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"Wir müssen die Kinder schützen"

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Sigrid Kemler, Leiterin der Katholischen Familienbildung im Nordwestzentrum, versucht neue Wege zu finden, um Menschen für Impfungen zu erreichen.
Sigrid Kemler, Leiterin der Katholischen Familienbildung im Nordwestzentrum, versucht neue Wege zu finden, um Menschen für Impfungen zu erreichen. © Dominik Buschardt

Die Leiterin der Familienbildung über Corona, Impfungen und Solidarität.Gut ein Drittel der Eltern, die zu Angeboten der Katholischen Familienbildung ins Nordwestzentrum kommen, sind ungeimpft. Das bereitet Leiterin Sigrid Kemler Kopfzerbrechen - und motiviert sie, neue Wege zu finden, die Menschen zu erreichen. Anne Zegelmann hat mit ihr darüber gesprochen.

Frau Kemler, ist die vulnerable Gruppe des vergangenen Jahres noch die vulnerable Gruppe von heute?

Nein, da hat sich etwas verändert. Zu Beginn der Krise lag der Fokus stark auf älteren und kranken Menschen. Da haben Familien und Kinder viel auf sich genommen und mitgetragen, um sie zu schützen. Nun sind die Kinder die gefährdete Gruppe, da sie sich nicht oder nur eingeschränkt impfen lassen können.

Was kann die Familienbildung tun?

Uns geht es um ihren Schutz, darum, dass die Großen nun solidarisch etwas für die Kleinen tun und sich - wenn schon nicht für sich selbst, dann wenigstens für sie - impfen lassen. Die Organisation unserer Angebote richtet sich momentan komplett am Schutz der Kleinsten aus, wir tun alles dafür, dass sie nicht gefährdet werden. Die Idee, die Kinder komplett in die Durchseuchung zu jagen, kann nicht Ziel der Solidargemeinschaft sein.

Die Katholische Familienbildung geht mit einer eigenen Infokampagne fürs Impfen an die Öffentlichkeit. Sie kleben Plakate und machen sich in den sozialen Medien für die Impfung gegen Covid-19 stark. Warum ist das in Ihren Augen nötig?

Wir haben verschiedene Plakate entwickelt, die knackige, kurze und ein bisschen plakative Botschaften enthalten. Denn es ist uns wichtig, eingängig und niedrigschwellig viele anzusprechen. Die größte Reichweite generieren wir durch die sozialen Medien wie Instagram und Facebook. Natürlich haben wir die Plakate auch in unseren Räumen und unserer Umgebung aufgehängt und an Kooperationspartner wie Kinderärzte und Einrichtungen in der Nordweststadt und Heddernheim verteilt.

Eine Aktion, die Schule macht...

Die Arbeitsgemeinschaft der Katholischen Familienbildungsstätten hat unsere Idee deutschlandweit aufgegriffen und verbreitet. Wir haben die Plakate digital bewusst als offene Dateien verschickt, so dass jede und jeder dort eigene Logos einfügen und sie beliebig verändern kann. Wichtig ist uns nur, dass die Sache - das Impfen - weiter beworben wird. Unsere Botschaft ist: Familien sind cool, Impfen ist cool, Impfen ist Liebe.

Warum ist es denn so schwierig, Familien gesondert anzusprechen? Eltern sehen doch sehr deutlich, welche Nachteile ihre Kinder durch die Pandemie erleben, und sollten umso mehr Grund haben, sich selbst um einen Impftermin zu bemühen.

Die Familien, die ungeimpft zu uns kommen, sind Familien in besonders herausfordernden Situationen. Für Schwangere und Stillende gab es erst im September eine Impf-Empfehlung. Viele waren unsicher und wollten lieber das Ende ihrer Schwangerschaft abwarten. Ist das Baby erst mal da, ist es dann eine enorme Herausforderung, sich um einen Impftermin zu kümmern, da sich alles um das Neugeborene dreht und das Leben schon chaotisch genug ist. Viele, gerade Alleinerziehende, fürchten auch, nach einer Impfung auszufallen und sich nicht mehr um ihr Baby oder um mehrere Kinder kümmern zu können - oder sie wissen nicht, wer ihr Kind für die Dauer des Impftermins betreuen kann.

Welche Probleme gibt es noch?

Und dann gibt es zum Beispiel noch Eltern, die noch nicht lange in Deutschland sind und sprachlich nicht verstehen, dass sie dazu aufgerufen sind, sich impfen zu lassen. Eine andere Gruppe, die mir da ebenfalls einfällt, sind psychisch Kranke. Wer schon gefordert ist damit, sein Leben halbwegs zu organisieren, für den ist es schwer, sich um einen Impftermin zu kümmern, ganz klar.

Es gibt Menschen, die haben Angst vor der Impfung.

Ein anderes Thema, das ebenfalls zur Problematik beiträgt, sind Communities, oft religiös, christlich genauso wie muslimisch und andere, die die Angst verbreiten, Menschen könnten durch die Impfung zum Beispiel unfruchtbar werden.

Im Hintergrund laufen gerade die Vorbereitungen für eine von Ihnen initiierte Impfaktion in der Nordweststadt, ganz speziell für die von Ihnen genannten Gruppen. Kann das auch ein Vorbild für andere Einrichtungen sein?

Ja, das wäre schön. An unserem Beispiel sehe ich ja, dass es funktionieren kann, über Bindung, Information und Angebot auch aufzuklären und zu überzeugen. Zum Beispiel haben wir eine Veranstaltung mit einer Ärztin vom Gesundheitsamt initiiert, um zu informieren und Verunsicherung abzubauen.

Reichen Informationsveranstaltungen?

Um Familien zu begleiten, braucht es manchmal aber auch eine Begleitung, die über Information hinausgeht. Eben durch eine Impfaktion speziell für genau diese Familien, in der sie nicht mit anderen um Termine konkurrieren müssen und beim Prozedere rund um den Impftermin begleitet werden. Mit persönlicher Begleitung haben wir beim Thema Impfen auch auf anderer Ebene schon gute Erfahrungen gemacht. So haben wir Frauen aus dem Projekt "Willkommenstage in der frühen Elternzeit" zum Impfzentrum oder zum Hausarzt begleitet, so dass sie geimpft werden konnten und nun geschützt sind. Das gibt doch Hoffnung, oder?

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