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Wo Wein und Mais zu Schreibern werden

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Von: Judith Dietermann

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Jedes Stück ein Unikat: Ralf Brüll zeigt eine Auswahl der händisch gefertigten Schriebgeräte. Es gibt kaum ein Material, dass er nicht schon für Füller oder Kugelschreiber verarbeitet hat. FOTOs:
Jedes Stück ein Unikat: Ralf Brüll zeigt eine Auswahl der händisch gefertigten Schriebgeräte. Es gibt kaum ein Material, dass er nicht schon für Füller oder Kugelschreiber verarbeitet hat. FOTOs: Enrico Sauda © sauda

Jeder seiner Füllfederhalter ist ein Unikat

Es gibt kaum ein Material, dass Ralf Brüll noch nicht in seiner kleinen Werkstatt behandelt und verarbeitet hat. Ob Rentiergeweihe, Weinreben, Bierdeckel, Kirschbaumholz, Maiskolben oder Eishockey-Puck - aus all diesen Werkstoffen hat der 55-Jährige etwas hergestellt, was im heutigen digitalen Zeitalter immer weniger gefragt ist: Schreibgeräte. Besser gesagt: Füllfederhalter und Kugelschreiber. Handgefertigt auf einer Drechselbank, allesamt Unikate. Die er zunächst ausschließlich für Freunde und Familie fertigte, mittlerweile aber auch über einen Online-Shop vertreibt.

„Schreibgeräte haben mir schon immer gefallen. Vor allem Füller“, sagt Brüll und dreht sich in dem engen Raum um. In der Mitte steht die Drechsel-, vor dem Fenster eine Werkbank. In einem Regal hinter der Tür lagert er zahlreiche Hölzer. Weiche und feste, helle und dunkle. Bereits so zugeschnitten, dass er sie weiterverarbeiten kann. Ungefähr 15 Zentimeter lang und etwas mehr als daumendick.

Vom Bäcker zum Banker

Holz, sagt Brüll, sei ein schönes Naturprodukt. Seine Leidenschaft damit zu arbeiten hat sich bereits in der Schule entwickelt. Im Werkunterricht. Gerne hätte er nach seinem Abschluss eine Ausbildung zum Schreiner gemacht. Plätze waren aber rar gesät. Und so wurde Ralf Brüll Bäcker, was ja auch „kein unkreativer Beruf“ sei. Auch wenn ihm das frühe Aufstehen nie schwer fiel und die Arbeit in der Backstube gefiel, stieg er irgendwann um und begann in einer Bank zu arbeiten. Das ist fast 35 Jahre her.

Sich hauptberuflich auf das Herstellen von Schreibgeräten zu konzentrieren, erklärt Ralf Brüll, sei wirtschaftlich nicht möglich. Da es sich bei seinen Produkten um Liebhaberstücke und Luxusartikel handle. Die an Menschen, die Füller und Kugelschreiber lieben oder zu Abschlüssen von Uni oder Schule verschenkt werden. „Das ist ein Nischengeschäft. Aber wichtig, um die Schreibkultur aufrecht zu erhalten“, sagt er. 120 Euro kosten die günstigsten Produkte, ein Limit nach oben gibt es nicht.

Manufaktur in der Gaststätte

Vor 15 Jahren richtete er sich seine erste kleine Werkstatt ein, 2017 zog er mit seiner Manufaktur in die Deuil-La-Barre-Straße. In die ehemalige Gaststätte eines Hotels. Deren Mobiliar er nicht abbaute. So gibt es nach wie vor die Theke mit Zapfhahn, sowie einige kleine Sitzecken. An denen er regelmäßig mit Menschen sitzt, die seine Leidenschaft teilen und bei ihm Drechselkurse belegen. Dort gibt er weiter, was er sich selbst beigebracht hat. Über Bücher oder eben auch Kurse.

Im Prinzip, sagt er, könne jedes Holz verarbeitet werden. Trocken und rissfrei müsse es sein. Bei anderen Materialien verwendet er Harz als Stabilisator. Wie bei einem Füllfederhalter aus Kaffeebohnen. Der, als besonderes Gadget, mit einer Tinte aus Kaffee an eine Absolventin in Italien verschenkt werden soll. In seiner kleinen Werkstatt lagert aber auch ein Material, dass nur er in Frankfurt verarbeiten darf: Das Holz der 7600 Jahre alten Moorlärche aus Südtirol. Und damit älter als Ötzi, sagt Brüll, der daraus bereits Füllfederhalter hergestellt hat. Während andere ausgewählte Künstler das Holz zu Messern, Kruzifixen oder Schmuckstücken verarbeitet haben.

Alles Einzelstücke. Und in Ralf Brülls Werkstatt, Deuil-La-Barre-Straße 103, zu bestaunen. Neben seinen Schreibgeräten und einer Messerausstellung. Denn deren Türen öffnet er am Sonntag, 23. Oktober, von 10 bis 18 Uhr. Um den 15. Geburtstag seiner Manufaktur zu feiern. Und um ein bisschen Werbung für sich zu machen. Denn durch die Corona-Pandemie habe es weniger Kunsthandwerks-Märkte gegeben.

„Das fehlt“, sagt Brüll und greift zu einer kleinen Holzschatulle. Mit einer Gravur, denn die Schreibgeräte beschriftet er nicht. „Es sind ja keine Werbekulis“, sagt er und öffnet das Kästchen. Darin liegt ein Füllfederhalter aus Holz, behutsam nimmt Brüll ihn in die Hand. Mit leuchtenden Augen legt er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. „So ein edles Stück macht mich glücklich. Ich möchte, dass es auch andere Menschen glücklich macht“, sagt er.

judith dietermann

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