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ARCHIV - Eine Suchanzeige für eine "bezahlbare Wohnung" hängt am 29.09.2010 in Frankfurt am Main in der Goethe-Universität an einem schwarzen Brett (Foto mit Zoomeffekt). (zu dpa "Caritas-Umfrage: Wohnungsnot als gesellschaftlicher Sprengstoff" vom 10.01.2018) Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

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Wohnungsnot: Rettet die Städte!

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Wie viel Lebenswert hat eine Stadt, die sich zunehmend verdichtet, die immer mehr Wohnraum in die Höhe baut, die sich die Frischluftzufuhr kappt?

Man braucht den Teufel nicht an die Wand malen. Es reicht, wenn man sich Metropolen wie London oder New York vor Augen hält. 95 Prozent der New Yorker können sich ihre Stadt nicht leisten. So war das bereits in den 90er Jahren. Der Befund erregte damals Aufsehen, weil er auch den gut verdienenden Mittelstand in sanierten Vierteln wie der Bronx ins Drama einrechnete. Wer in solchen Städten mit Kind und Kegel wohnen will, muss es sich vom Mund absparen. Folglich sinkt die reale Kaufkraft, Krankenhäuser und Grundschulen – um nur zwei Beispiele zu nennen – suchen händeringend gutes Personal, Zentren entwickeln sich zu Hoheitsgebieten von Topverdienern und mehr oder weniger seriösen Immobilienspekulanten. Wo Städte genügend Schauwert bieten, sorgen immerhin noch die Touristen für so etwas wie buntes Leben.

Man muss also gar nicht moralisch oder sozialromantisch argumentieren, um vor dem Verlust an Urbanität zu warnen. Es gibt auch kein Recht auf ein für alle Schichten erschwingliches Leben in der Stadt. Schnöde wirtschaftlich betrachtet ist die Entwicklung in den meisten deutschen Großstädten fatal: Welchen Wert hat nun eine für Reisende nur halbwegs attraktive Stadt, die schon für mittelständische Unternehmen und mittlere Einkommensgruppen zu viel Standortnachteile birgt? Die Antwort ist einfach: wenig.

Die Frage ist aber auch: Wie viel Lebenswert hat eine Stadt, die sich zunehmend verdichtet, die immer mehr Wohnraum in die Höhe baut, die sich die Frischluftzufuhr kappt? Die heute den Mangel von zehntausenden Wohnungen beklagen, beklagen vielleicht morgen schon das Neubaugebiet vor ihrer Haustür.

In der Stadt prallen konkurrierende Interessen nun mal sicht- und spürbarer aufeinander als anderswo. Die Balance zu halten ist die große Herausforderung für Kommunalpolitik und Stadtplanung, für den Wohnungsbau besonders. Klar, städtische Gesellschaften müssen zur sozialen Ausgewogenheit verpflichtet sein, Förderquoten wirtschaftlich austariert werden – bis in die Zentren hinein. In Kernstädten wie Frankfurt immer mehr und überall zu bauen, ist aber keine zukunftsfähige Lösung. Viel mehr müssen Bund, Land und Kommunen endlich grenzüberschreitend die ganze Region entwickeln und finanzieren. Okay, die Forderung ist ein alter Hut, die Einsicht in ihre Sinnhaftigkeit lange schon vorhanden. Aber genauso lange schon tut sich nichts wirklich. Das ist das heutige Drama für morgen. Da braucht man den Teufel nicht an die Wand malen.

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