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?Menschen brauchen Bilder, um ihre Phantasie anzuregen und mit Mut und Glauben ein Thema rational anzugehen. Durch unseren Entwurf bewegt sich endlich etwas ? nach einer langen Zeit des Stillstands? ? Stadtplaner Martin Wentz über die Debatte zu den Städtischen Bühnen.

Interview

Ex-Planungsdezernent Martin Wentz über seinen Opern-Entwurf und warum er eine Sanierung für verantwortungslos hält

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Und sie bewegt sich doch! Gemeint ist die Debatte um die Städtischen Bühnen – und damit auch die Frankfurter Kulturpolitik. Redakteur Mark Obert sprach darüber mit Stadtplaner Dr. Martin Wentz, dem geistigen Vater des diskutierten Opern-Neubaus.

Herr Wentz, Kulturdezernentin Ina Hartwig und Planungsdezernent Mike Josef haben betont, einen Opern-Neubau würde es ohne Architekten-Wettbewerb nicht geben. Ist Ihre Bürgerstiftung mit Ihrem Entwurf damit aus dem Rennen?

MARTIN WENTZ: Es ist nicht meine Bürgerstiftung. Wir sind zwölf engagierte Bürgerinnen und Bürger, von denen einige Erfahrung haben mit Immobilien, Investitionen und Stadtplanung. Wir haben das alles gemeinsam gut überlegt, ich habe mich dann lange mit dem Entwurf eines neuen Opernhauses beschäftigt. Und seinen ersten Dienst hat er bereits getan...

Welchen?

WENTZ: Menschen brauchen Bilder, um ihre Phantasie anzuregen und mit Mut und Glauben ein Thema rational anzugehen. Durch unseren Entwurf bewegt sich endlich etwas – nach einer langen Zeit des Stillstands.

Was hat Opern-Intendant Bernd Loebe gesagt?

WENTZ: Wir haben Lob von der Oper bekommen – nicht nur von Herrn Loebe. Viele haben gesagt: Toll, dass es endlich einen Ausblick gibt. Und ich hoffe, ich habe Bernd Loebe davon überzeugen können, dass ein solches Opernhaus ein Gewinn ist. Er ist ja auch öffentlich von seiner ursprünglichen Haltung, die städtischen Bühnen in ihrer jetzigen Form zu erhalten, abgerückt.

Also wie geht’s für Sie und Ihre Mitstreiter weiter?

WENTZ: Wir werden das Konzept der geplanten Stiftung sowie unseren Entwurf demnächst dem Oberbürgermeister und dem Magistrat vorstellen.

Und wären dann bei einem Wettbewerb noch dabei?

WENTZ: Ja. Wir werden als Stiftung anbieten, einen Wettbewerb durchzuführen. Wir würden uns als Architekten daran beteiligen. Das ist ganz demokratisch. Alle wissen jetzt, was wir vorgelegt haben. Und wir fürchten keinen Wettbewerb.

Würden Sie auch die Realisierung eines anderen Entwurfs finanzieren?

WENTZ: Warum nicht? Wir sind zuversichtlich, dass wir 50 Millionen Euro an Spenden einsammeln können. Wir haben an dieser Stelle bessere Möglichkeiten als die Stadt. Den Rest der benötigten Mittel würden wir über Bankdarlehen finanzieren. Die Rückzahlung der Bankdarlehen erfolgt danach aus der Miete der Städtischen Bühnen für die Nutzung des Hauses. Wenn die Schulden abgezahlt sind, geht das Opernhaus in das Eigentum der Stadt über. Wir, die Mitglieder der Stiftung, arbeiten ehrenamtlich.

Sie würden keine Bedingungen an einen anderen Entwurf stellen?

WENTZ: Doch. Dieselben Bedingungen, die wir an unseren Entwurf gestellt haben. Das für die Oper erforderliche Raumprogramm muss erfüllt sein, und die Baukosten müssen im Rahmen bleiben. Unseren Entwurf kalkulieren wir mit 300 Millionen Euro. Unser Grundgedanke ist es, der Stadt und damit dem Steuerzahler unnötige Kosten zu ersparen, den wollen wir nicht konterkarieren. Wenn die Stadt ihre eigene Elbphilharmonie will und dafür 900 Millionen Euro ausgeben möchte, dann kann sie das gerne tun. Wir werden nur das machen, was wir verantworten können.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Stadt auf Teufel komm raus klotzen will.

WENTZ: Gackern wir erst, wenn die Eier gelegt sind. Unser Entwurf jedenfalls zeigt, wie’s geht und es bezahlbar bleibt. Wir integrieren die größte drehbare Bühne der Welt, halten also das jetzige Niveau. Wir bieten ein zusätzliches Opernstudio für 400 Zuschauer – für die Kinderoper, für Liederabende. Wir integrieren alle nötigen Probebühnen und -säle, was vieles leichter macht, weil die lästige Rumfahrerei in der Stadt damit ein Ende haben würde. Wir haben mehrere Wohnungen für externe Solisten vorgesehen, was Hotelkosten spart. Ich habe aus den Seitenbalkonen richtige Logen gemacht, die Sitze sind nun zur Bühne ausgerichtet, man verdreht sich nicht mehr den Kopf. Kurzum: Wir generieren mit dem geplanten Haus viel mehr Möglichkeiten für den Spielbetrieb.

Sind Sie kategorisch gegen die Sanierung der städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz?

WENTZ: Aus meiner Sicht ergibt es keinen Sinn, in das völlig verbaute alte Gebäude mit unbekanntem finanziellen und zeitlichen Ausgang viele hunderte Millionen zu stecken. Dieses Abenteuer kennen wir beispielsweise von den Kölner Bühnen. Für unsere Städtischen Bühnen gibt es seit bald zwei Jahren ein sehr umfangreiches, hoch qualifiziertes Gutachten mit dem Ergebnis: 900 Millionen. Und dann kommt dazu noch das sehr komplexe öffentliche Vergaberecht. Die Sanierung und Erweiterung der Theaterwerkstätten in Frankfurt sollten 30 Millionen kosten, am Ende waren es 60 Millionen. Und am Ende hat man dann doch nur wieder das alte verbaute Haus. Ich hätte mich früher, als ich noch Planungsdezernent der Stadt war, nicht auf ein solches Abenteuer eingelassen.

Ihre Kritiker sagen, Sie schielten schon seit langem nach dem Raab-Karcher-Grundstück am Osthafen, das sie als möglichen Opern-Standort ins Gespräch gebracht haben.

WENTZ: Ich halte diesen Standort tatsächlich für attraktiv. Es gibt aber auch noch andere Standorte. Die Auswahl ist letztlich die alleinige Aufgabe der Stadt ist. Das haben wir von Anfang an betont.

Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, Sie würden das Schauspiel abtrennen, weil es Ihnen, dem Opern-Liebhaber, gleichgültig sei.

WENTZ: Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben das Schauspiel immer mit im Blick gehabt. Nur die Trennung beider Häuser ermöglicht es, den Spielbetrieb beider Häuser während der gesamten Bauzeit ungestört aufrecht zu erhalten. Man baut zuerst die neue Oper, reißt danach die heutige Oper ab. Baut dorthin dann das neue Schauspielhaus und reißt danach das alte Schauspielhaus ab. Nebenbei gewinnt die Stadt damit noch eine freie attraktive Fläche am Willy-Brandt-Platz.

Architekt Jochem Jourdan hat gesagt, Ihr Entwurf erinnere an Aldi.

WENTZ: Wir sind befreundet. Deshalb sage ich, er hat wohl noch nie wirklich einen Aldi gesehen.

Hat es Sie gekränkt?

WENTZ: Wie heißt es so schön: Neid ist die höchste Form der Anerkennung. Und im übrigen: Wenn mein Entwurf an Aldi erinnert, dann erinnern die heutigen Städtischen Bühnen an Lidl. Absurd!

Sie teilen die neuerdings vielfach zu hörende Begeisterung über das Gebäude von 1963 nicht?

WENTZ: Ich finde das Wolkenfoyer sehr gelungen, allerdings vorrangig durch die Wolken. Ohne die Wolken hätte der 110 Meter lange Raum keine Proportionen. Ich habe auch einen persönlichen Bezug zu ihm. Auf meinem Schulweg bin ich jeden Tag an der Baustelle vorbeigegangen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie hinter der weiten Glasfassade der Himmel aufgehängt worden ist.

Was gefällt Ihnen besonders?

WENTZ: Neben den Wolken die Transparenz, die Offenheit zum Platz hin. Das habe ich in meinem Entwurf aufgenommen. Das urbane Leben soll sichtbar sein – von innen nach außen und gleichermaßen von außen nach innen. Deshalb die über 20 Meter hohe Glasfassade vor den Foyers. Unser Opernhaus ist frei zugängliche für alle, im Erdgeschoss mit Gastronomie und Veranstaltungsflächen und auf dem großen Dachgarten mit einem Bistro und einer Bar.

Wo wir gerade von Schauwerten sprechen: Der Blick durch die Glasfront hinaus auf den Willy-Brandt-Platz ist nicht gerade prickelnd.

WENTZ: Das ist übrigens ein weiteres Argument für unsere Idee: Ein gelungener Platz vor einem Opern-Neubau würde die Stadt ungemein aufwerten.

Wie ist der Willy-Brandt-Platz einer von so vielen missratenen Plätzen Frankfurts geworden?

WENTZ: Die Proportionen stimmen nicht. Er ist gemessen an seiner Länge viel zu schmal, was die Straßenbahnhaltestelle mit ihren langen Podesten noch verstärkt. Hinzu kommt das Hochhaus, dessen Tiefgarageneinfahrt den Platz zusätzlich einengt. Das war historisch vor dem Bau der heutigen Doppelanlage nicht so.

Trotzdem ist der Platz in Verbindung mit den Städtischen Bühnen mit Bedeutung aufgeladen. Können Sie verstehen, dass jetzt so viele um diesen Erinnerungsort bangen?

WENTZ: Ich habe dafür großes Verständnis. Der Platz ist kulturhistorisch wichtig, aber eben städtebaulich so missraten, dass er ja wahrlich nicht zum Verweilen einlädt. Die einzigen, die mit dem Platz etwas anfangen können, sind die Skater.

Frankfurt würde nichts verlieren?

WENTZ: Nein. Frankfurt könnte am alten Theaterplatz nach der Verlagerung der Oper mit einem schönen neuen Platz vor dem weniger Fläche beanspruchenden neuen Schauspiel nur gewinnen.

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