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Seckbach: Stiftung

Wo Juden und Christen gemeinsam alt werden

  • vonAlexandra Flieth
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Henry und Emma Budge-Stiftung eröffnet Ausstellung in ihrem Seniorenheim

"Die Wohltaten der Stiftung sollen Juden und Christen je zur Hälfte zu Gute kommen", ließ Henry Budge (1840 - 1928) am 20. November 1920 in die Gründungsurkunde der nach ihm und seiner Frau Emma benannten Stiftung niederschreiben. Es war der 80. Geburtstag des 1840 in Frankfurt geborenen Budge. 100 Jahre liegt dies nun zurück und der Satz ist bis heute zentrales Leitmotiv in der Arbeit der Henry und Emma Budge-Stiftung, die Träger des nach ihren Gründern benannten Heimes für Senioren in Seckbach ist.

Vorurteile abbauen

Es ist ein Gedanke, der von Beginn an die Menschen zusammenbringen und Vorurteile abbauen sollte. Die Stiftung selbst beschreibt das jüdisch-christliche Altenheim, das in eine Seniorenwohnanlage und ein Pflegeheim aufgeteilt ist, als eine multikulturelle Einrichtung, in der Bewohner und Mitarbeiter aus vielen Ländern, Kulturen und allen sozialen Schichten kämen und sich mit Toleranz und Respekt begegneten - ganz im Sinne des jüdischen Stifterehepaares.

Diese Leitidee umzusetzen war, wie es der Historiker Volker Hütte erzählt, nach der Wiederaufnahme der Stiftungsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst auch ein Wagnis, das einzugehen sich gelohnt habe. Er verweist auf ein Zitat des Historikers Arno Lustiger (1924 - 2012), ein Überlebender des Holocaust und einst Mitglied des Stiftungsvorstandes, der beim Richtfest für den Neubau der Budge-Stiftung in Seckbach im September 2000 sagte: "Als das Heim am 2. Juli 1968 eingeweiht wurde, wussten wir nicht, ob das Experiment des satzungsmäßig bestimmten Zusammenlebens von Juden und Christen in einer gemeinsamen Einrichtung und dies nach den Schrecken des Holocaust gelingen würde. (...) Heute können wir sagen: das Experiment ist gelungen.

Volker Hütte ist bestens vertraut mit der Geschichte der Stiftung. Er ist unter anderem der Initiator des stiftungseigenen Archives, Interviewpartner von Zeitzeugen und Leiter von Bewohner-Gesprächskreisen und hat die Festschrift, die zum 100-jährigen Bestehen der Stiftung herausgegeben wird, maßgeblich erarbeitet. Außerdem konzipierte eine Ausstellung, die am heutigen Montag eröffnet wird. Wegen Corona fällt das Ereignis aber nur ganz leise aus. "Die Menschen des Hauses bekommen Informationsmaterial zur Verfügung gestellt, um die Ausstellung alleine erkunden zu können", sagt Hütte. Für die Bewohner, ist sich Hütte sicher, sei die Ausstellung eine schöne Abwechslung Alltag. Ursprünglich sollte die Schau schon im Mai eröffnet werden.

Vom Erdgeschoss bis in den zweiten Stock gibt es gut 200 Exponate zu sehen, präsentiert nach acht Themengebieten. "Das sind die Räume, die von den Bewohnern am meisten frequentiert werden", sagt der Historiker, der aus Frankfurt stammt und seit 2010 in Berlin lebt. Er pendelt regelmäßig zwischen der Bundeshauptstadt und der Mainmetropole und hat den Aufbau der Ausstellung geleitet. Die Schau zeichnet das Leben des Stifterehepaares nach, aber auch die Geschichte des ersten Budge-Heimes. Dieses wurde in den 1920er Jahren am Dornbusch im Edingerweg nach Plänen der damals für ihr Neues Bauen bekannten Architekten Mart Stam (1899 - 1986), Ferdinand Kramer (1898 - 1985) und Werner Moser (1896 - 1970) errichtet. Nachdem die Nazis der Macht übernommen hatten, wurden die jüdischen Bewohner des Heimes vertrieben und die Stiftung zwangsaufgelöst.

Neustart nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde festgestellt, dass die Auflösung unrechtsmäßig erfolgt war, was in den 1950er Jahren die Wiederaufnahme der Stiftungsarbeit möglich gemacht hat. Damit verbunden war auch eine Neuausrichtung. Die Ausstellung thematisiert den Weg dorthin und den Neubau des zweiten Budge-Heims in der Wilhelmshöher Straße 279, das 1968 eröffnet wurde. Außerdem die weiteren Entwicklungen der Stiftungsarbeit bis hin zu dem heute bestehenden Bau, der 2003 eingeweiht wurde.

Mitarbeiter und Bewohner werden ebenso in der Ausstellung vorgestellt wie jüdisch-christliche Freundschaften, Briefwechsel und Kurioses. "Die meisten Exponate sind aus unserem Archiv, aber auch von Bewohnern oder Museen wie dem Historischen Museum oder dem Deutschen Architektur Museum", sagt Hütte. Da die Ausstellung, die auf jeden Fall noch bis Mitte März 2021 laufen soll, für die Bewohner des Hauses konzipiert wurde, werde diese nicht online zu sehen sein. Hütte hofft aber, dass es im kommenden Jahr auch für Außenstehende die Möglichkeit geben wird, sich die Präsentation anzuschauen. Alexandra Flieth

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