1. Startseite
  2. Frankfurt

Wohnungen verdrängen in Frankfurt das Gewerbe

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Remlein

Kommentare

Blick auf das frühere Avaya-Gelände, auf dem sechs bis sieben Stockwerke hohe Wohnhäuser gebaut werden können.
Blick auf das frühere Avaya-Gelände, auf dem sechs bis sieben Stockwerke hohe Wohnhäuser gebaut werden können. © Hermann Wygoda

In Frankfurt fehlen Wohnungen. Doch die Entwicklung von Baugebieten konkurriert immer häufiger mit den Interessen der Gewerbebetriebe. Produktionsfirmen fürchten das Vordringen der Wohngebiete. Eine neue gesetzliche Regelung soll helfen, Konflikte zu vermeiden.

Dieses Phänomen kennen viele Politiker: In einem Mischgebiet, wo Gewerbe und Wohnungen zulässig sind, werden Appartements gebaut. Die neuen Bewohner stellen fest, dass sie der Lärm aus dem benachbarten Gewerbebetrieb stört. Behörden machen Messungen. Schließlich darf die Firma nur noch unter Auflagen produzieren. Irgendwann zieht der Betrieb weg. Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) schlägt deswegen Alarm: „Wenn es so weitergeht, wird in Frankfurt nur noch gewohnt.“ Dabei lebe die Stadt von der Gewerbesteuer. In der Tat: Kämmerer Uwe Becker (CDU) rechnet für das kommende Jahr Zahlungen von 1,89 Milliarden Euro von den Unternehmen. Die Gewerbesteuer liefert mehr als 60 Prozent der Einkünfte der Stadt.

Höhere Grenzwerte

Der Konflikt Industrie versus Wohnen treibt Frank um. „Die Unternehmen brauchen mehr als Bestandschutz“, fordert er. Nötig seien Flächen, wo es auch mal laut sein darf. Hilfe kommt vom Bundesgesetzgeber. Dieser hat im Mai dieses Jahres die Nutzungskategorie „Urbanes Gebiet“ geschaffen. Sie wurde eingeführt, um in städtischen Lagen eine höhere bauliche Dichte und Nutzungsmischung zu ermöglichen. In diesen Zonen seien tagsüber höhere Lärmemissionen als in einem Mischgebiet erlaubt, erklärt Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernenten Mike Josef (SPD). Ein „urbanes Gebiet“ habe die Stadt noch nicht ausgewiesen. Angewendet werden könnte die neue Möglichkeit aber im Gebiet „Nördlich der Heerstraße“, sagt Gellert. „Damit könnte das bestehende Gewerbe gesichert werden.“

Ein urbanes Gebiet wäre ganz im Sinne des Wirtschaftsdezernenten. Denn in einem Mischgebiet, wo Wohnen und Gewerbe in nächster Nähe erlaubt sind, helfe den Firmen der Bestandsschutz oft wenig. Wenn dort plötzlich ein Fitnesscenter, eine Moschee oder ein Hotel stünden, begännen auch die Beschwerden der Anwohner, die sich vom Produktionslärm gestört fühlen. Die Welt ändere sich gerade im Zeitalter der Digitalisierung besonders schnell. Frank: „Vielleicht kriegt ein Betrieb mitten in der Nacht eine Lieferung, weil es für die Produktion wichtig ist.“

Tatenlos sieht der Stadtrat der Entwicklung nicht zu. „Wir verhindern auch Wohnungsbau“, sagt er. Als Beispiel nennt er den Osthafen. Das Gebiet wurde als Industriestandort gesichert. 2013 gab der Magistrat eine Bestandsgarantie für das Areal bis 2050. Eine Öffnung des Hafens für Wohnungsbau war damit erledigt.

Rücksicht auf Unternehmen

Anders lief es beim ehemaligen Avaya-Gelände im Gallus, für das gerade ein neuer Bebauungsplan erstellt wurde. An der Kleyer-/Ackermannstraße werden auf 8,9 Hektar rund 1500 Wohnungen entstehen. Die Interessen des in der Nähe liegenden Rechenzentrumbetreibers Telehouse wurden dabei berücksichtigt. So wurden etwa Schallschutzfenster vorgeschrieben. Doch nach der Verabschiedung des Bebauungsplans will sich das Rechenzentrum vergrößern. Und hat jetzt Schwierigkeiten, da die Wohnbebauung das Projekt einschränkt. Rechenzentren laufen rund um die Uhr, die Server müssen gekühlt werden und die Hitze wird mit Kältemaschinen über die Dächer abgeführt, was einen permanenten Lärmpegel bedeutet.

Noch in Bearbeitung ist der Bebauungsplan für das Gebiet südlich der Rödelheimer Landstraße in Bockenheim. Dort sollen laut Gellert Voraussetzungen für ein Wohngebiet geschaffen werden, das durch Gewerbe und Dienstleistungen ergänzt wird. Aber schon heute sind dort Betriebe ansässig, etwa die Spedition Fermont sowie das Schleifmittelwerk Burka-Kosmos. Auch hier muss die Stadt den Interessensausgleich bewerkstelligen. Berücksichtigt sie den Bestandsschutz alteingesessener Unternehmen nicht, könnten auf die Stadt Schadensersatzklagen zukommen.

Gegeneinander ausspielen lassen sich Planungsdezernent Josef und Wirtschaftsdezernent Frank im Konflikt zwischen Wohnen und Gewerbe nicht. „Die Zusammenarbeit ist gut“, versichert Frank.

Auch interessant

Kommentare