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Das prachtvolle Jugendstilhaus in der Lersnerstraße wird saniert. Die Kosten sollen die Mieter tragen.

Nach Modernisierung – kein Einzelfall

Wohnung im Nordend: Miete steigt um 164 Prozent

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Wenn Häuser luxussaniert werden, gibt es für die Mieter nichts zu lachen. Denn meist müssen sie einen Teil der Baukosten über eine höhere Miete mitfinanzieren. Das kann bedeuten, dass sie mehr als doppelt so viel zahlen müssen wie bisher.

Für Frank F. (Name geändert) ist die Sache mehr als ärgerlich. „Ich wohne auf einer Baustelle“, sagt er, „und soll dafür zahlen.“ Seine Kaltmiete steigt von 920 Euro auf mehr als 2400 Euro. So hat es sein Vermieter ausgerechnet, der die Jugendstilvilla saniert. Die Forderung ist zulässig. Nach der geltenden Rechtslage können Modernisierungskosten auf Mieter umgelegt werden

Frank F. wohnte über 15 Jahre sehr günstig in der Lersnerstraße 10 im Nordend. „Die Eigentümer waren sich nicht einig, haben die Miete nie erhöht“, sagt er. Jetzt wurde das Haus verkauft. Der neue Eigentümer will investieren. So soll das Dach modernisiert und wärmegedämmt werden, allein das kostet mehr als 100 000 Euro. Für die Fassaden werden ebenfalls rund 100 000 Euro veranschlagt. Es gibt neue Fenster (118 000 Euro), der Keller wird gedämmt (46 000 Euro), Treppenhaus und Geschossdecken feuersicher gemacht (53 000 Euro). Auch einen Teil der neuen Heizung sollen die Mieter zahlen (69 000 Euro), und die Bäder werden auch neu gemacht (23 000 Euro).

Macht laut Eigentümer insgesamt 609 353,35 Euro. Davon soll Herr F. 164 451,99 Euro zahlen. Dies entspricht der Größe seiner Wohnung (112 Quadratmeter) im Verhältnis zur Gesamtmietfläche (415 Quadratmeter). Elf Prozent dieser Kosten, 18 089,72 Euro, muss Herr F. künftig jährlich zahlen, monatlich also 1507,48 Euro. So klettert die Miete des langjährigen Bewohners um 164 Prozent auf bald 2427,81 Euro. Damit steigt sie, wie der Vermieter vorrechnet, „auf das ortsübliche Niveau für Wohnungen mit vergleichbarem Standard.“

Rolf Janßen, Geschäftsführer des Mieterschutzverein Frankfurt, schätzt, dass man im Fall F. wie in vielen Fällen genau prüfen muss, in welchem Ausmaß die Ansprüche des Vermieters gerechtfertigt sind. Indes ist Frank F. kein Einzelfall. „2015 waren elf Prozent der 20 000 Beratungsgespräche wegen Mieterhöhung und drei Prozent wegen Modernisierung. Das mischt sich oft.“ Nehme man nur die Modernisierung, sind dies in Frankfurt 600 Fälle. Aber längst nicht alle Betroffenen wenden sich an den Mieterschutzverein. Janßen schätzt, dass es jährlich bei rund 8500 Wohnungen Beratungsbedarf wegen Modernisierung gibt.

Aus den Beratungsgesprächen weiß er, dass die Miete sich oft um 50 bis 60 Prozent erhöht. „Die Beträge sind fast immer dreistellig.“ Das liege auch daran, dass die Maßnahmen immer aufwendiger werden. Vor Jahren sei es üblich gewesen, zum Beispiel die Fenster zu erneuern. Inzwischen werde häufig gleich das ganze Haus modernisiert. „Für die Erbengeneration lohnt sich die Investition ins Betongold“, so Janßen. Erst recht, wenn die Mieter die Modernisierung bezahlen. Elf Prozent der Kosten müssen sie Jahr für Jahr tragen, für einen unbegrenzten Zeitraum.

„Normalerweise müssten die Modernisierungskosten nach neun oder zehn Jahren als abbezahlt gelten“, ärgert sich Janßen. „Dieses Gesetz ist eine Granate, es zerfetzt die Mietverhältnisse.“ Oft trifft es die, denen es helfen soll. Zum Beispiel Alten. Für die ist es gut, wenn ein Aufzug ins Haus kommt. Aber Aufzüge sind teuer: „Da steigt die Miete schnell um 300 Euro“, weiß Jansen. Rentner können sich das nicht mehr leisten, ziehen aus und werden durch junge Gutverdiener ersetzt.

Die Politik hat das Problem erkannt und plant eine Gesetzesänderung. Die Frankfurter Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen (SPD) kündigte an: „Wir wollen, dass künftig nur noch acht statt elf Prozent der Kosten jährlich von den Mietern zu zahlen sind.“ Wichtig sei eine Kappungsgrenze bei den Modernisierungskosten: Nur noch um drei Euro pro Quadratmetern binnen acht Jahren sollten die Mieten steigen können.

Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD), sieht das Problem. „Baumaßnahmen müssen genehmigt werden, wenn das Haus in einem Gebiet liegt, das von einer Erhaltungssatzung erfasst ist“, sagt er. Das sei im vorliegenden Fall gegeben. Die Lersnerstraße liegt allerdings nicht im Gebiet einer Milieuschutzsatzung, mit der Mieter vor Verdrängung geschützt werden sollen. „Zweck der Genehmigungspflicht von Baumaßnahmen ist nicht, diese zu verhindern.“ Grundsätzlich begrüße das Dezernat die geplante Gesetzesänderung, es komme aber auf die Details an.

Kritik kommt hingegen von Nikolaus Jung, Geschäftsführer von Haus und Grund: „Die Kostenübernahme zu kappen und auf acht Prozent pro Jahr zu beschränken, wird dazu führen, dass Häuser nicht mehr saniert werden.“ Dabei könnten hier beide Seiten etwas davon haben, wenn es richtig gemacht wird. Richtig, das heißt laut Jung, nur die Kosten in Anrechnung zu bringen, die wirklich zu einer Verbesserung des Wohnwerts führen. „Der Vermieter kann die bloße Instandhaltung nicht von den Mietern zahlen lassen.“ Deswegen steigen seiner Einschätzung nach die Mieten auch nie so exorbitant, wie jetzt bei Frank F. angekündigt. „Dies dürfte in diesen Dimensionen nicht durchzusetzen sein.“

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