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Gute Argumente gehen ihr nie aus: Alexandra Cremer, Sprecherin des Netzwerks Inklusion Deutschland, engagiert sich mit Verve für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Alexandra Cremer vom Inklusions-Netzwerk

„Wir müssen Barrieren abbauen“

Warum integrieren die Schweden weit mehr Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt als wir in Deutschland? Ganz einfach: Weil sie’s tun! An guten Absichten mangelt es bei uns nicht, die Politik hat sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben. Mit knapp 14 Prozent ist die Zahl der arbeitslosen Behinderten jedoch nach wie vor mehr als doppelt so hoch wie die der Nicht-Behinderten. Das Netzwerk Inklusion Deutschland hat für den heutigen „Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“ eine offene Veranstaltung organisiert, unter anderem mit der Industrie- und Handelskammer. Ziel ist es, Schüler und Arbeitssuchende mit Unternehmen in Kontakt zu bringen. „Barrieren abbauen“, sagt Alexandra Cremer vom Netzwerk. Mit ihr sprach FNP-Mitarbeiter Mark Obert.

Frau Cremer, angenommen, ich wäre ein Arbeitgeber und müsste zwischen zwei gleich qualifizierten Bewerbern entscheiden. Welchen Vorteil hätte ich, wenn ich den mit einer Behinderung wähle?

ALEXANDRA CREMER: Ich kann da mit einer Studie antworten. Diese zeigt auf, dass Inklusion für ein besseres Klima sorgt. Die Menschen im Unternehmen gehen fürsorglicher miteinander um. Außerdem werden diese Unternehmen als attraktiver eingestuft als andere, weil sie signalisieren: Wir kümmern uns um unsere Leute. In einer Zeit, da wir bis ins hohe Alter arbeiten müssen, ist das nicht nur eine Nettigkeit, sondern auch eine unternehmerische Notwendigkeit.

Und doch suchen immer noch sehr viele behinderte Menschen erfolglos einen Arbeitsplatz. Woran hapert’s?

CREMER: Die Vorbehalte bei den Arbeitgebern sind groß. Der Klassiker lautet: Wenn ich den eingestellt habe, werde ich ihn nie mehr los. Dabei ist das durchaus möglich, wenn das Verhältnis nicht mehr stimmt.

Was ist mit dem besonderen Kündigungsschutz?

CREMER: Es gibt die Auflage, dass das Integrationsamt der Kündigung zustimmen muss. Natürlich wird das Amt schauen, ob noch eine Lösung möglich ist und wird versuchen zu vermitteln, sofern noch etwas geht.

Und was ist in der Probezeit?

CREMER: Da gelten dieselben Regeln wie für alle, denn den besonderen Kündigungsschutz gibt es erst nach der Probezeit. Es gibt aber für Menschen aus Werkstätten eine besondere Variante als Probezeit. Ein Programm nennt sich Betriebsinterne Beschäftigung, kurz BiB. Darüber bleibt ein Mensch mit Behinderung zunächst Mitarbeiter der Werkstatt, kann aber in einem anderen Betrieb arbeiten. So können sich beide Seiten anschauen, ob es passt.

Hat sich das bewährt?

CREMER: Ich kenne keine genauen Zahlen. Von Werkstätten aus Frankfurt und Umgebung habe ich gehört, dass das gut läuft.

Und wer achtet darauf, dass die Leute nicht als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden?

CREMER: Darauf achten Fachberater und Betreuer. Je nach Fall gibt es auch finanzielle Unterstützung. Da immer die richtige Zuständigkeit zu finden, ist schwierig. In der Inklusion gibt es viele Akteure, die vor sich hin wurschteln. Die Politik, die Ämter, die Arbeitsagentur…

Es gibt kein Steuerungssystem?

CREMER: Nein, dafür sind die Fälle aber auch zu individuell zu betrachten, und immer kommt es auf das Gegenüber an. Bei der Agentur für Arbeit zum Beispiel gibt es zwar die Reha-Berater. Anstatt die Stärken des Bewerbers auszuarbeiten und ihn aktiv zu vermitteln, heißt es da aber oft viel zu schnell: „So, Sie haben also die und die Behinderung, dann gehen sie am besten in eine Werkstatt.“ Das kann’s ja aber doch nicht sein und muss sich endlich ändern.

Sie bringen heute Jobsuchende mit Behinderung und Unternehmen zusammen – in der Industrie- und Handelskammer. Auch ein Vertreter der Arbeitsagentur wird dort eine Rede halten…

CREMER: Ja, und von der IHK und der Wirtschaftsförderung wird jemand sprechen und vom Sozialdezernat.

Die alle werden erzählen, wie toll Inklusion ist.

CREMER: Danach darf auch ich was sagen. Und bin dann für manche vielleicht wieder die lästige Aktivistin. Denn es gibt ja unfassbare Geschichten. Eine war mit der Auslöser für diese Veranstaltung. Ich habe im vergangenen Jahr eine junge Frau kennengelernt, Ende 20, abgeschlossenes Jura-Studium. Die hat zig Absagen erhalten, drei Jahre lang. Und das nur, weil sie bei einem Unfall ein Bein verloren hat. Da musste ich an meine Tochter denken: Sie ist in der 6. Klasse, sitzt im Rollstuhl und kommuniziert über einen Sprachcomputer, den sie mit den Augen steuert. Wird sie einmal Chancen haben?

Man muss in der Bewerbung doch nicht schreiben, dass man behindert ist, oder?

CREMER: Das ist heikel. Viele geben es lieber an, weil das Unternehmen dann zu einem Erstgespräch verpflichtet ist. Aber das bringt nicht viel – wie das Beispiel der Juristin zeigt. Andere haben eine nicht erkennbare Behinderung und verschweigen im Gespräch, welche. Da sagt dann der Arbeitgeber: „Ich wüsste gar nicht, was ich hier einkaufe.“ Das kann ich durchaus verstehen. Wir brauchen deshalb ein Klima, in dem es Menschen mit Behinderung möglich ist, mit offenen Karten zu spielen. Dazu müssen sie auch selbst beitragen. Gegenseitiges Vertrauen ist die Voraussetzung für einen unverkrampften Umgang miteinander.

Was auffällt: Bei Ihrer Veranstaltung fehlt die Handwerkskammer.

CREMER: Die sieht leider wenig Möglichkeiten und Anreize – vor allem für ihre vielen kleinen Betriebe.

Was ist mit der Quote, die der Gesetzgeber verlangt?

CREMER: Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern müssen fünf Prozent erfüllen. Tun sie’s nicht, müssen sie eine Abgabe zahlen. Die liegt zwischen 125 und 320 Euro im Monat. Abschreckend ist das nicht. Bei großen Unternehmen könnte sich das allerdings summieren, so dass sie zum Nachdenken verleitet werden.

Dabei schmücken sich gerade große Unternehmen öffentlich gerne mit Diversity, also mit Vielfältigkeit. Ist das nur Getue?

CREMER: Die denken da eher an Multikultur, Frauen und Homosexualität. Wir haben das Projekt „Inklujobs“ gestartet, wo wir mit drei Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Unternehmen gehen, damit man sich mal begegnet – ohne den Druck eines Einstellungsgesprächs. Die Menschen sitzen sich anfangs ganz steif gegenüber. Sobald die aber über ihren Alltag plaudern, bricht das Eis.

Hat sich daraus schon mehr ergeben?

CREMER: Drei Vermittlungen – und eine große Firma aus der Region denkt jetzt über Auszubildende mit Behinderung nach, da war man ganz euphorisch. Mal schauen. Wir müssen ja bedenken, dass viele im Unterricht voll inkludierte Jugendliche ihre Schulabschlüsse machen. Denen müssen wir doch eine Perspektive bieten.

Die Veranstaltung „Personal. Fachkräfte. Diversity“ findet heute von 12 bis 17.30 Uhr in der IHK, Börsenplatz 4 (City), statt.

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