Der Künstler Patt van Höfen hat sich in seinem Atelier ablichten lassen.
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Der Künstler Patt van Höfen hat sich in seinem Atelier ablichten lassen.

Frankfurter und ihre Wohnungen

Wo die Seele zu Hause ist

  • vonGernot Gottwals
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Unsere Nachbarn: Ein tolles Fotobuch präsentiert unterschiedlichste Menschen in ihrer ureigenen Umgebung.

Frankfurt -My home is my castle (mein Zuhause ist meine Burg), sagt ein englisches Sprichwort. Doch braucht es einen solchen Schutz- und Rückzugsort, um sich in einer weltoffenen Stadt wie Frankfurt heimisch zu fühlen? Und wie weit reicht diese Offenheit in die Privatsphäre der eigenen Wohnung hinein, die gerade in der jetzigen Corona-Krise für immer mehr Menschen zum wichtigen Refugium wird?

"Ein heimisches Fotoprojekt ist in Frankfurt nicht neu, in den 1990er Jahren haben wir sogar unser Schlafzimmer dafür zur Verfügung gestellt", erinnert sich Nulf Schade-James, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Frieden und Versöhnung. Für ihn und seinen Mann David James sind die Grenzen zwischen privat und öffentlich fließend, zumal sie im Wohnzimmer oft Gäste empfangen. Doch für viele andere Bewohner im Fotobuch "In Frankfurter Gesellschaft" ist die Erfahrung, Gastgeber und Fotomodell in der eigenen Wohnung zu sein, weit weniger vertraut.

"Wir haben für das Buch 145 Porträts und 65 Außenaufnahmen von insgesamt 650 Fotografien aus 18 Stadtteilen ausgewählt", erklären die Fotografen Anna Pekala und Florian Albrecht-Schoeck. Von 2013 bis 2019 waren sie in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Programm-Aktive Nachbarschaft mit ihren Kameras in 18 Stadtteilen unterwegs, haben ihre Arbeiten auch in verschiedenen Stadtteilausstellungen gezeigt. Eine Auswahl der Porträts hängt zudem im Historischen Museum in der Dauerausstellung "Frankfurt jetzt" im dritten Obergeschoss.

Zahlreiche Nationen und Altersgruppen

Beim ersten Durchblättern staunt man über die Vielfalt der Gesichter, Einrichtungen und bunten Kostüme: Zahlreiche Nationen und Altersgruppen sind in den Bildern vertreten. Kinder zeigen sich im Kostüm ihrer Actionhelden, junge Frauen im Brautkleid, Herren in Landestracht und passender Fahne. Gemütliche Puppenstuben wechseln sich ab mit Hobby- oder Arbeitsräumen, die das Homeoffice vorwegzunehmen scheinen.

Wurden Pekalas heimische Porträtaufnahmen mit zurechtgerückten Möbeln und passender Kleidung der Fotografierten inszeniert, so zeigen Albrecht-Schoecks Außenansichten menschenleere und eher schlichte Siedlungs- und Landschaftsmotive. Nur hier und da sind bekannte Gebäude wie der Messe- oder der Europaturm zumindest im Hintergrund erkennbar. Die meisten Aufnahmen sind schwarz-weiß gehalten, erst später kam etwas Farbe hinzu.

Die erste Durchsicht erfordert aber auch Geduld und Orientierungsvermögen: Man findet weder Namen noch Seitenzahlen, auch keine Sortierung nach Stadtteilen oder der chronologischen Reihenfolge. "Es war nicht leicht, eine Auswahl starker Porträts zu treffen und auf den aufgeschlagenen Seiten einander gegenüberzustellen, ohne dass sie sich gegenseitig ausstechen", räumt Pekala ein. "Und jede Art der Sortierung wäre auch wieder eine wertende Zuordnung gewesen", ergänzt Albrecht-Schoeck.

Es fällt auf, dass nicht alle Teilnehmer die Wohnung für die Fotos auswählten. Ein Stammgast ließ sich vor seinem Lieblingskiosk im Gutleutviertel fotografieren. Der Druckwarenhändler Hans Wolf und der Künstler Patt van Höfen etwa entschieden sich gleich für das Geschäft oder das Atelier, für sie offenbar ihr zweites Zuhause.

"Erst einmal habe ich mich geziert"

"Denn hier wohnt gewissermaßen meine Künstlerseele", erklärt der Maler und Musiker van Höfen schmunzelnd, umgeben von zahlreichen Fotoplakaten und Eintrittskarten früherer Konzerte. Sein Fechenheimer Atelier bezeichnet er gerne als "Spiegelbild meiner Seele", denn an diesem Rückzugsort hängen die Erinnerungen an seine früheren Ausstellungen, seine Band "Game Over"- und auch an seine letzte Zigarette.

"Erst einmal habe ich mich wegen des Fotos geziert", erinnert sich Papierhändler Wolf. Aber dann fand er die Idee schön, seine Türen im Gallus zu öffnen. Sein Heimatstadtteil, wo die Menschen einfach, offen und ehrlich sind. "Kein Bier vor Vier" ist auf dem Scherzplakat seines zweiten "Wohnzimmers" in der Frankenallee zu lesen, in dem er vor seinem Umzug manchen Zwölfstundentag zubrachte. Und auch mal ein Bier trank - aber erst nach Feierabend.

Das Fotobuch

Das Buch "In Frankfurter Gesellschaft" ist im Museumsshop des Historischen Museums für 15 Euro erhältlich.

Die Fotografen Anna Pekala und Florian Albrecht-Schoeck.

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