehört eben weniger Auto und mehr ÖPNV. Das günstige und praktikable Neun-Euro Ticket zeigt, welche Nachfrage der ÖPNV haben kann. Wir Stadtplaner denken ja in großen Zeiträumen, in Dekaden. Die Politik muss in zwei, drei Jahren liefern. Insofern passt das selten zusammen. Um so besser, wenn sich aus einer Lage eine langfristig nutzbare Chance ergibt, deshalb sollte man das weiter verfolgen, wenn das Ticket natürlich auch nicht so günstig bleiben kann wie jetzt.

Hand aufs Herz: Dass es bei uns mit dem Bauen viel zu lange dauert, sagen viele und verweisen dabei oft auf die Chinesen. Jeder will deren Schnelligkeit, aber keiner will chinesische Rechtsverhältnisse. Wo verläuft für Sie der goldene Mittelweg für raschere, aber dennoch saubere Verfahren?

WD: Was das betrifft, bin ich bei Churchill, der sagte, die Demokratie ist noch nicht ganz ausgefeilt, aber sie hat sich als die bisher beste Regierungsform erwiesen. Wir müssen auf demokratischer Basis Behörden und Ämter an Bauprojekten beteiligen. Es könnte aber alles schneller gehen, wenn man in den Ämtern entspannter mit dem Verwaltungswust verfahren würde. Anders als Gleichungen in der Mathematik werden auch die besten Baupläne nicht zu 100 Prozent aufgehen, es bleibt immer ein kleiner unlösbarer Rest, wegen dem man nicht alles bremsen sollte.

Zum Schluss eine philosophische Frage: Der Historiker Greg Woolf beschreibt in seinem fundamentalen neuen Buch: "Metropolis" den Menschen als urbanen Affen, den es seit Beginn der Geschichte quasi unaufhaltsam in die Städte zieht. Könnten Ereignisse wie Klimawandel und Pandemien wieder zum Leben in kleineren Einheiten führen?

WD: Jein - ich habe das Buch auch gelesen: Die Stadt wird für Menschen immer attraktiv bleiben. Selbst wenn man auf dem Land wohnt, wird man es schätzen, schnell mit dem ÖPNV in der Stadt sein zu können. Die Verdichtung muss aber, wie gesagt, so gemacht werden, dass sie sozialverträglich ist und für die Menschen eine Qualität darstellt. Den Klimawandel werden wir nicht aufhalten können, wir können ihn aber erträglich gestalten.

Zur Person

Wolfgang Dunkelau ist Architekt und Stadtplaner mit 33 Jahren Berufserfahrung. 1962 in Herford geboren, studierte er in Kassel, wo er auch beruflich startete. Dann wechselte er nach Frankfurt. Neben der planerischen Tätigkeit war er viele Jahre Lehrbeauftragter und Vertretungsprofessor in Frankfurt und Kassel, engagierte sich im Vorstand des Bunds Deutscher Architekten (BDA). Er ist im Beirat der Bundesarchitektenkammer. Bauprojekte: u.a. Kulturbahnhof Kassel und Handwerk (Neubau Gewerbehof) (ds)

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