Goethe-Universität

Wohnungsnot: Studenten campieren auf dem Campus

Die Uni geht los, aber ein WG-Zimmer ist nicht in Sicht: Auch in diesem Semester finden viele Studenten in Frankfurt keine bezahlbare Wohnung. Der Asta der Goethe-Universität organisiert deshalb wieder ein Protestcamp für Wohnungslose auf dem Campus Bockenheim.

Tiffanie sitzt auf der Couch in einem der studentischen Arbeitsräume des Studierendenhauses am Campus Bockenheim. Daneben steht ihr vollgepackter Reiserucksack, ihren Schlafsack hat sie bereits ausgebreitet. Mit dem Laptop auf den Knien schickt sie schnell noch ein paar Nachrichten an Freunde aus der Heimat. An der Tür hängt ein Zettel mit dem Hinweis „Frühschlafraum (gemischt)“. „Ich möchte später einfach pennen gehen können, wenn ich müde bin“, sagt sie. Raum K3 wird für die nächsten Tage ihr Zuhause in der neuen Stadt. Denn diese Woche beginnt für die 23-Jährige das Studium. Doch wie bei vielen anderen Studienanfängern auch, prangt hinter dem Wort Wohnort noch ein großes Fragezeichen.

Seit sieben Jahren veranstaltet der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der Goethe-Universität ein Protestcamp für wohnungslose Studierende. Auch diesmal haben sich wieder mehr als 30 Studierende angemeldet, die von 8. bis 12. Oktober an dem Indoor-Camping teilnehmen. Die studentischen Arbeitsräume wurden kurzerhand in Schlafräume umgewandelt und mit Luftmatratzen und Feldbetten ausgestattet. Insgesamt gibt es vier Schlafräume, zwei für Frauen, einen gemischten und einen für Frühschlafer. Der Flur dient als Wohnzimmer. Mit Sofas, Pflanzen, Tischkicker und Tischtennisplatte wird es fast schon gemütlich in der provisorischen Studierenden-WG.

Gegen 17 Uhr versammeln sich alle Mitbewohner und Vertreter des Asta für das erste abendliche Plenum. Genau wie Tiffanie sind noch sieben weitere heimatlose Studis im Studierendenhaus untergekommen. Nach einer kurzen Begrüßung stellt Asta-Vorsitzende Kyra Beninga das Rahmenprogramm für die kommenden Tage vor. Unter dem Motto „Mieten? Ja Wat Denn?!“ soll mit einer Reihe von thematischen Aktionen auf den Mietwahnsinn aufmerksam gemacht werden. „Vor allem Studierende leiden finanziell und sozial unter den extrem hohen Mieten und dem Mangel an geeignetem Wohnraum in der Stadt“, sagt Beninga.

Stand 2017 gibt es in Frankfurt 34 Studierendenwohnheime mit 4391 Plätzen. Das reicht gerade mal für sieben Prozent aller Studenten. 3000 Studis stehen auch in diesem Semester wieder auf der Warteliste. „Ich habe nach drei Jahren einen Platz bekommen“, erzählt Beninga, die damals schon im sechsten Semester studierte. Dennoch ist es für viele die letzte Hoffnung. Auch für Theresa (20), die sich bereits vor der Zulassung auf die Warteliste setzen ließ. Ein Zimmer hat sie noch nicht. Nun hofft sie auf WG-Besichtigungen. „Die meisten meiner Anfragen blieben unbeantwortet“, sagt Celina, die eine Woche im Camp überbrücken muss, bis sie in ihr neues Zimmer ziehen kann.

Tiffanie setzt erst mal auf Couchsurfing. „Die Mieten hier kann ich mir gerade nicht leisten“, sagt sie. 480 Euro kostet ein WG-Zimmer in Frankfurt, 50 Euro über dem Bundesdurchschnitt. Und weitaus mehr als die Bafög-Mietpauschale von 250 Euro.

Für ausländische Studierende ist die prekäre Wohnsituation ein noch größeres Problem. Denn: keine Wohnung, kein Visum. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt die Iranerin Sara (28), die vor einem Jahr nach Frankfurt kam. Bankkonto, Versicherung, Immatrikulation – für ausländische Studierende hängt alles von einer Meldeadresse ab. Sara fühlte sich machtlos, Unterstützung bekam sie keine. Nun wohnt sie im Studentenwohnheim. Für ihre Freundin Lisa ist das Problem noch nicht gelöst. Mit ihren 33 Jahren ist sie zu alt für das Wohnheim, eine bezahlbare WG hat sie bisher nicht gefunden, in einem Monat läuft ihr Visum ab.

Obwohl die Wohnungsfrage für viele auch nach dieser Woche erst mal unbeantwortet bleiben wird, ist die Stimmung beim gemeinsamen Kochabend im Szene-Café Exzess gut. Während die einen fleißig Kartoffeln schnippeln, zocken die anderen Tischkicker oder stöbern in der caféeigenen Buchhandlung. Als es um 21 Uhr endlich Essen gibt, wurden schon erste Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen. Satt und müde von den vielen Eindrücken kehren die Studierenden früh ins Camp zurück. Als das Bettenlager schließlich hergerichtet ist und alle in ihre Schlafsäcke gekrochen sind, wird noch leise miteinander gewispert. Wenn die Situation der Studierenden nicht so ernst wäre, könnte man fast von Klassenfahrt-Romantik sprechen.

Am nächsten Morgen sind die Ersten schon früh wach. Der Rücken und die Schulter schmerzen, mancher Schlafsack war etwas dünn und die Nacht recht frisch. Die ersten strömen zu ihren Einführungsveranstaltungen, Nummern und E-Mail-Adressen werden ausgetauscht. Am Abend möchten sie sich wieder in ihrem Wohnzimmer treffen.

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