Brutzeit

Wirtschaftswege sind für Landwirte in Bergen-Enkheim unpassierbar

Überhängende Zweige könnten Schäden an Schleppern verursachen - die Stadt Frankfurt lässt die Bäume bisher aber wegen der Brutzeit nicht schneiden und sieht kein Problem.

Frankfurt - Landwirt Rainer Olschewski ist sauer auf die Stadt. Rund 40 Hektar Land bewirtschaftet er in und um Bergen-Enkheim. Auf etwas mehr als 20 Grundstücken baut er Kartoffeln und Getreide an. Die Wirtschaftswege zu seinen Wiesen und Feldern kennt er in- und auswendig. Nur: Es werden immer weniger Wege, die er nutzen kann. Die Stadt komme ihrer Aufgabe nicht nach, die Wege freizuschneiden, klagt er.

Wenn man verstehen will, warum sich Olschewski über ein paar tief hängende Äste beschwert, muss man sich seinen Schlepper genauer anschauen. 2,5 Meter breit ist er, 3,5 Meter hoch und oben auf dem grünen Dach ist ein kleiner, weißer Kasten, der aussieht wie ein Innenraum-Feuermelder. Mit dieser Antenne fährt der Schlepper satellitengesteuert die ideale Route auf dem Feld, mit der es möglichst wenige Hin- und Herfahrten braucht, um etwa die ganze Fläche zu düngen. Ohne diese Effizienz, die die Technik ermöglicht, können Bauern heute nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Olschewski braucht also die 4000 Euro teure Antenne, "doch wenn die mir an einem Ast abgerissen wird, dann bezahlt mir das keiner." Ein tief hängender Ast entscheidet deshalb, ob Olschewski einen Wirtschaftsweg nutzen kann oder eben nicht.

Hecken kratzen auf beiden Seiten am Lack

Die Verlängerung der Erlenseer Straße wird so vom Ast eines Nussbaums für den Schlepper blockiert. Ähnlich ist es bei der Haingasse. Auf dem Berger Hang das gleiche Problem. Auf dem Weg, der ab dem jüdischen Friedhof entlang des Bad Vilbeler Walds führt, sind die Wege so zugewachsen, dass die Büsche selbst bei Olschewskis deutlich schmalerem Geländewagen rechts und links an den Scheiben kratzen. "Mit dem Schlepper würde es mir hier die Seitenspiegel abreißen."

Am Nordring 97 führt ein Weg auf eine von Olschewskis Streuobstwiesen. Anwohner haben ihn mit ihren Autos zugeparkt. Wohl ohne böse Absicht, denn Spaziergänger ohne Kinderwagen kämen zwischen den Autos hindurch und damit ist die Lücke breiter als der Weg zu Olschewskis Grundstück. Der Pfad ist so zugewuchert, man glaubt dem Landwirt erst nicht, dass da jemals ein Weg war. "Doch!", ruft er. "Der müsste eigentlich 3,5 Meter breit sein."

Es sind nicht nur die Schäden, die das Grün an seinem Schlepper verursachen würde, über die sich Olschewski aufregt. Felder sind in der Stadt nicht nur landwirtschaftlicher Raum, sondern auch ein Erholungsort. Die Bauern müssen sich die Wirtschaftswege mit Spaziergängern, Gassi-Gehern und Radfahrern teilen. An der Hohen Straße zum Beispiel, einem beliebten Ausflugsziel. Weit hinter dem Lindenhof hat Olschewski einen Kartoffelacker. Zwischen Feld und Weg stehen Bäume und Hecken. Sie breiten sich so weit aus, dass der Bauer auf der einen Seite einige Kartoffelzeilen mit der Hand ernten müsste, weil der Vollernter nicht so nah an die Bäume fahren kann - von dem Ernteausfall durch die Verschattung ganz zu schweigen.

Auf der anderen Seite wird der Weg so verengt, dass Schlepper und Radfahrer nicht mehr aneinander vorbeikommen. Da viele Erholung suchende Städter kein Verständnis für Landwirtschaft mehr hätten, wie Bauern es beschreiben, und die Hohe Straße als Radweg ausgewiesen ist, glaubten sich viele Radfahrer im Recht, für sich freie Fahrt zu beanspruchen. Das wuchernde Grün verschärft so die ohnehin starken Konflikte auf den Feldwegen.

In der Brutzeit wird nicht geschnitten

Im Ortsbeirat 16 (Bergen-Enkheim) hat Ellen Wild das Problem kürzlich nun aufgegriffen. In einem Antrag forderte sie die Stadt auf, "dass alle Wirtschaftswege zwischen "Frohngrundweg" und Haingasse entlang des Nordrings so freigeschnitten werden, dass landwirtschaftliche Fahrzeuge diese gefahrlos befahren können". Der Ortsbeirat nahm den Antrag an. Darauf hat die Stadt nun geantwortet: Die Stadtpolizei habe "keine Unterschreitung der vorgeschriebenen Mindestmaße" feststellen können. Außerdem sollten "reguläre Gehölzschnittmaßnahmen möglichst ausschließlich in den Monaten Oktober bis Februar durchgeführt werden", wegen der Brutzeit. Friedrich Reinhardt

Wegen des tief hängenden Astes könnte ein Traktor die Verlängerung der Erlenseer Straße nicht nehmen, ohne teure Schäden am Fahrzeug in Kauf zu nehmen.

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