Die Diplom-Pädagogin Renate Wolter-Brandecker (SPD) hört nach 32 Jahren politischer Tätigkeit im Frankfurter Stadtparlament damit auf. Im Gespräch mit unserem Redakteur Thomas Remlein zog die 71-Jährige jetzt eine Bilanz.
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Die Diplom-Pädagogin Renate Wolter-Brandecker (SPD) hört nach 32 Jahren politischer Tätigkeit im Frankfurter Stadtparlament damit auf. Im Gespräch mit unserem Redakteur Thomas Remlein zog die 71-Jährige jetzt eine Bilanz.

Abschied aus der Frankfurter Politik

"Wir müssen Nähe zur Bevölkerung finden"

  • Thomas Remlein
    vonThomas Remlein
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Mit Renate Wolter-Brandecker geht nach 32 Jahren Arbeit im Stadtparlament ein rotes Urgestein.

32 Jahre lang war Renate Wolter-Brandecker, die "rote Renate", Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Ende dieses Monats endet die Amtszeit der Multi-Funktionärin, die auch stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin und stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende sowie Vorsitzende des Ausschusses für Soziales und Gesundheit war. Unser Redakteur Thomas Remlein sprach mit ihr zum Abschied.

Wie zufrieden sind Sie mit dem SPD-Ergebnis bei der Kommunalwahl?

Da kann ich selbstverständlich nicht zufrieden sein. Ich bin unzufrieden und hoffe auf die nächste Wahl.

Sie haben ja nicht mehr kandidiert. Wäre es mit Ihnen besser gelaufen?

Nein, das glaube ich nicht. Ich finde, es ist ein sehr guter Wahlkampf gemacht worden seitens der SPD. Aber auch mit mir kann ich nicht davon ausgehen, dass wir ein besseres Ergebnis erzielt hätten.

Sie haben 32 Jahre dem Stadtparlament angehört. Warum haben Sie nicht mehr kandidiert?

Na ja, ich habe gedacht, 32 Jahre ist eine extrem lange Zeit. Ich war jetzt auch bei den verabschiedeten Stadtverordneten diejenige, die am längsten dabei war. Ich bin mittlerweile 71 Jahre alt und ich dachte, man könnte da auch mal entspannt aufhören.

Uli Baier (Grüne) hat mit 80 noch mal kandidiert.

Ja, auch bei uns haben Leute kandidiert, die noch älter sind. Aber ich finde es besser zu sagen: Jetzt ist es genug. Es gibt noch ein Leben neben der Stadtverordnetenversammlung.

In einem Gespräch zu Ihrem 70. Geburtstag hatten Sie angekündigt, noch die Einweihung des Kinder- und Jugendtheaters im Zoo-Gesellschaftshaus und die Einweihung des Höchster Klinikums erleben zu wollen.

Na ja, der Neubau des Klinikums, der steht ja und wächst immer weiter. Die Einweihung werde ich aber leider nicht mehr in meiner offiziellen Amtszeit erleben. Für das Kinder- und Jugendtheater hätte ich wahrscheinlich für zwei Legislaturperioden gewählt werden müssen. Die endgültige Fertigstellung ist erst zu meinem 80. geplant, also 2029.

Glauben Sie, dass das Projekt wegen Corona und der finanziellen Engpässe weiter nach hinten geschoben werden wird?

Da ich bin optimistisch. Nicht nur, weil ich mich 20 Jahre dafür eingesetzt habe. Ich hoffe darauf, dass die bisherigen Koalitionspartner zu dem stehen, was vereinbart war. Wir sind ja auch mitten in den Planungen. Notwendig ist es nach wie vor.

Gehen Sie davon aus, dass die SPD in einer wie auch immer gearteten Koalition dabei sein wird?

Ich hoffe es, denn die SPD hat doch in dieser Wahlperiode sehr positive Ergebnisse mit allen Partnern erzielt. Wir haben eine Wende in der Verkehrspolitik eingeleitet. Was wir in der Kultur-, Schul- und Bildungspolitik erreicht haben, waren wichtige Beiträge. Insofern kann ich nur hoffen, dass die Dezernenten - zwar nicht in der bisherigen Zahl - doch noch beteiligt sein werden an einer Koalition.

Aber dann würden sich die möglichen Koalitionspartner die Awo-Affäre der SPD und ihres Oberbürgermeisters Peter Feldmann ans Bein binden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen doch diesbezüglich.

Das werden wir sehen. Aber die Politikfelder, die die SPD betrieben hat, sind sehr positiv besetzt worden. Und der Oberbürgermeister stand ja auch gar nicht zur Wahl.

Fällt Ihnen denn eigentlich nach 32 Jahren der Abschied aus der Politik schwer?

Aber natürlich. Wenn man so lange mit Herzblut dabei war, dann kann man nicht einfach sagen: Das war's mal. Es ärgert mich auch, dass wir Dinge, die wir angefangen haben, nicht zu Ende gebracht haben.

Was haben Sie am meisten geliebt an Ihrer Arbeit als Stadtverordnete?

Den Kontakt zur Bevölkerung. Ich hab' in der Zeit gelernt, dass es sehr wichtig ist, immer in engem Austausch mit der Bevölkerung zu sein. Aber gerade im Kulturbereich war es der Austausch mit den Theatergruppen, mit den Museen. Im Gesundheitsbereich wiederum hat man völlig andere Kontakte als im Kulturbereich.

Sie waren ja auch stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin, Vorsitzende des Sozial- und Gesundheitsausschusses und kulturpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Wie aufwendig ist da das Ehrenamt?

In dieser Ämterfülle ist es ein Fulltime-Job. Ich bin ja nebenbei auch noch stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Das ist eine zeitintensive Aufgabe. Im Kulturbereich gab es vor Corona sehr viele Termine in den Abendstunden.

Was würden Sie als Höhepunkt Ihrer politischen Arbeit betrachten?

Das ist schwierig. Denn einzelne Höhepunkte zu benennen ist schwer. Gerade in der letzten Wahlperiode haben wir die Entscheidung für ein Kinder- und Jugendtheater getroffen. In der Drogenpolitik haben wir Veränderungen herbeigeführt. Es gibt auch Punkte, wo man sich nicht durchgesetzt hat. Höhepunkte kann man setzen, wenn das Geld da ist. In der letzten Wahlperiode war das der freie Eintritt für Kinder in Kultureinrichtungen. Ich hoffe, sollte die SPD nicht in der neuen Koalition sein, dass diese Dinge nicht zurückgedreht werden.

Mit wem haben Sie sich im Stadtparlament am besten verstanden?

Ich hab' früher sehr intensiv mit Ute Hochgrebe (SPD) zusammengearbeitet, die vor mir ja auch stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin war. Ich hatte eine enge Zusammenarbeit mit Lisa Petersen und Lilly Pölt. (Anmerkung der Redaktion: Die Genannten sind bereits verstorben.) Heute mit Eugen Emmerling im Kulturbereich und mit Ursula Busch im Gesundheitsbereich.

Und mit wem haben Sie sich am meisten auseinandergesetzt oder gestritten?

Man streitet sich auch innerhalb der Koalition.

Sie dürfen ruhig auch Parteifreunde nennen.

Man streitet sich selbstverständlich innerhalb der eigenen Fraktion. Ich möchte da gar niemanden herausheben. Politischer Dialog ist immer Diskurs, in dem sehr unterschiedliche Positionen zusammenkommen. Ich erkenne an, wenn sich in einer Koalition andere Positionen durchsetzen. Und selbstverständlich trage ich diese Positionen dann auch mit. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, mit den anderen Partnern in der Koalition guten Kontakt zu haben. Das hilft dann auch über die Zeit hinweg, in der man nicht in einer bestimmten Koalition vertreten ist.

Ich kann mich erinnern, dass Sie im Gesundheitsausschuss den inzwischen ebenfalls verstorbenen Dezernenten Nikolaus Burggraf sehr scharfzüngig vorgeführt haben.

Das kann durchaus sein. Ich erinnere mich auch, dass ich Petra Roth mal ziemlich beschimpft habe, als sie sich als Gesundheitspolitikerin darstellte und vertreten hat, dass sie sich für die Heroinambulanz einsetzt. Ich habe ihr dann gesagt: Also Frau Roth, das ist Wahlkampf von Ihnen. Das nehme ich Ihnen nicht ab. Die CDU-Fraktion hat eine völlig andere Position. Nach der Wahl werden Sie wieder umfallen. Sie hat mir widersprochen und sie hat Wort gehalten. Es gab auch scharfe Auseinandersetzungen über das Krankenhaus Höchst. Die politische Auseinandersetzung bringt es mit sich, dass man Kollegen scharfzüngig angeht. Das bedeutet aber nicht, dass man sie persönlich angeht.

Was werden Sie ohne Full-Time-Politik machen?

Es ist an der Zeit, sich vielen anderen schönen Dingen zu widmen. Ich fotografiere sehr gerne. Wir sind viel unterwegs. Ich werde mich auch nicht so ganz aus allen Ämtern zurückziehen. Das wird sich jetzt im Laufe der nächsten Monate ergeben. Ich bin immer noch stellvertretende Vorsitzende der deutsch-israelischen Gesellschaft. Ich kann jetzt wieder Urlaub planen außerhalb der Ferienzeiten. Das ist auch ganz schön.

Was wünschen Sie der SPD?

Meiner Partei wünsche ich, dass sie sich wieder berappelt, natürlich auf Bundesebene. Weil sich die Ergebnisse auf Land und die Kommune auswirken. Und ich wünsche ihr, dass sie weiterhin mitregiert. Opposition zu betreiben und scharfzüngig zu sein ist ganz nett. Aber umsetzen kann man nichts. Wir müssen die Nähe zur Bevölkerung finden.

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