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Andrea Hampel hält einen Unterschenkel der in Seckbach gefunden Mammutknochen in der Hand.

Forschung

Wissenschaftler entdecken in Seckbach Mammut-Knochen

Grabungstechniker des Denkmalamts fanden in Seckbach erstmals mehr als nur einzelne Knochen eines Mammuts. Der Erdschicht zufolge, in der es gefunden wurde, hat es vor rund 12 000 Jahren gelebt. In einer Zeit also, in der es viel kälter war – und in der hier kaum etwas wuchs.

Nein, ein ganzes Mammut ist es nicht, das die Mitarbeiter des Frankfurter Denkmalamts da entdeckt haben. Aber immerhin: Vorder- und Hinterbeinknochen, ein Schulterblatt, Wirbel – insgesamt rund 20 Knochen eines „Großsäugers“, der vor rund 12 000 Jahren am Seckbacher Hang gestorben war, sind wesentlich mehr als die bisherigen Funde im Stadtgebiet, ein Mammut-Backenzahn in Sachsenhausen, ein Stoßzahnteil im Gallus. Inzwischen ist auch klar, dass es sich um ein Mammut handelt, sagt die Leiterin des Denkmalamtes, Andrea Hampel. Und wahrscheinlich sei es ein einzelnes Tier, zumindest gebe es keinen Knochen doppelt.

Der Fund in gut einem Meter Tiefe bei einem Hausbau an der Hofhausstraße in Seckbach habe sie und ihre Mitarbeiter überrascht, gab es dort doch bislang keine ähnlichen Entdeckungen. Die Schicht, in der die Knochen lagen, zeige, dass das Mammut gegen Ende der letzten Eiszeit lebte, kurz bevor die großen zottigen Elefanten und andere Großsäuger jener Zeit ausstarben.

„Es war die Wende zur Warmzeit“, erklärt Hampel. Die Landschaft veränderte sich: Das Eis, das weite Teile Mitteleuropas bedeckte, zog sich zurück. Die Lebensbedingungen veränderten sich. Ob das oder die intensivere Bejagung durch den Menschen – der Homo Sapiens hatte den Neandertaler in unseren Breiten inzwischen verdrängt – der Grund für das Aussterben der Großsäuger wie Mammut, Wollnashorn, aber auch Säbelzahnkatzen und großen Hyänen war, sei in der Wissenschaft umstritten.

Aber wie sah die Landschaft in und um Frankfurt zu jener Zeit aus, als die letzten Mammuts auch den ehemaligen Prallhang des Mains in Seckbach hinauf- und hinabzogen?

„Damals war es noch deutlich kälter als heute“, erklärt Christine Hertler, Paläobiologin am Senckenberg Forschungsinstitut. Man müsse davon ausgehen, dass im Frankfurter Raum „Mammutsteppen“ die Landschaft prägten. „Grasland mit wenigen niedrigen Büschen, etwa in der Größe heutiger Blaubeersträucher.“ Denn tief in den Boden eindringen konnten die Wurzeln noch nicht, erklärt Pascal Schmitz vom geotouristisch-wissenschaftlichen Dienst der Grube Messel bei Darmstadt: Noch zog sich nur ein schmaler eisfreier Streifen in Ost-West-Richtung durch Mitteleuropa, etwa in der Höhe von Frankfurt. Und auch hier war der Boden schon in wenigen Zentimetern Tiefe das ganze Jahr lang gefroren. „Ein typische Pflanze war die Krautweide, ein Baum, dessen Stamm knapp unter der Oberfläche wächst“, sagt Hertler. Ein Baum, der heute noch in der Tundra wachse und nur zehn bis 15 Zentimeter hoch werde.

Mammuts und andere Großsäuger gab es nur noch „ganz vereinzelt“, sagt Hertler. Auffallend sei, dass in jener Zeit „ausgerechnet hier in Europa die großen Tiere verschwinden, sowohl Raub- als auch Beutetiere“. Das spreche dafür, dass nicht allein das Klima der Grund dafür sei, denn dann hätte es vermutlich ein oder zwei Arten getroffen statt alle gleichzeitig. Aber auch das Verschwinden einiger Nahrungspflanzen der Großsäuger könnte zu ihrem Aussterben beigetragen haben, sagt Schmitz. „Verschwindet eine Pflanze, können den Tieren wichtige Inhaltsstoffe fehlen.“

Vor 12 000 Jahren lebten im Rhein-Main-Gebiet aber nicht nur Mammuts und andere, heute ausgestorbene Großsäugetiere, sagt Pascal Schmidt. „Es gab auch Wildpferde und Rothirsche, aber auch Wölfe, Braunbären, Luchse, Füchse. Rentierherden durchstreiften die Landschaft.“ Einige, wie Moschusochsen oder die heute noch in Russland und der Mongolei heimischen Saigaantilopen, lebten auch in Mitteleuropa.

Welches Schicksal das Seckbacher Mammut ereilte, sei ungewiss, sagt Andrea Hampel. Vielleicht sei es von Menschen erlegt worden, die gab es zu jener Zeit in dieser Region ja längst. Verletzungen vom Waffen habe man aber nicht gefunden. Die Knochen seien allerdings nicht sehr gut erhalten, die Verwesung setzte auch ihnen zu, sie wurden auseinandergerissen. Fest steht: Es war eines der letzten seiner Art: 2000 Jahre später gab es die Elefanten-Art hier nicht mehr. Keine lange Zeitspanne, wenn man bedenkt, dass Mammuts bereits vor mehr als 500 000 Jahren auch durch Europa zogen.

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