Sevgi Karaman (r.), hier mit der Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Djuna Buyten, hat ihre logopädische Praxis organisatorisch neu aufgestellt - auch wenn das nicht ganz leicht war.
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Sevgi Karaman (r.), hier mit der Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Djuna Buyten, hat ihre logopädische Praxis organisatorisch neu aufgestellt - auch wenn das nicht ganz leicht war.

Mittelstand in Frankfurt

Zeit, nach vorne zu blicken

  • VonSarah Bernhard
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Warum die Nachfolger-Suche gerade jetzt sinnvoll ist und andere Lehren aus der Pandemie.

Frankfurt -Umsatzeinbußen sind nach 15 Monaten Corona das drängendste Problem vieler Frankfurter Unternehmer. Doch spätestens jetzt ist es an der Zeit, wieder nach vorne zu blicken. Denn die Pandemie bietet auch ungeahnte Chancen.

Finanzen

Schlecht steht es naturgemäß vor allem um jene Branchen, die auf Besucher angewiesen sind: "Frankfurt ist als Messe- und Veranstaltungsstandort sowie als Hotspot der Reise- und Touristikwirtschaft stark von der Corona-Pandemie betroffen", schreibt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt auf Anfrage. Doch gebe es durchaus auch Wirtschaftsbereiche, die von der Krise profitiert hätten, zum Beispiel die Rechenzentren sowie die Finanz- und die Pharmaindustrie. Kleine und mittelständische Unternehmen seien mittlerweile wieder "deutlich robuster" aufgestellt als im ersten Corona-Frühjahr, da viele "ihr Geschäftsmodell nachjustiert, Kostenstrukturen angepasst und in die Digitalisierung investiert" hätten.

Dennoch: Zwei von drei Frankfurter Firmenchefs befürchten nach Angaben der IHK in Folge der Pandemie einen Umsatzrückgang; ein Viertel musste seit Corona-Beginn ans Eigenkapital ran. Um überhaupt über die Runden zu kommen, brauchten viele Frankfurter Kleinunternehmer und Solo-Selbstständige mehr als Überbrückungshilfen: Mehr als 1850 von ihnen haben ein Darlehen über das vom Land aufgelegte Corona-Hilfsprogramm "Hessen-Mikroliquidität" bekommen. Insgesamt flossen so knapp 53 Millionen Euro nach Frankfurt - fast ein Viertel der bisher ausbezahlten hessenweiten Fördersumme. Anträge können noch bis Ende des Monats gestellt werden.

Innovation

"Viele Beratungskunden haben die Pandemie genutzt, um sich neu aufzustellen, und auch die Digitalisierung hat viel aufgefangen", sagt Christine Acker, die beim Verein "Jumpp" zu Unternehmensgründungen und -übernahmen berät. Eine ihrer Kundinnen ist Sevgi Karaman, die im Jahr 2018 das Frankfurter Institut für Stimme- und Sprachstörungen (FISS) von ihrer über 70-jährigen Chefin übernahm. Als im Frühjahr 2020 die Behandlungszimmer trotz der installierten Spuckschutz-Scheiben leer blieben, gaben die Krankenkassen die Videotherapie frei - doch Computer waren im bisherigen Arbeitsalltag der FISS-Mitarbeiterinnen nicht nötig gewesen.

Also schaffte Karaman Tablets an und stellte dabei gleich das Praxismanagement von analog auf digital um. "Die Mitarbeiter haben sich größtenteils schwergetan, das Digitale anzugehen", erklärt die Logopädin im Rückblick. Zumal zum Beispiel die Online-Terminvergabe mehr Kontrollmöglichkeiten biete als die analoge. Eine Herausforderung für Karaman, die sich selbst noch im Wandlungsprozess von der Kollegin zur Chefin befand. Die Umstellung sei deshalb für beide Seiten schwierig gewesen, aber es sei nun einmal sie, die das unternehmerische Risiko trage. "Die Lösung war, dass wir uns Zeit gelassen haben. Als Unternehmerin muss man seine Ziele durchsetzen - aber manchmal eben mit Geduld."

Unternehmensnachfolge

51 Jahre ist der durchschnittliche mittelständische Unternehmer in Hessen laut dem KfW-Mittelstandspanel 2020 alt; ein Jahr älter als der deutsche Durchschnitts-Firmenchef. Ein Sechstel der hessischen Mittelständler möchte in den kommenden drei Jahren an einen Nachfolger übergeben, doch die Corona-Pandemie brachte das System ins Stocken: Die Nachfolgeberatungen bei der IHK lagen im vergangenen Jahr um 15 Prozent niedriger als im Vorjahr, deutschlandweit sank die Zahl der Nachfolgegründungen um ein Drittel.

Aber auch in diesem Fall bietet die Pandemie nicht nur Nach-, sondern auch Vorteile. "Immer mehr Menschen sehen Corona auch als Chance", sagt Christine Acker. "Es gibt Kundinnen, die kommen und sagen: Meine Stelle wird gestrichen, aber ich wollte sowieso schon immer in die Selbstständigkeit. Wenn nicht jetzt, wann dann?!". Sogar bei Menschen, die noch in einer Anstellung seien, habe des öfteren ein Umdenken stattgefunden. "Denn Corona hat deutlich gemacht, dass auch vermeintlich sichere Anstellungen nicht mehr sicher sind. Deshalb ist für Unternehmer jetzt der richtige Zeitpunkt, um über einen Nachfolger nachzudenken."

Sevgi Karaman hat das getan und ihr Nachfolgeproblem bereits erfolgreich gelöst: Vor kurzem hat sie zwei junge Hochschulabsolventinnen eingestellt. "Wenn die Übernahme ansteht, haben die beiden die Familienplanung abgeschlossen und können übernehmen. Und ich kann meine Praxis dann mit gutem Gewissen abgeben." Sarah bernhard

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