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Den schlechten Zustand vieler Industriestraßen beklagen die Unternehmen, auch die Stadt sieht Handlungsbedarf. Doch das Sanierungsprogramm wird jetzt heruntergespart - und die Sanierung der Franziusstraße hier kommt nicht in Gang.

Verkehr

Wo die Rosette von der Sahnetorte fällt

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    vonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Ob Torten, Kuchen und Teilchen der Großbäckereien heile in den Filialen landen, hängt in Frankfurt viel von den Fahrern ab. Denn viele Industriestraßen sind in schlechtem Zustand. Doch die Stadt bremst die Sanierungen aus.

Wenn die 14 Lieferwagen der Bäckerei Eifler frühmorgens in Fechenheim vom Hof fahren, hält Seniorchef Gerhard Eifler die Luft an. Ab da unterliegt die Qualität von Kuchen, Torten und Teilchen ganz dem Können der Fahrer: Sie müssen die Leckereien über einige der schlechtesten Straßen der Stadt heil in die Filialen bugsieren: Eiflers Großbäckerei liegt an der Carl-Benz-Straße, einer der übelsten Buckelpisten der Stadt.

"Wenn man da nicht ganz langsam und vorsichtig fährt, fallen die Sahnerosetten von der Torte", sagt Eifler. Der schlechte Zustand der Straßen verursache einen erheblichen Ausschuss. "Ich verstehe nicht, dass man die Autofahrer nur ärgern muss." Nicht nur die Benz-Straße ist in miserablem Zustand. Auch viele andere Straßen in Industriegebieten, sind es. Besonders im Osten: die Adam-Opel-Straße in Fechenheim etwa, Franzius- und die Intzestraße im Ostend, Gwinner-, Fries- und Kruppstraße in Seckbach, Genfer Straße in Nieder-Eschbach, die Borsigallee.

Sanierungsstau von rund 75 Millionen Euro

Den großen Sanierungsstau hat Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) bereits 2017 bestätigt. Da kündigte die Koalition aus CDU, SPD und Grünen an, 75 Millionen Euro in die Sanierung der 26 schlechtesten Industriestraßen stecken zu wollen. Pro Jahr erst 1,5 Millionen Euro, von 2023 an dann sechs Millionen. Heute kann Oesterling "nichts Positives" berichten: Im aktuellen Doppelhaushalt 2020/21 sei das Vorhaben aus Sparsamkeitsgründen noch weiter zusammengestrichen worden.

Nicht nur das: Das erste Projekt, die 4,7 Millionen Euro teure Sanierung der Franziusstraße, sei "hängen geblieben", so der Dezernent. "Die Planung ist fertig", doch warnten die Anlieger-Betriebe vor der Umsetzung, weil die Wendekreise für Lastwagen zu eng seien. Denn die Stadt hat auch Radwege vorgesehen. Auf diese verzichten? Dazu gebe es "unterschiedliche Meinungen in der Koalition", sagt Oesterling. Auch mehrere vor-Ort-Termine hätten "bisher nicht zu einem Ergebnis geführt".

So muss Daniel Imhäuser weiter mit dem miesen Zustand der Franziusstraße vor seiner Firma leben. Er ist Geschäftsführer der Blasius Schuster KG. Die Lastwagenfahrer und die 100 Firmenbrummis mit ihren Ladungen von Bauschutt, Erdaushub und Sand "stören sich nicht an Schlaglöchern", räumt Imhäuser ein. Aber: "Die Schlaglöcher zeigen, wo die Stadt ihre Prioritäten setzt", sagt der Unternehmer, nämlich: falsch.

Industriestraßen seien "kaum im Bewusstsein der Wohnbevölkerung", dennoch elementar für die Infrastruktur der Stadt. So säßen hier fünf Transportbeton-Unternehmen, die den Baurohstoff etwa für die Wolkenkratzer in die City bringen. Beton, Sand, Kies, Entsorgung: Der Osthafen sei "wesentlicher Teil für der Versorgung Frankfurts", mahnt Imhäuser. Mit dem Bauboom allenthalben nehme die Bedeutung der Industriestraßen sogar noch zu.

Großbäckerei weicht über Offenbach aus

Rund 10 000 Lastwagenladungen holt Schuster jährlich aus den Baugruben in der Innenstadt heraus. Für einen umweltfreundlichen Transport wird im Osthafen umgeladen: Auf täglich einen Güterzug nach Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie jährlich eine dreistellige Zahl an Binnenschiffen. "Damit entlasten wir die Peripherie Frankfurts und die Autobahnen ganz erheblich", sagt Imhäuser.

Drei Viertel der Firmen in Frankfurt und dem Umland sehen sich beeinträchtigt durch miese Straßen, hat eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) ergeben. Indem die Stadt nicht handele, "richtet sie großen Schaden an", warnt IHK-Präsident Ulrich Caspar. Schließlich würden die Straßen Jahr für Jahr schlechter. "Viele Straßen müssten eigentlich schon längst gesperrt werden", ist Bernd Ehinger sauer, der Präsident der Handwerkskammer. Das Problem sei aber offenbar "zu weit weg von Wählerstimmen".

Als er mit Fuhrunternehmer Imhäuser einen Blick über die Franziusstraße, ihre Asphalt-Verdrückungen und Schlaglöcher wirft, winkt Bäckerei-Chef Eifler ab. In der Carl-Benz-Straße sei es viel schlimmer. "Dagegen ist das noch Hollywood." Gerhard Eifler hat längst zwei Konsequenzen aus dem üblen Kopfsteinpflaster-Geholpere gezogen: Seine Lieferwagen fahren nun meist einen Umweg via Offenbach, wo die Straßen besser ausgebaut sind.

Und er hat die Expansion seines Familienbetriebs auf die schlechte Straßenqualität ausgerichtet. "Wir eröffnen neue Läden derzeit lieber im Umland", sagt Gerhard Eifler. Bei der Anlieferung dorthin fallen die Rosetten nämlich nicht von den Sahnetorten.

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