Frankfurt historisch

Zukunft der Altstadt beschäftigte Frankfurter schon vor 100 Jahren

Die Frage nach der Zukunft der Frankfurter Altstadt beschäftigte Stadtplaner, Politiker und Architekten schon vor 100 Jahren. Im Symposion "Die Frankfurter Altstadt" beleuchteten Historiker vor allem die "Altstadtgesundung" ab 1933 und den Wiederaufbau nach 1945.

„Von diesem alten Zeug haben wir in der Stadt genug.“ Mit diesen Worten kommentierte Oberbürgermeister Franz Adickes den Abbruch von weit über 100 Altstadthäusern, um von 1904 bis 1906 die Braubachstraße als Schneise durch das Gassengewirr für die Rathausneubauten und eine bessere Verkehrserschließung zu schlagen. Doch wie sollten die Eingriffe nach dem vorläufigen Ende durch den Ersten Weltkrieg weitergehen?

Das Symposion „Die Frankfurter Altstadt“ des Instituts für Stadtgeschichte beleuchtete neben der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte zwischen Messen und Kaiserkrönungen vor allem die Sanierungs- und Wiederaufbaupläne ab den 1920er Jahren. Thomas Picard präsentierte dazu Fotokampagnen von 1900 bis 1943, Franziska Kiermeier, Markus Häfner und Matthias Alexander berichteten über die „Altstadtgesundung“ in der NS-Zeit, den Streit zwischen Bewahrung oder Beseitigung des historischen Kerns nach 1945 und die Wege der Rundgänge zur „Neuen Altstadt“ durch die Stadtführer wie Björn Wissenbach und Till Fischer Führungen anbieten.

Konkrete Pläne zu weitreichenden Eingriffen in die Altstadt gab es wieder in der Ära von Oberbürgermeister Ludwig Landmann und Baudezernent Ernst May. Mit der Begründung, der Erhalt der Altstadt sei wirtschaftlich unrentabel und das Leben in stickigen Hinterhöfen unzumutbar, wollte May 1924 rund 500 Häuser abbrechen und nur historisch wertvolle Bauten und Wahrzeichen erhalten. Doch er ging dabei nicht willkürlich vor, sondern ließ rund 1500 Altstadthäuser erfassen – das Kataster war auch 1936 noch nicht vollständig. Stadtrat Bruno Müller beschrieb die Altstadt 1938 als eine Wunde, die „entweder geheilt oder eingekapselt“ werden müsste. Nach der Devise „Altstadtsanierung durch Arbeitsbeschaffung“ schaffte die Stadtregierung unter NS-Oberbürgermeister Friedrich Krebs Tatsachen durch ein gutes Dutzend Entkernungen und Abbrüche von Häusergruppen.

Wobei „Altstadtgesundung“ nach Mays Plänen dann auch „Verpflanzung asozialer Elemente in verschiedene Außen- und Vorstadtquartiere“ bedeutete, wie Franziska Kiermeier am Beispiel Schüppengasse in der Nähe des Goethehauses und der Weißadlergasse verdeutlicht: 205 Menschen lebten hier, 69 Prostituierte gingen ihrer Arbeit nach – ein Ärgernis auch für die Altstadtfreunde um Fried Lübbecke. Deshalb wurden ab 1938 die ersten zehn Häuser abgerissen und durch neue Gebäude im Stil der Heimatschutzarchitektur ersetzt, von denen nur wenige noch erhalten sind.

Am früheren Fünffingerplätzchen (heute westlich des Eingangs zur Schirnrotunde) wurden mehrere baufällige Häuser abgerissen und Rückfassaden trotz Kritik in idealisierende mittelalterliche Schaufassaden umgewandelt, um die Altstadt touristisch zu vermarkten. Die Sanierung geriet zur Propaganda für die „Stadt des Handwerks“, die verarmte Wohnbevölkerung wurde zu asozialen und verbrecherischen Kommunisten abgestempelt. Nach dem Krieg, als in dem zu rund 90 Prozent zerstörten Stadtteil von 15 272 nur noch 917 Altstadtbewohner verblieben waren, verhängte der Magistrat einen Baustopp von 1945 bis 1952. „In den 1950er Jahren bestimmte nicht das Verständnis für historische Baureste, sondern Pragmatismus und vorzeigbare Ergebnisse die Entscheidungen der Politik“, stellt Häfner fest.

Was besonders zwischen der als Verkehrsachse neu geschaffenen Berliner Straße und der Töngesgasse umgesetzt wurde: Hier fielen der Umwandlung von 350 Grundstücken auf nur noch 38 Parzellen Gassen zum Opfer, die die NS-Zeit überlebt hatten. Es entstand ein gemischtes Wohn- und Geschäftsviertel mit bis zu fünfgeschossigen Kopfbauten und der neuen Markthalle.

Für die Verkehrsachsen wurden beschädigte Gebäude wie die Alte Weißfrauenkirche oder die Stadtwaage abgetragen. Vielen Kritikern, die als Mahnung an den Krieg die Rekonstruierung des Goethehauses ablehnten, fiel der Wiederaufbau der Paulskirche eher zu nüchtern aus. Lübbeckes „Bund der Altstadtfreunde“ forderte auch möglichst originalgetreuen Wiederaufbau zwischen Dom und Römerberg – doch die Stadtpolitik setzte dieses Vorhaben nur für wichtige historische Monumente um. Das übrige Areal verödete zum Markt- und Parkplatz, umgeben von aufgelockerten modernen Wohnblöcken.

Oberbürgermeister Rudi Arndt (SPD) regte 1975 die bis 1983 verwirklichte Rekonstruktion der Ostzeile an. „Wäre Anfang der 1970er Jahre neben dem Technischen Rathaus auch noch das geplante Kulturzentrum verwirklicht worden, wäre es zum heutigen Altstadtprojekt wohl nie gekommen“, mutmaßt Matthias Alexander.

Der Abriss des asbestbelasteten Rathausneubaus, der Schock in der Bevölkerung über neue moderne Baukörper entlang des Krönungswegs, die Machbarkeitsstudie historischer Rekonstruktionen in der Diplomarbeit von Dominik Mangelmann – am Ende ebnete eine Reihe glücklicher Fügungen den Weg zur neuen Altstadt.

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