Am südöstlichen Ende des geplanten Kulturcampus' an der Senckenberganlage entsteht die Akademie. Das Architekturbüro Turkali hatte die Ausschreibung gewonnen und darf nun die 3000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche gestalten. Grafik:
+
Am südöstlichen Ende des geplanten Kulturcampus' an der Senckenberganlage entsteht die Akademie. Das Architekturbüro Turkali hatte die Ausschreibung gewonnen und darf nun die 3000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche gestalten. Grafik:

Jüdisches Leben

Zentralrat plant Akademie des jüdischen Geistes in Frankfurt

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
    schließen

Spatenstich für die erste überregionale Institution dieser Art nach der Shoah ist am 2. September, die Eröffnung soll 2024 sein.

Frankfurt -Am Rande des Kulturcampus in Bockenheim entsteht in den kommenden Jahren eine Jüdische Akademie. Am 2. September wird der erste Spatenstich getätigt, teilte der Zentralrat der Juden in Deutschland gestern mit. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) werden dabei sein.

In der Akademie sollen bald wichtige öffentliche Diskurse aufgegriffen und um die jüdische Perspektive bereichert werden. Damit will die Jüdische Akademie dazu beitragen, die Akzeptanz für religiöse und kulturelle Pluralität in Deutschland zu erhöhen - nach dem Vorbild etwa der kirchlichen Akademien. "Das intellektuelle jüdische Leben erhält mit der Akademie einen neuen Mittelpunkt", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster. "Wir wollen sowohl der jüdischen Gemeinschaft in ihrer Pluralität eine Plattform bieten als auch vor dem Hintergrund der deutsch-jüdischen Geschichte in die Gesamtgesellschaft hineinwirken und den interreligiösen Dialog pflegen. Unterschiede aushalten und Gemeinsamkeiten stärken - das soll dieser moderne Ort jüdischen Denkens leisten."

Stadt Frankfurt hat das Projekt von Anfang an unterstützt

Das Gebäudeensemble wurde vom Frankfurter Architekten Zvonko Turkali entworfen. Es umfasst neben dem Neubau eine denkmalgeschützte Villa auf dem von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG bereitgestellten Grundstück. Beide Gebäude werden im Erdgeschoss miteinander verbunden. Der Verbindungsbau dient als Hauptzugang und nimmt das gemeinsame Foyer auf. Im Bestandsgebäude sind zwei kleinere Seminarräume, ein Café und die Verwaltung geplant. Im Neubau ist im Erdgeschoss ein Ausstellungsraum untergebracht. Im ersten Obergeschoss ist ein überhöhter Veranstaltungsraum vorgesehen. Darüber hinaus soll es vier Seminarräume, eine Lounge und auch einen Speiseraum geben. Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD) und Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) haben das Projekt von Anfang an unterstützt.

Geschätzte Baukosten: 34,5 Millionen Euro

Der Zentralrat veranschlagt die Baukosten auf 34,5 Millionen Euro, davon 16 Millionen Euro vom Bund, 7 Millionen vom Land, 5,5 Millionen von der Stadt, der Rest vom Zentralrat. Die Akademie soll 2024 ihren Betrieb aufnehmen. Es wird die erste überregionale jüdische Institution dieser Art, die nach der Shoah errichtet wird. Die jüdische Gemeinde Frankfurt, die gleichfalls eine lebendige Bildungsarbeit anbietet, hat mit der geplanten Akademie nichts zu tun. Eine spätere Zusammenarbeit sei nicht ausgeschlossen, hieß es, "doch momentan ist nur der Zentralrat in Berlin Ansprechpartner."

Frankfurter Akademie soll Debatten um jüdische Sichtweise erweitern

Der Zentralrat der Juden sieht die neue Akademie in der Tradition der 1920 von Franz Rosenzweig gegründeten Jüdischen Volkshochschule, die später in Freies Jüdisches Lehrhaus umbenannt wurde. Dort unterrichteten etwa Martin Buber, Leo Löwenthal, Benno Jacob aber auch der Arzt Richard Koch, der Chemiker Eduard Strauß, die Feministin Bertha Pappenheim und Siegfried Kracauer, Kulturkritiker der Frankfurter Zeitung. Es war die größte und erfolgreichste jüdische Volkshochschule Deutschlands. Nach ihrem Vorbild wurden Lehrhäuser in anderen Städten gegründet. 1938 wurde das Jüdische Lehrhaus von den Nazis aufgelöst.

Von 2024 an soll in der neuen Jüdischen Akademie an die Tradition des Lehrhauses angeknüpft werden. Seminare, Konferenzen, Podiumsdiskussionen, Studientage, Buchvorstellungen, Filmvorführungen und Vorträge sind geplant, außerdem interreligiöse Streitgespräche, aber auch die Darstellung jüdischer Geschichte und jüdischer Lebenswelten. Dabei sollen, so der Zentralrat, alle religiösen Strömungen des Judentums vorkommen. Das Verhältnis zum Staat Israel wird in der Akademie thematisiert und neue Forschungsergebnisse zur Shoah diskutiert. Auch Rechtspopulismus und Antisemitismus der Gegenwart werden Themen, so der Zentralrat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare