Der Historie verpflichtet (von links nach rechts): Peter Graf von Montgelas (Urenkel von Arthur von Weinberg), Dressurchef Manfred Louven und Stadtteilhistoriker Richard Sturm. Im Hintergrund die Reiterin Marie Lindner. Foto: michael faust
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Der Historie verpflichtet (von links nach rechts): Peter Graf von Montgelas (Urenkel von Arthur von Weinberg), Dressurchef Manfred Louven und Stadtteilhistoriker Richard Sturm. Im Hintergrund die Reiterin Marie Lindner.

Niederrad: Frankfurter Reitsport

Wo die Tradition fest im Sattel sitzt

  • vonGernot Gottwals
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Gestüt Waldfried wurde vor 125 Jahre gegründet - Neues Buch geplant

Der Duft von frischem Heu liegt in der Luft, als Marie Lindner auf Freeny aus der Reithalle trabt. Pferde und Menschen sind zufrieden, dass der Betrieb im Dressurstall Waldfried coronabedingt mit Vorsicht möglich ist. Der Name tritt da für die Reiterin ein wenig in den Hintergrund. "Wir sehen uns aber in der Tradition des vor 125 Jahren gegründeten Gestüts Waldfried", sagt auch Manfred Louven, Vorsitzender der Frankfurter Reit- und Turniersportgemeinschaft Waldfried.

Der Graf kaufte das Gebäude zurück

Noch vor Jahrzehnten prägten Pferde den Stadtteil Niederrad, die Namen Waldfried und von Weinberg waren allgegenwärtig. Doch dann wurde das zerstörte und zuletzt nach Altefeld umgezogene Gestüt verkauft, die Galopprennbahn musste vor drei Jahren der Fußballakademie weichen. Doch 1985 kauften Manfred und sein Bruder Wolfgang Louven den Dressurstall, Arthur von Weinbergs Urenkel Peter Graf von Montgelas erwarb das Verwaltungsgebäude des Gestüts in der Willemineallee zurück.

Zusammen mit dem Stadtteilhistoriker Richard Sturm, der die Geschichte des Gestüts Waldfried und der Pferderennbahn in einer Broschüre und bald auch in einem Buch beschreibt, bewahren Louven und Graf von Mongelas die Erinnerung an ein Stück Niederräder Erfolgsgeschichte, die im Jahr 1896 begann. Damals hatte Arthur von Weinberg als Kavallerist des Königlich Bayerischen Chevauxleger-Regiments Kontakt zum Rennsport aufgenommen, hielt sich schon in den 1880er Jahren die ersten Rennpferde.

Die 1865 eröffnete Rennbahn wirkte wie ein Magnet auf Arthur und Carl von Weinberg. Allerdings wollten sie Pferde nicht nur besitzen, sondern auch selber züchten, ohne auf den Import englischer Pferde angewiesen zu sein. "Das Bestreben war, eingeführte Stuten bodenständig zu machen, aus ihnen einen Stamm klima- und ortsgebundener Vollblüter zu höchster Blüte und Leistungsfähigkeit heranzuziehen", erklärt Sturm.

Entscheidend dafür war, dass 1901 mit Festa eine Stute aus England ins Land kam, deren Nachkommen sich mit einem optimierten Zuchtprogramm als schnell und ausdauernd erwiesen. Der Erfolg sollte den Weinbergs schon bald recht geben: Zusammen mit ihren Kindern und Enkeln gewann Festa 75 von 134 Rennen, bei den übrigen waren sie Zweit- oder Drittplazierte. 1908 wurden die Brüder Weinberg für ihre Zuchterfolge in den preußischen Adelsstand erhoben.

Doch wenige Jahrzehnte später brachen dunkle Zeiten an: Durch die Nürnberger Gesetze verloren die Weinbergs als Juden 1935 ihre deutsche Staatsbürgerschaft, mussten die Villa Waldfried und das Haus Buchenrode verkaufen und verloren beide ihr Leben. Das Gestüt Waldfried wurde bei den Luftangriffen 1943 getroffen und ging in Flammen auf.

Nach dem Krieg ging es nach Köln

Nach dem Krieg siedelte das Gestüt zunächst nach Römerhof bei Köln und 1962 nach Altefeld bei Herleshausen über. In Niederrad verblieben die Reitställe Benedikt und Bruno. In den Nachkriegsjahren hatten hier die erfolgreiche Dressurreiterin Liselott Linsenhoff, Josef Neckermann und von 1950 bis 1960 auch Graf von Montgelas ihre Pferde stehen. Doch danach kamen wechselvolle Jahre, bis sich Louven mit dem Kauf des Dressurstalls einen Lebenstraum erfüllte.

Weniger erfolgreich war er dafür als Präsident des Frankfurter Renn-Klubs mit seinen Bemühungen, die Galopprennbahn trotz des Bürgerentscheids doch noch zu erhalten. "Dabei hätten die Rennbahn und die Fußballakademie auf dem Gelände durchaus nebeneinander existieren können", ist er auch heute noch überzeugt. Doch diese Idee war nicht mit den Planungen der Stadt vereinbar. Jetzt soll es neben dem DFB noch den neuen Rennbahn-park geben.

Auch für den Dressurstall hat Louven Ausbaupläne zur Erweiterung mit der Trainingsanlage, deren Abstimmung mit der Stadt aus bautechnischen Gründen noch Schwierigkeiten bereitet. Aber immerhin stehen hier heute 30 Pensions- und Vereinspferde in den Boxen, Ausbildungen zum Pferdewirt werden angeboten. "Wichtig ist uns die Jugendarbeit mit unseren Kunden. Talentierte Pferde entdecken, ausbilden und verkaufen, das ist unsere Philosophie", unterstreicht Louven. Die Zukunft scheint gesichert.

Gernot Gottwals

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