Stadtgeschichte

Zäher Wille und freie Liebe

Frankfurt hat Ottilie W. Roederstein und Elisabeth Winterhalter viel zu verdanken. Die Malerin und die Frauenärztin setzten sich für die Ausbildung junger Frauen ein. Auch lebte das lesbische Paar seine Beziehung offen.

„Das Frauenleben ist in Neu-Frankfurt nicht mehr so gut zu überschauen wie in den alten einfachen und begrenzten Verhältnissen der ehemaligen Kaiserstadt“, schrieb 1907 die Wochenzeitschrift „Frauen-Rundschau“ in einem Frankfurt-Spezial und resümierte: „Heute ist Frankfurt ebenso wie für die Männer auch für die Frauen ein Sammelplatz der verschiedensten Bestrebungen des modernen Lebens geworden.“

Ottilie W. Roederstein (1859-1937) und Elisabeth Winterhalter (1856-1952) gehörten zweifelsohne zu den Protagonistinnen dieser neuen Zeit: studiert, selbstständig, kämpferisch. Beide Frauen, die sich ihre Ausbildung und Berufstätigkeit zäh erstritten hatten, waren in Frankfurt bestens integriert in die führenden Kreise der Bürgergesellschaft. Ihre lesbische Partnerschaft, seinerzeit auf juristisch dünnem Eis gelebt, tat dem keinen Abbruch. Die blühende Stadt zeigte sich auch in diesem Fall liberal.

Gemeinsam traten die Gefährtinnen für das Frauenwahlrecht ein und jede auf ihre Weise engagierte sich für bessere Bildungs- und Lebensbedingungen von Mädchen und Frauen. Die erste höhere Mädchenschule in Frankfurt, die zur Hochschulreife führte, ist dem Wirken der Medizinerin Elisabeth Winterhalter zu verdanken. Als 1911 die ersten sieben Mädchen an der Schillerschule die Abiturprüfung ablegten, war ein großes Ziel erreicht.

Die geborene Schweizerin Ottilie W. Roederstein nutzte ihr Talent und das in Paris erworbene Renommee, um sich in Frankfurt als Porträtmalerin zu profilieren. Von ihrem Städelatelier aus half die freischaffende Künstlerin vielen Kolleginnen ganz pragmatisch und unterstützte diese auch finanziell. Ein späteres Selbstbildnis zeigt Roederstein in Männerkleidung und Zigarillo rauchend, was ihren in jeder Hinsicht unkonventionellen Lebensentwurf unterstreicht.

Die jetzt von der Heussenstamm-Stiftung herausgegebene und vom Frauenreferat geförderte Broschüre, die sich auf die Frankfurter Jahre von Ottilie W. Roederstein und Elisabeth Winterhalter konzentriert, kommt zum besten Zeitpunkt – vor 100 Jahren wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht in die Wege geleitet, eine epochale politische Gleichstellung, die das Historische Museum Frankfurt ab 30. August in seiner Sonderausstellung „Damenwahl!“ würdigt. Die Kunsthistorikerin Karin Görner lässt mit umfangreich recherchiertem Material und Fotos aus dem Nachlass zwei miteinander verflochtene Leben auf knapp 60 Seiten lebendig werden. Dies könnte Ausgangspunkt für einen Roman oder gar eine Verfilmung sein, so packend und zugleich fortschrittlich sind die Wege dieser Ausnahmefrauen.

Als 13. Kind einer Münchner Arztfamilie immatrikulierte sich Elisabeth Winterhalter gegen den Widerstand ihrer Mutter an der Zürcher Universität, in Frankfurt setzte sie sich als erste Ärztin mit einer niedergelassenen Praxis und Pionierin in der Kaiserschnittentbindung durch.

Auch bei Ottilie W. Roederstein sperrte sich ausgerechnet die Mutter gegen eine Ausbildung der Tochter. Mit „brennendem Ehrgeiz“ ging die junge Malerin schließlich nach Paris und schaffte es, in der männlich dominierten Kunstszene ein Bild in der berühmten Salonausstellung der Seine-Stadt unterzubringen.

1909 verließen die Freundinnen nach fast 20 Jahren Frankfurt und zogen aus dem Oeder Weg nach Hofheim, wo sie sich am Kapellenberg vom Darmstädter Architekten Hermann A.E. Kopf ein Haus hatten bauen lassen. Im hohen Alter zeichnete man sie in Hofheim noch mit der Ehrenbürgerschaft aus – das erste Mal, dass man dort Frauen für diese Ehrung überhaupt in Betracht zog.

Roedersteins Erbe floss zur Hälfte in das Stammvermögen der Heussenstamm-Stiftung. Dass die Broschüre einige Frauen aus dem nahen Umfeld des bekannten Paars einbezieht, ist weit mehr als eine wissenschaftliche Geste. So erfährt man von einer Reihe entschlossener Akteurinnen, unter ihnen die Galeristin und Malerin Hanna Bekker vom Rath, die alle eines vereinte – sie waren unbequem und durch ihren Ruf nach mehr Freiheiten und Chancen vielen ein Stachel im Fleisch.

Broschüre

„Ottilie W. Roederstein und Elisabeth Winterhalter – Die Frankfurter Jahre 1891–1909“ ist in der Heussenstamm-Galerie, Braubachstraße 34, Di-Sa 12-18 Uhr, erhältlich. Sie kostet sieben Euro.

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