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Hängepartie zu Semesterbeginn

Wucherpfennig: Sankt Georgen soll Ort für Diskussionen bleiben

Kein Semesterbeginn wie jeder andere an der Frankfurter Hochschule Sankt Georgen, an der mehrere deutsche Bistümer ihren Priesternachwuchs ausbilden lassen. Der Vatikan prüft, ob der Rektor bleiben darf.

Der Theologe Ansgar Wucherpfennig, der wegen liberaler Ansichten um die Bestätigung des Vatikans für seine Position als Rektor der Frankfurter Hochschule Sankt Georgen fürchten muss, hofft weiter auf Diskussionsspielraum. „Ich wünsche mir, dass die Hochschule ein Ort bleibt, wo solche Diskussionen stattfinden können“, sagte er zu Beginn des Eröffnungsgottesdienstes des neuen Semesters vor Studenten und Hochschullehrern. Er bezog sich dabei auf Überlegungen zur Stärkung von Laien und Frauen als Diakoninnen, wie sie vor allem im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche aufgekommen waren. Auch die Opfer von Missbrauch sollten in Sankt Georgen einen Ort haben, um Gehör zu finden, sagte er.

Wucherpfennig war beim Vatikan wegen liberaler Äußerungen über Homosexuelle und Frauen in der Kirche in einem zwei Jahre zurückliegenden Interview in Kritik geraten. Ein Vatikansprecher hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, das Prüfungsverfahren im Fall des Jesuiten und Theologieprofessors laufe noch.

Zahlreiche Theologen, Pfarrer und Bistumsvertreter hatten sich hinter Wucherpfennig gestellt und seinen Verbleib im Amt gefordert. Der Frankfurter Kirchendezernent Uwe Becker sagte, er hoffe sehr „auf die notwendige Einsicht in Rom“ und die Bestätigung Wucherpfennigs. „Gerade in einer für die katholische Kirche nicht einfachen Zeit sollte auch Rom die richtigen Zeichen setzen“, betonte er. Wucherpfennig leite als Hochschulrektor und Priester „überzeugend Antworten für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aus der Lehre“ ab.

Der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes, Monsignore Michael Metzler, meldet sich ebenfalls zu Wort: „Wir sind fassungslos.“ Gerade auch mit Blick auf die erschreckenden Ergebnisse der Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche seien die Anregungen und die Arbeit von Wucherpfennig äußerst wertvoll und unerlässlich, um das Thema Homosexualität zu enttabuisieren und gegen sexualisierte Gewalt vorgehen zu können, betont Metzler, der das Zögern Roms als Abstrafung interpretiert.

Nachdem Bistümer, die in Sankt Georgen ihren Priesternachwuchs ausbilden lassen, Wucherpfennig bereits das Vertrauen aussprachen und die Notwendigkeit „diskursfähiger“ junger Theologen betont hatten, reagierte gestern auch der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. In einer Stellungnahme plädierte er für eine wissenschaftlich verantwortete Bibelauslegung. „Als Bischof muss ich nicht jede theologische Meinung teilen, aber wir können die Debatten nicht unterdrücken, da wir nicht ausschließen können, dass sie der Reifung der Erkenntnis in der Kirche helfen“, schrieb er. Wenn jeder Satz der Bibel „direkt wörtlich geoffenbarte unveränderliche Wahrheit wäre, müssten wir aktuell Ehebrecher, Gotteslästerer, Wahrsager, ungehorsame Söhne und Töchter und Menschen, die am Sabbat ihr Auto waschen, steinigen“, so Kohlgraf.

Wucherpfennigs wissenschaftliches Spezialgebiet ist die Exegese, die Auslegung der Bibel.

(dpa,red)

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