Mit Vorsicht zu genießen: Brigitte Unger präsentiert einen Violetten Rötelritterling, der einen giftigen Doppelgänger hat. FOTO: maik reuß
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Mit Vorsicht zu genießen: Brigitte Unger präsentiert einen Violetten Rötelritterling, der einen giftigen Doppelgänger hat.

Pilz-Saison

Wo die violetten Rötelritterlinge sprießen

  • VonBrigitte Degelmann
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Verein Waldwerk lud zur Führung in den Niedwald - Genießbares war kaum zu finden

Die drei Pilze, die der junge Mann stolz präsentiert, sehen verlockend aus: fleischige, fast weiße Stiele, hellgraue Hüte, kaum von Schnecken angeknabbert. Doch Pilz-Expertin Brigitte Unger dämpft die Freude schnell: "Das sind Nebelkappen. Keine Speisepilze, die schmecken muffig." In der Miene des Finders malt sich leichte Enttäuschung, ebenso in den Gesichtern der knapp 20 anderen Teilnehmern, die an der Pilzführung vom Verein Waldwerk teilnehmen. Trotzdem lassen sie sich nicht entmutigen und machen sich abermals auf den Weg quer durch den Nieder Wald. Vielleicht ist ja schon hinter dem nächsten Baum ein prachtvoller Steinpilz zu entdecken?

Dass die Chance darauf gering ist, hat Brigitte Unger den Teilnehmern allerdings schon zu Beginn der Tour klargemacht. Zwar gebe es in diesem Jahr viele Pilze in den Wäldern, aber wenige Speisepilze. Warum? Die Expertin von den Pilzfreunden Südhessen Sulzbach zuckt mit den Schultern: "Ein Apfelbaum hat auch nicht jedes Jahr die gleiche Menge Äpfel. Manche Jahre bilden Pilze viele Fruchtkörper aus, manchmal eben weniger."

Roh essen ist keine gute Idee

Bevor es losgeht, gibt Unger den Wanderern noch einige Tipps. Zum Beispiel, dass sie ihre Funde nicht mit dem Messer abschneiden sollen. "Um den Pilz zu bestimmen, brauchen wir alles - vom Hut bis zur Stielbasis." Deshalb solle man das Exemplar lieber erst freilegen, dann herausdrehen und das Loch wieder verschließen, damit das Myzel - das Pilz-Geflecht in der Erde oder im Holz, das den Fruchtkörper hervorbringt - nicht austrocknet. Außerdem, warnt sie, seien selbst die meisten Speisepilze im Rohzustand giftig, genießbar würden sie erst durch 15- bis 20-minütiges Erhitzen. "Aber sind die dann nicht Matsch?", will eine Frau wissen. "Kein Problem", beruhigt Brigitte Unger. Wichtiger sei, sie vor der Zubereitung nicht zu waschen, sondern nur mit Messer oder Pinsel zu säubern. "Sonst saugen sie sich so mit Wasser voll, dass Sie keine Freude mehr daran haben." Und Gewürze sollten erst nach dem Kochen dran - "sonst schmeckt man die Pilze nicht mehr".

Der Schwefelkopf ist nichts für die Pfanne

Dass im Nieder Wald einiges zu entdecken ist, merken die Teilnehmer gleich: Auf einem umgestürzten Baumstamm erblicken sie einige hübsche gelbbraune Gebilde, die Brigitte Unger schnell als Grünblättrige Schwefelköpfe identifiziert. Leider nichts für Topf oder Pfanne, bedauert sie. Ebenso wenig wie das zarte rosafarbene Etwas, das eine Frau präsentiert: ein Rosa Rettichhelmling, der tatsächlich einen leichten Rettich-Geruch verströmt - hübsch anzuschauen, aber giftig. Anders die rötlich-braunen Gewächse, die ein Mann erspäht. "Rote Lacktrichterlinge - die kann man essen", bestätigt die Expertin. Allerdings besser nur in kleinen Mengen, "denn die reichern Schwermetalle an".

Als ein weiterer Teilnehmer mit zwei lilafarbenen Pilzen ankommt, hellt sich ihr Gesicht auf: "Ah, wie schön, das ist ein guter Speisepilz." Und zwar ein Violetter Rötelritterling. Doch sei auch hier Vorsicht geboten, denn es gebe einen giftigen Doppelgänger: den Schleierling. Ein Trick helfe bei der Unterscheidung: "Beim Rötelritterling kann man die Lamellen relativ leicht vom Hut lösen. Das geht beim Schleierling nicht." Um Lamellen-Pilze wie den Rötelritterling sollten Anfänger jedoch lieber einen Bogen machen und sich stattdessen an Röhren-Pilze halten, deren Unterseite an einen Schwamm erinnert, empfiehlt die Expertin. Denn letztere seien meist ungiftig - "da kann nicht viel schiefgehen".

Abgesehen von den Rötelritterlingen und einigen Rotfußröhrlingen entdeckt die Gruppe kaum Genießbares am Waldboden. Dafür Stäublinge, die bei leichtem Druck eine kleine Staubwolke ausstoßen. Oder einen Prächtigen Schichtpilz, der sich gut für herbstliche Gestecke eignet.

"Am besten ein oder zwei Tage einfrieren und danach gut trocknen lassen, so hält er sich", weiß Unger. "Sensationell, wie viele verschiedene Pilze es gibt", staunt ein Teilnehmer, während die anderen nicken. Dennoch werden die meisten von ihnen wohl auch in Zukunft nicht selber sammeln. "Ich finde das toll hier, aber was ich gelernt habe, ist, auf keinen Fall alleine zum Pilze-Sammeln zu gehen", sagt eine Frau. Zu groß sei die Angst davor, ein giftiges Exemplar zu erwischen. Um auf Nummer sicher zu gehen, könne man sich auch an Pilzberatungsstellen wenden, rät Brigitte Unger.

Etwa an diejenige im Frankfurter Gesundheitsamt, die noch bis 7. November jeweils sonntags von 17 bis 20 Uhr geöffnet ist. Brigitte Degelmann

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