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Interview

Wissenschaftler Rafael Behr: Polizeibeamte anfälliger für rechtes Gedankengut als andere

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Die Polizeiarbeit bringt hohe Belastungen mit sich. Wie das zu rechtsextremen Einstellungen führen kann und warum Kollegen darüber oft schweigen, erklärt der Kriminologe und Soziologie an der Hochschule der Polizei Hamburg, Rafael Behr, im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs.

Wie beurteilen Sie die Vorfälle in Frankfurt?

BEHR: Es gibt einige Milieus in der Polizei, die tatsächlich anfällig sind für rechtes Gedankengut. Das zieht sich durch die Polizei, seit es sie gibt.

Was für Gruppen sind das?

Polizeiforscher Rafael Behr

BEHR: Das ist schwer zu sagen. Es ist nicht so, dass die ganze Polizei auf dem rechten Auge blind ist, aber es sind auch nicht nur einzelne schwarze Schafe. Es gibt oft kleine Milieus wie Dienstgruppen und Arbeitsteams, die zu Rassismus neigen. Ab und zu bricht so was auf. So war es damals etwa bei der Personenschutzgruppe um Michel Friedman in Frankfurt. Diese Personenschützer haben ihren Job damals anständig gemacht, aber waren alle rechtsextrem und hatten Nazi-Devotionalien in ihren Schränken. Wenn aus der rassistischen Haltung auch Handlungen werden, wie es diesmal der Fall ist, ist das vom Unrechtsgehalt natürlich noch schärfer zu bewerten.

Warum ist die Polizei anfälliger für rechtes Gedankengut als andere Berufsgruppen? Liegt es an den Menschen, die sich für den Beruf entscheiden, oder an den Erfahrungen, die sie im Beruf machen?

BEHR: Zweiteres. Das Personal wird nach relativ strengen Kriterien ausgesucht. Die Arbeit fordert aber von den Menschen hohe Belastungen ab, die sie oft nicht verarbeiten können. Viele, die Polizisten werden, sind eher wertkonservativ. Und wer mit einem klaren Ordnungsbegriff in die Polizei hineingeht und dann dort viele Ohnmachtserfahrungen macht, etwa auffällige Täter immer wieder laufen lassen muss, kann anfällig werden für autoritatives Denken. Es muss aber nicht so sein. Viele Polizisten verteidigen sehr engagiert die Demokratie. Es ist leider so, dass diejenigen, die wenig Erfolge verspüren, oft verhärten und sich ihre eigenen moralischen Muster zurechtlegen – und einige von denen sind rechtsextrem.

Warum schweigen Polizisten, wenn sie merken, dass ihre Kollegen rechtsextreme Tendenzen entwickeln?

BEHR: Ich führe das auf einen so genannten „Code of Silence“, einen Solidaritätscode, zurück. Seinen Kollegen zu verpfeifen gilt als eine Ursünde in der Polizistenkultur. Deswegen halten viele still – nicht weil sie heimlich die Taten befürworten, sondern weil sie nicht als Verräter gelten wollen. Das wird oft härter sanktioniert, als wenn jemand mal über die Stränge schlägt. Den Typ des Whistleblowers gibt es in der Polizei extrem selten. Dieses Solidaritätsmuster verhindert oft Zivilcourage.

Liegt dieses Verhalten auch darin begründet, dass die Polizei noch eher männlich geprägt ist?

BEHR: Es gibt nicht in Bezug auf das Personal, sondern in Bezug auf das Gedankengut schon eine sichtbare Maskulinität bei der Polizei. Dort trifft eine Form von Männlichkeit auf eine Form von Rigorismus. Weniger stark ist die Diskussionsfreude und die Bereitschaft, kulturelle Vielfalt zuzulassen – auch wenn die Polizei das natürlich gern möchte.

Wie werden sich die aktuellen Frankfurter Fälle auf das Klima in der Polizei auswirken?

BEHR: Die Polizei wird versuchen, sie als absolute Ausnahmen darzustellen. Das ist in der Form wahrscheinlich auch richtig, denn diese fünf Polizisten waren hochkriminell. Danach wird ein großer Mantel des Schweigens darüber gelegt werden, während das Landeskriminalamt untersucht und die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und irgendwann nehmen sich die Beschuldigten Anwälte, die das Maß an Unrecht so weit herunterzubringen versuchen, dass vermutlich ein Strafmaß unter einem Jahr dabei herauskommt. Dann werden sie im Polizeidienst bleiben. Es ist ganz selten, dass Menschen wegen ihrer Gesinnung dort rausgeworfen werden.

Wie ist das juristisch möglich?

BEHR: Ich nehme an, dass der Fall weniger dramatisch ausgehen wird, als er uns jetzt erscheint. Wir sind alle moralisch äußerst empört, ich bin das auch. Es wird zwar jetzt unter anderem wegen Volksverhetzung ermittelt, aber das ist erst im Anfangsstadium. Bei dem Schreiben ist nicht klar, wer das verfasst hat. Wenn alle leugnen, ist der einzelne Täter da gar nicht zuzuordnen. Ich glaube, das wird alles bald mehr oder weniger kleingekocht. Wir kennen natürlich noch nicht alle Details – ob etwa möglicherweise noch mehr Polizisten vernetzt waren. Das wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen. Meine große Kritik ist aber generell, dass man solche Vorfälle immer nur strafrechtlich und disziplinarrechtlich beurteilt – und nicht auch danach, was moralisch angerichtet wurde.

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