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Deutschland, Frankfurt-Zeilsheim, 7. Januar 2018: Zeilsheimer Ortsdurchfahrt durch Alt-Zeilsheim. Vllt als Optik?

Stadtteil-Serie (Teil 25)

Zeilsheim: Im fernen Westen

In unserer Stadtteil-Serie haben wir diese Woche Zeilsheim unter die Lupe genommen. Der Stadtteil ist am weitesten von der City entfernt.

Von Zeilsheim aus betrachtet ist der Ginnheimer Spargel bloß ein Strich am Horizont, die Frankfurter Skyline erscheint schemenhaft. Im äußersten Westen liegt der Stadtteil, dessen Bewohner glücklich sind über die Distanz zur Innenstadt, denn Zeilsheim hat sich seinen dörflichen Charakter bewahrt.

Frankfurt und Zeilsheim verbindet, dass beide im Jahr 794 erstmals urkundlich erwähnt wurden. Mit der Eingemeindung des zwischen Unterliederbach, Sindlingen, Höchst, Hofheim und Liederbach gelegenen Bauerndörfchens im Jahr 1928 hatte Zuneigung nichts zu tun. Weniger als zwei Jahrzehnte später wurde Zeilsheim auch überregional bekannt: Die Alliierten errichteten im Jahr 1945 ein Lager für Vertriebene, meist Überlebende der Nazi-Konzentrationslager in Polen, im Stadtteil. Im Jahr 1946 besuchten sogar der spätere israelische Premier David Ben-Gurion und die amerikanische First Lady Eleanor Roosevelt das Lager, das den größten Schwarzmarkt dieser Zeit in Deutschland mit sich brachte.

Viele Zeilsheimer waren zu dieser Zeit schon Jahrzehnte von der Nähe zu Höchst geprägt. Die dortigen Farbwerke brachten Lohn und Brot und errichteten die „Colonie“ getaufte Siedlung, die den Werksmitarbeitern günstigen Wohnraum mit etwas Grün bringen sollte. In den 1990er-Jahren wurde die Siedlung privatisiert. Dass die meisten Häuser äußerlich noch immer wie ein englisches Cottage wirken, ist dem Denkmalschutz zu verdanken.

Von den rund 12 500 Einwohnern hat es keiner weit zur Stadthalle. Dort spielt sich ein bedeutender Teil der Vereinaktivitäten ab. Gut 50 im Zeilsheimer Vereinsring organisierte Vereine sorgen dafür, dass die Stadthalle der bestbesuchte Saalbau in ganz Frankfurt ist.

Mit dem Rest der Stadt ist Zeilsheim über drei Buslinien verbunden, und seit dem Jahr 2007 über einen S-Bahn-Halt – doch der liegt eigentlich schon in Sindlingen. Darüber, dass aus der Stadtmitte nicht allzu viele Besucher in den Ort kommen, sind die Zeilsheimer nicht gerade unglücklich. Frankfurt könnte schließlich abfärben, vielleicht auch die Bauwut der Innenstadt. Vor der fürchtet man sich im Westen, wo man zwar Industrie hat, aber auch auf weite Felder und den Taunus blickt. Die Zeilsheimer werden alles dafür tun, dass sie mit dem, was sie am Horizont erkennen, weiterhin nur die Vorwahl und das Jahr der Ersterwähnung gemeinsam haben.

Frankfurt wächst und soll dies nach Ansicht mancher auch auf den weitläufigen Äckern rund um Zeilsheim tun. Im Stadtteil selbst halten die Menschen wenig von dieser Idee.

Früher bestand Zeilsheim, das in Kriegs- und Notzeiten mehrfach vor der kompletten Aufgabe durch seine Bewohner stand, aus einer Straße: Alt-Zeilsheim heißt sie heute und ist Identifikationsort und verkehrlich überlastetes Nadelöhr gleichermaßen – auch wenn auf unserem Foto gerade mal kein Auto dort unterwegs ist. Hier führt die Bonifatiusroute vorbei und sogar ein Teilstück des Jakobswegs zwischen Frankfurt und Mainz. Die Zeilsheimer haben sich immer wieder neu erfunden und auch nach Pest und Hungersnöten weiter gemacht – und sie lieben ihre Randlage zum Taunus.

Die Michaelskapelle an der Pfaffenwiese ist das älteste sakrale Gebäude in Zeilsheim. Sie wurde im Jahr 1736 errichtet. Die Zeilsheimer hatten sie einst gebaut, um sich für Beistand in Zeiten von Pest und Hungersnöten zu bedanken. Dahinter, im ehemaligen Spritzenhaus der Feuerwehr, befindet sich heute das kleine, aber feine Museum des Zeilsheimer Heimat- und Geschichtsvereins.

Der aus Indien stammende Momi Harwinder Singh vor dem „Biergrund“ an der Zeilsheimer Stadthalle. Singh hat die Kneipe im Jahr 2015 übernommen. Zuvor war er 15 Jahre lang Chefkoch in einem Seckbacher Lokal gewesen, entschloss sich dann aber, selbstständig zu werden. Nur Wenige in Zeilsheim trauten Singh zu, dass er aus dem ziemlich heruntergekommenen „Biergrund“ etwas macht. Doch seine deutsche Küche kommt im Stadtteil an. „Sehr viele Menschen aus Zeilsheim kommen zu mir. Weil es stets mehr werden, verbreiten sie wohl, dass es gut schmeckt bei mir“, sagt Singh.

Zum Froschbrunnenfest, das jedes Jahr feiert wird, spuckt der Frosch Wasser. Er ist das Wappentier der Zeilsheimer. Der Spitznamen geht auf einen ehemaligen Löschteich neben dem Feuerwehrgerätehaus zurück, in dem die nächtens quakenden Amphibien einst dem alten Ortskern die Ruhe stahlen.

Der Charme englischer Siedlungen weht durch die „Colonie“. Sie wurde zwischen den Jahren 1900 und 1925 im Auftrag der Farbwerke Hoechst gebaut. Von 1925 an wurde die Siedlung erweitert, mit der „Neuen Colonie“ mit 154 Wohnungen am Coburger und Braunschweiger Weg. Die Farbwerke brachten dort einen Teil ihrer Arbeiter unter. Als Vorbild dienten die englischen Gartenstädte. Die Klinker-Häuschen haben einen kleinen Garten, hatten früher auch Kleinviehställe. Zwar steht die Siedlung unter Denkmalschutz; in den 1990er-Jahren wurde sie jedoch privatisiert.

Nahe der Stadthalle befindet sich ein Denkmal, das an das ehemalige Displaced-Persons-Camp erinnert. Von den Alliierten errichtet, lebten dort von 1945 bis 1948 bis zu 5000 Juden, die zuvor aus den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten befreit wurden. Schon während der NS-Herrschaft waren in dem angrenzenden sogenannten „Steinbarackenlager“ nördlich der Pfaffenwiese Fremd- und Zwangsarbeiter untergebracht. Im November 1948 löste die US-Armee das DP-Lager schließlich auf; die requirierten Häuser wurden an ihre Eigentümer zurückgegeben, die sie 1945 oft nur mit einem Koffer hatten räumen müssen.

Hans im Glück, die Bremer Stadtmusikanten oder auch der Froschkönig zieren die Stirnseiten der Mehrfamilienhäuser in der Märchensiedlung oder prangen auf gusseisernen Schildern. Ebenso wie die „Colonie“ wurden auch die Häuser in der Märchensiedlung von den Farbwerken gebaut. Die Märchenmalereien entstanden, um der recht einförmigen Bauweise der Häuser eine besondere Note zu verleihen. Bei Notfällen auf dem Fabrikgelände wurden die Szenen als Orientierungshilfe genutzt, wenn dringend benötigte Mitarbeiter zu Hause abgeholt werden mussten. Heute ist die Siedlung immer noch beliebt: Es wohnt sich gut dort.

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