Der Haupteingang des Zeilsheimer DP-Lagers. FOTO: Privat
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Der Haupteingang des Zeilsheimer DP-Lagers.

Stadtteilgeschichte

Zeilsheim: Der größte Schwarzmarkt der Nachkriegszeit

  • Holger Vonhof
    VonHolger Vonhof
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Seit 75 Jahren gibt es die FNP - viel hat sich verändert. Deshalb drehen wir die Uhren zurück und werfen einen Blick in die Vergangenheit. Wie sah es 1946 aus , wie an selber Stelle 2021? Heute geht's nach Zeilsheim.

Zeilsheim war in den Jahren nach dem Krieg in aller Munde. Denn in Zeilsheim gab es alles: Kaffee, Schokolade, Zigaretten, Corned Beef. Der größte Schwarzmarkt seiner Zeit soll das DP-Lager gewesen sein, das Lager für "Displaced Persons" - was nur unzulänglich mit "Heimatvertriebene" übersetzt werden kann. Das Zeilsheimer DP-Lager, dessen Haupteingang sich am Hahnbergweg befand, war das größte Lager dieser Art. Dort lebten mehrere Tausend Menschen - für Oktober 1946 wird die Zahl mit etwa 3570 angegeben. Es waren Juden, vorwiegend aus Osteuropa - von den Nazis Verschleppte, die nicht zurück in ihre Heimat konnten, die meisten von ihnen aus Konzentrationslagern befreit. Diese Menschen warteten auf ihre Ausreise in die USA oder nach Israel.

Doch wohin mit ihnen? Israel war noch nicht gegründet. Die US-Armee richtete das Zeilsheimer Lager kurz nach Kriegsende ein, beschlagnahmte dafür nicht nur die Steinbaracken, in denen die Nazis für die Produktion im nahen IG-Farben-Werk Hoechst Zwangsarbeiter untergebracht hatte, sondern setzte auch Zeilsheimer Familien ein Ultimatum: Binnen weniger Stunden hatten 450 Familien ihre Wohnungen zu verlassen: Menschen, die ausgebombte Verwandte aufgenommen hatten, standen plötzlich mit ihnen auf der Straße, oft nur mit einem Koffer. Das schürte Hass und Missgunst; es kam zu Feindseligkeiten. Das DP-Lager befand sich nördlich der Pfaffenwiese, und die Menschen dort wurden mit allem versorgt - was den Schwarzhandel erblühen ließ. Das Lager hatte eine Bäckerei, eine Schlachterei, anderes Gewerbe, einen Sportverein, ein Orchester, eine Theatergruppe und eine Bücherei. Es gab dort eine Synagoge und zwei Zeitungen auf Jiddisch: "Unterwegs" und "Undzer Mut" (Unser Mut). Internationale Aufmerksamkeit erhielt das Lager, als es 1946 vom späteren israelischen Premierminister David Ben Gurion und von der ehemaligen First Lady Eleanor Roosevelt - Letztere als Repräsentantin der Vereinten Nationen - besucht wurde. Das Lager gilt als eine der Keimzellen des Staates Israel, dessen erste Führungsriege dort mit der Planung der Staatsgründung befasst war. Als Israel im Mai 1948 gegründet wurde, löste die US-Armee das Lager ein halbes Jahr später auf - am 15. November 1948. Die requirierten Häuser wurden zurückgegeben. Seit 1988 erinnert ein Denkmal im Park hinter der Zeilsheimer Stadthalle an das Lager - nichts mehr erinnert aber an das "Holzbarackenlager" südlich der Pfaffenwiese. Die US-Armee sperrte in der früheren Zwangsarbeiter-Unterkunft deutsche Kriegsgefangene ein; heute steht dort die Märchensiedlung. hv

Die Serie

Morgen sehen Sie auf der Innenstadt-Seite die Altstadt. Alle erschienen Folgen finden Sie auf www.fnp.de/stadtteilgeschichte

Die Häuserzeile steht noch: Wo der Hahnbergweg auf die Pfaffenwiese mündet, befand sich der Haupteingang des Zeilsheimer DP-Lagers.

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