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Kinder zu selten untersucht: Folgen zeigen sich an Schulen

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Von: Julia Lorenz

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Ist ein Kind grundlegend gesund? Ist es geistig und körperlich auf dem Stand, den es als Erstklässler haben muss? Das sind die Hauptfragen, die die Schuleingangsuntersuchung im Gesundheitsamt klären soll. 2021 erhielten von 6450 Kindern nur 527 diesen Check. FOTO: picture allaince
Ist ein Kind grundlegend gesund? Ist es geistig und körperlich auf dem Stand, den es als Erstklässler haben muss? Das sind die Hauptfragen, die die Schuleingangsuntersuchung im Gesundheitsamt klären soll. 2021 erhielten von 6450 Kindern nur 527 diesen Check. © picture alliance/dpa/Westend61

Das Gesundheitsamt untersucht 2021 nur acht Prozent der einzuschulenden Kinder auf ihre Schultauglichkeit. Das macht sich in den Klassenzimmern bemerkbar.

Frankfurt – Nur acht Prozent der Frankfurter Kinder, die im vergangenen Sommer in die erste Klasse gekommen sind, wurden vor der Einschulung von einem Amtsarzt untersucht. In konkreten Zahlen heißt das: Im aktuellen Schuljahr 2021/22 sind in Frankfurt gut 6450 Kinder eingeschult worden. Es wurden aber nur 527 Einschulungsuntersuchungen durchgeführt. Demnach wurden 5923 Kinder, also 92 Prozent, vorab nicht untersucht.

Das geht aus einem aktuellen Magistratsbericht hervor. Dieser geht auf eine Anfrage der CDU-Fraktion im Römer zurück, die wissen wollte, wie viele Erstklässler in den Jahren 2018, 2019, 2020 und 2021 gegen Masern und Polio geimpft waren und wie viele Einschulungsuntersuchungen sowie zahnmedizinische Untersuchungen in diesen Jahren durchgeführt worden sind. Die Christdemokraten beziehen sich bei ihrer Anfrage auf einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO, der zu dem Schluss kommt, dass infolge der Corona-Pandemie in den vergangenen zwei Jahren erheblich weniger Kinder gegen Polio und Masern geimpft und weniger Einschulungsuntersuchungen durchgeführt wurden.

Gesundheitsamt in Frankfurt braucht Mitarbeiter zur Pandemiebekämpfung

Normalerweise wird jedes Kind vor seiner Einschulung untersucht. Das ist in allen Bundesländern üblich, auch wenn sich Umfang und Durchführung durchaus unterscheiden können. Bei der Untersuchung, die durch den Kinder- und Jugendärztlichen Gesundheitsdienst der Gesundheitsämter durchgeführt wird, soll festgestellt werden, ob die Kinder schulreif sind oder in irgendeinem Bereich - Sprechen, Hören, Sehen, Feinmotorik - noch besondere Förderung und Unterstützung benötigen, damit sich die Einschränkung in der Schule nicht negativ auswirkt. Im Gespräch oder mithilfe kurzer Tests machen sich die Ärzte ein Bild von den Kindergartenkindern.

Laut Magistratsbericht waren in Frankfurt in den Jahren 2018 und 2019, also vor Corona, noch alle Erstklässler vor der Einschulung untersucht worden. Im Jahr 2020 kamen immerhin noch 4792 von 6884 Abc-Schützen, also knapp 70 Prozent, in den Genuss. Im vergangenen Jahr waren es mit nur 527 untersuchten Kindern dann deutlich weniger.

"Durch die Pandemie-Situation und die damit verbundenen Aufgaben, insbesondere durch die personalintensive Kontaktpersonennachverfolgung, waren die Gesundheitsämter im vergangenen Jahr außergewöhnlich belastet - und sind es auch weiterhin", begründet eine Sprecherin des Frankfurter Gesundheitsamts, warum nicht alle Erstklässler untersucht werden konnten. Allerdings seien Kinder mit besonderen Bedarfen und Kinder, bei denen die aufnehmende Grundschule eine Notwendigkeit dazu sah, zu einer Einschulungsuntersuchung eingeladen worden.

Frankfurter Schulleiter: „Kinder sind nicht gut vorbereitet“

„Das war auch sehr wichtig und hat gut funktioniert“, sagt Benedikt Gehrling, Leiter der Erich-Kästner-Schule und Sprecher der Frankfurter Grundschulleiter. Er hält die Schuleingangsuntersuchungen für „basal wichtig“ für die Grundschulen und die Kinder. Bei einem großen Teil der Kinder, die im ersten Schuljahr sind, merke man, dass ihnen wegen der zahlreichen Lockdowns ein Kindergartenjahr fehle. Sie seien nicht gut vorbereitet auf die Schule. „Sie sind im Hinblick auf Durchhaltevermögen, Impulskontrolle und Frustrationskontrolle in einer problematischen Verfassung“, sagt Gehrling im Gespräch mit dieser Zeitung. „Eigentlich hätten wir zwei Vorschulklassen für die Kinder aufmachen müssen, die schon schulpflichtig, aber noch nicht schulreif sind.“ Dafür hätten aber Personal und Raum gefehlt. Deshalb müsse das Versäumte jetzt in der ersten Klasse nachgeholt werden. „Hier wächst eine Generation heran, die weniger lernt als andere, weil sie einfach noch nicht so weit ist“, sagt Gehrling.

Untersuchungen werden in Frankfurt nicht nachgeholt

Nachgeholt werden können die Einschulungsuntersuchungen nicht. "Dies liegt nicht nur an den fehlenden personellen Ressourcen, sondern vielmehr an der zeitlich begrenzten Validität und Aussagefähigkeit des standardisierten Testverfahrens im letzten Kindergartenjahr", heißt es dazu im Magistratsbericht.

Allerdings sei für die bereits eingeschulten Kinder mit dem Staatlichen Schulamt bei Bedarf die Möglichkeit einer sogenannten "Untersuchung Schulkind" vereinbart worden. Soll heißen: Nicht untersuchte Erstklässler, die Auffälligkeiten aufweisen, können auch später noch von den Amtsärzten inspiziert werden. Dabei würden die schulischen Fähigkeiten allerdings anders geprüft als bei der herkömmlichen Untersuchung vor der Einschulung.

Für dieses Jahr hat sich das Frankfurter Gesundheitsamt vorgenommen, wieder mehr Kinder vor der Einschulung zu untersuchen. „Die Durchführung der Schuleingangsuntersuchungen steht auf der Liste der originären Aufgaben, zu denen das Gesundheitsamt möglichst schnell vollumfänglich zurückkehren will“, sagt die Sprecherin. Seit Herbst hätten „mit der halben Mannschaft“ an Mitarbeitern bisher knapp 2000 künftige Erstklässler untersucht werden können - prioritär die Kinder mit Hilfebedarf. Die Sprecherin: „In den nächsten Wochen planen wir - abhängig vom Verlauf der Omikron-Welle - weitere Mitarbeiter im Kinder- und Jugendärztlichen Dienst für die Schuleingangsuntersuchungen einzusetzen.“

So viele Schulanfänger sind in Frankfurt geimpft

Bei der Schuleingangsuntersuchung werfen die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes des Gesundheitsamts auch einen Blick in die Impfausweise der Schulanfänger - aber nicht alle Eltern legen das Dokument vor. Nach Angaben des Magistrats wurden im Jahr 2018 bei 6808 untersuchten Erstklässlern 6414 Impfbücher vorgelegt. 6327 Erstklässler (98,7 Prozent) waren demnach gegen Polio geimpft, 6309 Kinder (98,4 Prozent) gegen Masern. Auch in den Folgejahren waren immer gut 99 Prozent der Kinder, die ein Impfbuch vorgelegt hatten, gegen Polio und Masern geimpft. Der Magistrat bezeichnet dies als "zufriedenstellend". (Julia Lorenz)

Derweil lockerte Hessen die Corona-Regeln. Sollten die Corona-Maßnahmen zum 20. März auslaufen, fällt auch die Maskenpflicht in Schulen.

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