Auch im "Platzhirsch" am Mainufer macht sich bemerkbar, dass in der Corona-Krise jeder fünfte Mitarbeiter der Frankfurter Gastro- und Hotel-Szene die Branche gewechselt hat. Mangels Personal muss die "Platzhirsch"-Wirtin ihr Lokal an zwei Tagen die Woche schließen.
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Auch im "Platzhirsch" am Mainufer macht sich bemerkbar, dass in der Corona-Krise jeder fünfte Mitarbeiter der Frankfurter Gastro- und Hotel-Szene die Branche gewechselt hat. Mangels Personal muss die "Platzhirsch"-Wirtin ihr Lokal an zwei Tagen die Woche schließen.

Personalnot

„Traurige Schicksale“: Situation für Wirte und Hoteliers in Frankfurt dramatisch

  • VonMichelle Spillner
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Wegen Corona haben sich zahlreiche Mitarbeiter von Restaurants und Hotels in Frankfurt neue Jobs gesucht. Betreiber sind verzweifelt.

Frankfurt – Fehlt eigentlich nur noch so ein Spruch wie: "Habt ihr wegen Reichtum geschlossen?". Tatsächlich hat Gabriele Heimann ihr Restaurant "Platzhirsch" mit Biergarten am Mainufer in diesem Sommer an zwei Tagen in der Woche - Montag und Dienstag - geschlossen. Aber keineswegs wegen unverhofften Reichtums, ganz im Gegenteil: Nach einem halben Jahr Schließung wegen Corona müsste sie eigentlich mehr Umsatz machen denn je, um die Ausfälle auszugleichen. Aber geht nicht. Im Schaukasten am Eingang hängt ein Hinweis: "Durch die Corona-Krise fehlt es an Personal, dadurch bin ich gezwungen, für zwei Tage in der Woche zu schließen. Ich bitte um Verständnis, diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen."

So wie ihr geht es vielen Gastro-Betrieben und Hotels in Frankfurt: Sie würden gerne durchstarten und die Sommerzeit nutzen, aber sie können nicht, weil ihnen die Mitarbeiter fehlen, vor allem in Küche und Service. Die Hotels und Gaststätten verzeichnen eine dramatische Abwanderung von Fachkräften. Laut der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) haben innerhalb des vergangenen Jahres in Frankfurt 6600 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt - und damit jeder fünfte Beschäftigte der Branche. Arbeiteten 2019, im Jahr vor Ausbruch der Corona-Pandemie, im Hotel- und Gaststättengewerbe in Frankfurt noch fast 33.000 Menschen, so sind es jetzt laut Bundesagentur für Arbeit nur noch 26.300.

Gastronomie in Frankfurt: Ohne Trinkgeld droht der Überlebenskampf

Vor allem jene sind in andere Geschäftsbereiche abgewandert, für die die Hilfsprogramme der Bundesregierung nicht griffen: Aushilfen und Minijobber erhalten kein Kurzarbeitergeld. Aber auch für viele Bezieher von Kurzarbeitergeld konnte das keine langfristige Lösung sein. In dieser Branche verdient man ohnehin nicht üppig, wenn das Salär noch gekürzt ist, wird es eng. Und dann fehlen noch die Trinkgelder, die für viele nicht nur ein Sahnehäubchen sind, sondern unerlässlich fürs Überleben. Manche hätten sicher eine Weile überbrücken könne, sich dann aber doch nach anderen Einnahmequellen und Jobs umsehen müssen, vermutet Kerstin Junghans, Geschäftsführerin der Geschäftsstelle Frankfurt des Hotel- und Gastronomieverbandes Dehoga.

Auch Mitarbeiter von James Ardinast ("Bar Shuka" im Hotel "The Trip") haben sich etwas Neues gesucht, das sicherer zu sein scheint, etwa im Büro. Wer jetzt eine Stelle in einer Anwaltskanzlei gefunden hat, wird der zurückkommen? "Es ist schwierig zu sagen, wie es weitergeht. Wir gehen davon aus, dass sich das wieder relativieren wird, wenn die Branche nachhaltig offenbleibt. Im Moment ist die Unsicherheit das Problem. Wir wissen überhaupt nicht, wie es im Herbst aussehen wird", sagt Ardinast. Ohne Perspektive werde sich kaum jemand Arbeit in einer Branche suchen, in der er damit rechnen müsse, womöglich nicht arbeiten zu können.

Corona in Frankfurt: Gastro-Betriebe in Existenz bedroht

Kerstin Junghans wünscht sich deshalb Planungssicherheit: "Die Perspektive kann nicht sein, von einem Lockdown in den anderen zu schlittern." Man müsse Wege und Lösungen findet, "wie wir mit dem Virus leben können, natürlich ohne dass das zulasten der Gesundheit geht" - spätestens dann, wenn die Impfungen entsprechend vorangekommen seien. Sonst werde das weitreichende Konsequenzen in der Branche haben: "Das bringt nicht nur Abwanderungen mit sich, sondern langfristig auch Existenzverluste. Da wird es wahrscheinlich noch traurige Schicksale und Situationen geben."

Nach einer Umfrage des Dehoga-Bundesverbandes zogen bereits im März 25 Prozent in Hotellerie und Gaststättengewerbe eine Betriebsaufgabe in Betracht, mehr als 70 Prozent sahen sich in ihrer Existenz bedroht. Und auch jetzt sei noch lange keine Normalität eingekehrt: Im Juni verzeichneten die Hotels und Restaurants laut der Umfrage bundesweit Umsatzeinbußen von 35,7 Prozent im Vergleich zum Juni 2019.

Restaurants in Frankfurt: Leute fehlen, um voll öffnen zu können

Aufgeben ist für Gabriele Heimann keine Option. Sie ist eine Kämpferin, hat schon anderes überstanden. Zehn Jahre war sie Pächterin in der Sachsenhäuser Warte und musste das Restaurant mit Biergarten 2016 aufgeben, weil die Stadt ihr kündigte, um den denkmalgeschützten Wehrturm sanieren zu können. Sie suchte eine neue Lokalität, öffnete 2017 den "Platzhirsch". Mit neun Personen Stammpersonal - Festangestellte und Stamm-Aushilfen - bestreitet sie nun die fünf Öffnungstage. "Aber die Saisonaushilfen sind weg", erklärt sie. Sie bräuchte noch vier, fünf Leute mehr, um voll öffnen zu können. "Ich denke nicht, dass ich die diesen Sommer bekommen werde", so Heimann.

Wenn die Test- und Impfzentren irgendwann schlössen, vielleicht entspanne sich dann die Personalsituation - dorthin seien viele abgewandert. Vielleicht kämen dann auch die zurück, die in ihren Augen das Wichtigste im Service beherrschen: "Freundlich sein! Gerade diese Freundlichkeit fällt vielen schwer." Wer nicht freundlich sei, auch in stressigen Situationen, schade mehr als dass er helfe, sagt Heimann: "Unfreundliches Personal gibt sofort eine schlechte Bewertung." Das könne sich im Moment auch niemand leisten. (Michelle Spillner)

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