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"Wir gehen dorthin, wo der Staat nicht hinkommt"

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Roland Kaehlbrandt (68) wurde in Celle geboren und wuchs in Köln auf. Nach Studium und Promotion war er als Lektor für deutsche Sprache an der Universität Sorbonne in Paris tätig. Von 1987 bis 1990 leitete er die Deutsche Stiftung Maison Heinrich Heine in Paris. Anschließend war er drei Jahre als Pressesprecher des Deutsch-Französischen Jugendwerks tätig, wechselte danach als Kommunikations-Chef zur Bertelsmann Stiftung in Gütersloh und 1999 als Geschäftsführer zur Hertie-Stiftung in Frankfurt. 2005 wurde er in den Vorstand der Stiftung Polytechnische Gesellschaft (SPTG) berufen, in der er seit 2008 als Vorstandsvorsitzender fungiert. Darüber hinaus ist er als Honorarprofessor für Sprache und Gesellschaft an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen tätig und Autor mehrerer Bücher über die deutsche Sprache. Kaehlbrandt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. bd
Roland Kaehlbrandt (68) wurde in Celle geboren und wuchs in Köln auf. Nach Studium und Promotion war er als Lektor für deutsche Sprache an der Universität Sorbonne in Paris tätig. Von 1987 bis 1990 leitete er die Deutsche Stiftung Maison Heinrich Heine in Paris. Anschließend war er drei Jahre als Pressesprecher des Deutsch-Französischen Jugendwerks tätig, wechselte danach als Kommunikations-Chef zur Bertelsmann Stiftung in Gütersloh und 1999 als Geschäftsführer zur Hertie-Stiftung in Frankfurt. 2005 wurde er in den Vorstand der Stiftung Polytechnische Gesellschaft (SPTG) berufen, in der er seit 2008 als Vorstandsvorsitzender fungiert. Darüber hinaus ist er als Honorarprofessor für Sprache und Gesellschaft an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen tätig und Autor mehrerer Bücher über die deutsche Sprache. Kaehlbrandt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. bd © enrico sauda

Roland Kaehlbrandt von der SPTG spricht über gesellschaftliche Herausforderungen, unentdeckte Potenziale und seinen nahenden Ruhestand.

Nach 14 Jahren als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft (SPTG) wird Roland Kaehlbrandt sein Mandat Ende September niederlegen. Im Gespräch mit Brigitte Degelmann blickt er zurück - auf Erfolge, Karrieren und besondere Begegnungen, etwa mit der späteren Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und verrät, dass er einst ganz andere berufliche Ziele hatte.

Herr Kaehlbrandt, mit der Bezeichnung "polytechnisch" kann vermutlich nicht jeder etwas anfangen. Wie würden Sie das Wort erklären?

Polytechnisch ist eigentlich ein Kunstbegriff. Er bedeutet in etwa: viele Fähigkeiten. Berühmt ist als Namensgeber des Begriffs die École Polytechnique in Paris. Sie wurde 1794 während der Französischen Revolution gegründet, unter Napoleon war sie die erste große Kaderschmiede des revolutionären Frankreichs. Es ging um umfassende Bildung für vielseitige Talente. Auch in moderner Zeit ist die Förderung vielseitiger Begabungen als umfassende Persönlichkeitsbildung ein sinnvolles Bildungsziel. Es ist denn auch das Ziel unserer Stiftung.

Was heißt das für die Stiftung Polytechnische Gesellschaft konkret?

Dass wir dort hingehen, wo der Staat nicht hinkommt, um greifbare Verbesserungen der Bildungswege von Menschen mit Potenzial zu erreichen. Man hat uns mit einem langen, aber zutreffenden deutschen Wort eine "Potenzialentfaltungsgemeinschaft" genannt. Denn genau darum geht es uns: Potenziale zu erkennen, die sich dann entfalten können. Unser Motto heißt ganz einfach: Tun, was fehlt und nützt. Deshalb sind wir mit unseren Projekten am Start, um Potenziale aus allen Milieus und jedweder Herkunft zu erkennen und zu fördern. Oft werden unsere Stipendiaten später dann zu Multiplikatoren, die andere wiederum mitziehen.

Damit stehen Sie in der Tradition der Aufklärung.

Die Gründung der Polytechnischen Gesellschaft im Jahr 1816 ist mit Namen von Spätaufklärern wie Freiherr vom Stein und Adolph Diesterweg verbunden. Doch die Stiftung selbst wurde erst 2005 gegründet, als sich diese Gemeinschaft Frankfurter Bürger entschied, die Frankfurter Sparkasse zu verkaufen. Als jüngste Tochter der Polytechnischen Gesellschaft stehen wir bewusst in der geistesgeschichtlichen Strömung der Aufklärung. Gibt es eine bessere historische Wurzel? Mich hat sie von Anfang an begeistert.

Warum?

Aufklärung - und auch die Romantik - sind in der deutschen Geschichte wohl die zugleich erfreulichsten und beeindruckendsten Epochen. Aus der Bildungsbegeisterung jener Zeit kommen ursprünglich die Polytechniker. Es waren mutige Bürger, die Deutschland voranbringen wollten - durch Bildung, durch Wissenschaft und Technik, durch Kultur. Nicht durch militärische Abenteuer. Wir in der Stiftung haben unter dem übergreifenden Begriff der Persönlichkeitsbildung gewissermaßen die Ziele und Werte der Aufklärung in unsere heutige Zeit übersetzt.

Und das sehr erfolgreich: Mit Ihren Angeboten haben Sie in den vergangenen 17 Jahren rund 130 000 Frankfurter Bürger erreicht...

...und wir haben 2300 Stipendiaten in unsere acht verschiedenen Stipendienprogramme aufgenommen. Deshalb gibt es inzwischen auch richtige polytechnische "Karrieren". Ich denke da zum Beispiel an zwei junge Männer: Als neunjährige Kinder nahmen sie am Deutschsommer teil, dann wurden sie in das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern aufgenommen. Mit 16 Jahren wurden sie Stadtteilbotschafter. Und jetzt sind sie Mitglieder unserer Muttergesellschaft und bestimmen mit über das, was die Stiftung tut. Hier schließt sich der Kreis.

Stichwort Deutschsommer - der läuft inzwischen auch in anderen Städten, genau wie das Diesterweg-Stipendium.

Ja, ebenso unser Rechtschreibwettbewerb Deutschland schreibt, die Samstagsschule für begabte Handwerker und die Stadtteil-Historiker. Wir können zwar finanziell nur in Frankfurt fördern, aber einige unserer Projekte haben den Weg über die Stadtgrenzen hinaus gefunden. Eine schöne Übersprung-Dynamik.

Ihre Angebote leben ja viel von Begegnungen, dass Menschen - auch sehr unterschiedliche - zusammenkommen. Wie hat das während der Corona-Pandemie funktioniert?

Im Jahr 2020 haben wir sehr rasch unsere Programme digital angeboten. Wir haben alle Instrumente genutzt, die datenschutzkonform waren. Häufig auch hybrid, indem wir Päckchen mit Lernmaterial verschickten und daran dann digital anknüpften.

Und das hat geklappt?

Ja, die Diesterweg-Familien sind beispielsweise alle dabeigeblieben. Wir haben schlicht sehr rasch lernen müssen, wie man unter Corona-Bedingungen mit digitalen, hybriden und analogen Mitteln arbeitet. In einem Familien-Bildungsprogramm, den Willkommenstagen in der frühen Elternzeit, wurden beispielsweise "Geh-Spräche" angeboten, also Beratungsgespräche bei Spaziergängen in Parks oder am Main entlang. Ganz genau erinnere ich mich an die Abschlussveranstaltung unseres Digitechnikums, für die wir unser Stiftungshaus digital nachgebaut haben und aus diesen Räumen heraus dieses Projekt beendet haben: mit digitalen Präsentationen, Reden und einer Podiumsdiskussion - und es ging! Mittlerweile gibt es verfeinerte digitale Möglichkeiten. Und es wäre ja noch schöner, wenn wir als Polytechniker das nicht auch als Chance begreifen würden. Was mir auch sehr wichtig ist, das sind die fähigen und engagierten Mitarbeiter hier im Haus, ebenso mein versierter Vorstandskollege Johann-Peter Krommer und der hochkarätige Stiftungsrat unter der Leitung von Volker Mosbrugger. Es ist ein großes Glück, in einer, wie soll ich sagen, polytechnischen Geistesverwandtschaft mit so engagierten, ambitionierten, menschenfreundlichen und fachlich exzellenten Damen und Herren zusammenarbeiten zu können.

Die SPTG war nicht die erste Stiftung, für die Sie tätig waren. Da waren die Deutsche Stiftung Maison Heinrich Heine in Paris, die Bertelsmann Stiftung, die Hertie-Stiftung - und dazwischen waren Sie noch beim Deutsch-Französischen Jugendwerk.

Das war kurz nach der Wiedervereinigung, da begleiteten wir den Aufbau der deutsch-französischen Jugendarbeit in den neuen Bundesländern. Damals war übrigens Angela Merkel Jugendministerin.

Sind Sie ihr begegnet?

Mehrmals, es gab eine Reihe von größeren Veranstaltungen und Pressekonferenzen, zu denen ich sie als Pressechef des Jugendwerks begleitet habe.

Wie haben Sie sie erlebt?

Ich habe sie als sehr diszipliniert, strukturiert, konzentriert, schnell, präzise und nüchtern erlebt. Beeindruckend war auch ihre unglaubliche Auffassungsgabe. Ihre außergewöhnlichen Führungsfähigkeiten waren gleich zu erkennen.

Ursprünglich hatten Sie aber ganz andere berufliche Pläne als für Stiftungen zu arbeiten.

Ja, ich wollte eigentlich in Göttingen Agrar- und Forstwissenschaften studieren, um dann nach Kanada zu gehen.

Tatsächlich? Wie kamen Sie darauf?

Das möchte ich auch mal wissen (lacht). Es kam wohl daher, dass ich in den Ferien durch Vermittlung meines Vaters, eines begeisterten Jägersmanns, in Bayern als Waldarbeiter gearbeitet hatte. Als ich jedoch einmal Unkraut in einem Gemüsegarten jäten sollte und stattdessen die Nutzpflanzen erwischte, wurde mir allseits von einem solchen Abenteuer abgeraten

Und es gab noch einen anderen Berufswunsch: Musiker - schließlich spielen Sie Klavier und Gitarre.

Als Jugendliche hatten meine Freunde und ich einen gewissen musikalischen Ehrgeiz. In Köln, wo ich aufgewachsen bin, gibt es ja bis heute eine populäre eigene Musikszene. Denken Sie an Wolf Maahn, an BAP. Und die Bläck Fööss, aus denen es später eine Abspaltung gab, die Band LSE. Deren Mitglied Arno Steffen war mein früherer Klassenkamerad und der erste Sänger unserer Band. Für die erste CD von LSE konnte ich einen Song beisteuern, "Dräume" (auf Hochdeutsch: "Träumen"). Unser Bassist ging übrigens später zu den Höhnern, da hat er besser verdient als er es in unserer Truppe je hätte können (lacht).

Ihre Musikleidenschaft können Sie nun zumindest bei der SPTG ausleben - in der Stiftungsband "Plan Zehn", in der Sie Keyboard spielen.

Genau, gemeinsames Musizieren ist einfach unvergleichlich. Zumal mit jungen Musiktalenten. Wir covern Songs von Chaka Khan, Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder, Kool and the Gang, Amy Winehouse - tanzbare Musik also.

Studiert haben Sie allerdings weder Musik noch Agrarwissenschaften, sondern Romanistik. Woher kommt Ihre Begeisterung für Frankreich?

Ein Teil meiner Familie lebt in Frankreich und in der französischen Schweiz. Das heißt, bei Familienfesten war neben Deutsch auch Französisch zu hören. Als Student bin ich viel gereist. Zum Beispiel nach Marokko, wo ich zwei Franzosen kennenlernte. Wir haben uns so fantastisch verstanden - durcheinander sprachen wir Deutsch, Englisch, Französisch, und es ging! Das hat mich auf die Idee gebracht, Sprachen und insbesondere Romanistik zu studieren. So habe ich mich in Köln immatrikuliert, für Romanistik, Germanistik und Völkerkunde. Frankreich ist ein Land, das uns immer noch einiges zu zeigen hat.

Woran denken Sie dabei?

Zum Beispiel an die Sprachkultur. Zu sehen, wie hoch das Ansehen dieser sehr nuancierten, sehr feinen Sprache bei den Menschen in Frankreich ist, vom Arbeiter bis zur Ministerin - das hat mich sehr beeindruckt und auch beeinflusst.

Sie haben in Köln gelebt, in Paris - bis Sie 1999 nach Frankfurt gekommen sind.

Ja, Gott sei Dank (lacht).

Warum?

Ich finde, es herrscht eine heitere, liebenswürdige, grundsätzlich wohlwollende und auch selbstkritische Haltung in der Stadt, so dass man mühelos in einen guten Dialog miteinander kommt. In Frankfurt spürt man bei aller Fluktuation doch auch noch den Geist eines traditionsreichen Handels- und Bildungsbürgertums: Man blickt vorurteilslos auf die Dinge und ist immer an der Verbesserung der Zustände interessiert. Und es ist eine Stadtgesellschaft, die in ihrer Vielschichtigkeit wie in einem Brennglas auch die Zukunft erkennen lässt. Außerdem ist es eine Stadt mit einer großartigen Stiftungstradition, mit über 600 Stiftungen.

Ende September wird Ihre Zeit als Vorstandsvorsitzender der SPTG auslaufen. Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?

Ich werde auf jeden Fall an der Alanus-Hochschule weiter und noch intensiver als bislang Sprachwissenschaften lehren. Dann werde ich mit meinem neuen Buch "Deutsch - eine Liebeserklärung", das Ende September erscheinen wird, auf Lesereise gehen. Aus der Stiftungswelt gibt es verschiedene Anfragen. Auch kann ich mich endlich wieder dem zeitraubenden Songwriting widmen. Und schließlich und an erster Stelle freue ich mich auf Zeit mit meiner Familie. Außerdem habe ich noch einen Satz der Lyrikerin Monika Rinck im Ohr.

Der da lautet?

Als sie kürzlich in Bad Homburg den Hölderlin-Preis erhielt, sagte sie in ihrer Dankesrede, sie würde gerne den "Nutzungsdruck" durch die "Selbstüberraschung" ersetzen. Das fand ich eine nachdenklich stimmende Formulierung. Sie bedeutet, dass man nicht alles, was man tut, grundsätzlich unter dem Nützlichkeitsaspekt betrachtet und dass Kreativität sich gerade auch unter Bedingungen der Nutzungsfreiheit entwickeln kann.

Eine ganz andere Philosophie als diejenige der SPTG.

Ja, für mich wird das eine große Umgewöhnung sein, weil ich als Polytechniker natürlich sehr nutzungsorientiert bin. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es schön ist, wenn man in der Musik oder beim Schreiben noch etwas ganz anderes macht. Etwas, das man noch nicht ausprobiert hat, was auch nicht unbedingt genutzt werden muss, aber das vielleicht gerade dadurch gut wird.

Prof. Roland Kaehlbrandt im Gespräch mit Brigitte Degelmann.
Prof. Roland Kaehlbrandt im Gespräch mit Brigitte Degelmann. © Enrico Sauda

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