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Wo Kinder noch Kinder sein können

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Von: Sabine Schramek

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Die Kinder und Jugendlichen begeisterten die Gäste zum 40. Geburtstag der Einrichtung mit Gesangseinlagen.
Die Kinder und Jugendlichen begeisterten die Gäste zum 40. Geburtstag der Einrichtung mit Gesangseinlagen. © Rainer Rüffer

Das Kinderhaus am Bügel nahm vor 40 Jahren die Arbeit auf

Das Kinderhaus am Bügel wirkt ein bisschen wie die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf. Draußen Kindergemälde, drinnen Holz. Bunte Wände und jede Menge Kunst, die sich durch alle Räume zieht. Rund 40 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren kommen im Schnitt jeden Tag hierher, um Spaß zu haben, Abenteuer zu erleben, zu chillen, essen und neue Freunde zu finden.

Nela (3) ist die jüngste Besucherin, die beim 40. Geburtstag dabei ist. Ihr Papa war als Kind hier und er will es sich nicht nehmen lassen, beim Fest dabei zu sein. Nela erkundet mit ihm und dem Stoffteddy Mausi Höhlen und Klettertürme, Kuchen, Saft und die Apfelscheiben, die sie nagt wie ein Igel. „Das, was die Pädagogen und Sozialarbeiter hier leisten, muss gesehen und gewürdigt werden“, sagt der Mann, der als Acht- bis Zwölfjähriger regelmäßig ins Kinderhaus kam und heute Polizist und Schutzmann vor Ort im Gallus und Gutleutviertel ist. Tarik Chaikhoun erinnert sich an Fußballtourniere, gemeinsames Kochen und die vielen Freunde, die er hier gefunden hat. „Hier konnte man immer hinkommen und bekam etwas zu essen“, schwärmt er von dem Haus mit 460 Quadratmeter Innenfläche auf 1800 Quadratmeter Grundfläche.

Dominique Depner war damals schon im Kinderhaus. Seit 30 Jahren ist sie dabei, seit 20 Jahren die Leiterin des kunterbunten Hauses mit Kuschelecke, Garten, Tischtennis, Billard und jede Menge Spielen. Aus zwei Gründen sei sie so lange mit dabei. „Offene Jugendarbeit ist einfach toll. Kindern auf der Basis von Freiwilligkeit Dinge näherzubringen, ist eine riesige Chance für sie. Sie können sich einbringen und alle ihre Talente und Fähigkeiten entdecken. Ohne Zwang, ohne Muss und ohne Noten. Außerdem ist der Bügel ein so besonderer Ort. Viele, die als Kinder hier waren, leben heute noch hier und ihre Kinder kommen ins Kinderhaus. Wenn sie erzählen, dass sie heute zu Hause kochen, was sie damals hier selbst gekocht haben, ist das wunderschön“, sagt sie.

Stellen über die Jahre abgebaut

Vor 40 Jahren waren noch 100 Kinder täglich hier. 1996 war es ein Skandal, dass von den acht Stellen der Sozialpädagogen eine halbe Stelle gestrichen werden sollte. „Heute kommen etwa 40 Kinder her. Wir füllen zu viert nur noch drei Stellen aus“, sagt Depner und atmet tief durch. Nanine Delmas, die Leiterin des Jugend- und Sozialamtes lobt die „lebensorientierte Bildung, die auf Neugierde und Spaß am Entdecken basiert. Beides motiviert den inneren Bildungsprozess für alle. Am Bügel ist das ganz besonders wichtig.“ Sie weiß um die finanziellen Nöte der Einrichtung und überreicht Richter einen Scheck über 750 Euro. „Machen Sie etwas Schönes mit den Kindern damit“, sagt sie und verspricht, „alles für das Haus zu machen, was geht. Ich bin hartnäckig“, betont sie.

Auch Stadtkämmerer Bastian Bergerhoff (Grüne) hat die finanziellen Probleme vom Kinderhaus im Blick. „Ich hoffe, wir haben das mit den Geldern in der Stadt im Blick“, sagt er und lobt ebenfalls die Arbeit vor Ort und die aufgeweckten Kinder.

Von der GWH Wohnungsgesellschaft, die im Bügel „etwa 80 Prozent des Bestandes hält“, gibt es einen Scheck über 1000 Euro. „Die machen hier eine absolut tolle Arbeit, da bringen wir auch gerne etwas mit“, so Martin Büttner von der GWH. Höchstes Lob kommt von Johannes Löschner vom Trägerverein Evangelischer Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt. „Das Kinderhaus ist der einzige Platz, der Kindern Angebote abseits von Pflichten, Kontrolle, Leistungsdruck und vorformulierten Erwartungen gibt. Nach Corona hat das eine noch größere Bedeutung“, sagt der Arbeitsbereichsleiter Offene Kinder- und Jugendarbeit.

Dass sich die Kids damit pudelwohl fühlen, zeigen sie. Ahmed, Eileen, Wassam, Rodin, Liana, Emir, Cem, Yadem, Ramin und Barroc sind nicht nur tolle Sänger, sondern auch Breakdancer. Alles haben sie hier gelernt. Das Lied „We will Rock You“ von Queen haben sie umgetextet in „Im Kinderhaus am Bügel“. Es dauert nur einen Takt und der ganze Saal klatscht mit. „Auf die nächsten 40 Jahre“, heißt es im vollbesetzten Raum, in dem sonst gespielt, diskutiert und gelernt wird. Auch Nela klatscht in die Hände. Am liebsten würde sie hierbleiben. Sabine Schramek

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