WM 2006

Zwei argentinische Buben halten einen Zug in Atem

Unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ richtete Deutschland 2006 die Fußball-Weltmeisterschaft aus. TZ-Mitarbeiter Robin Kunze erfuhr sogar Gastfreundschaft im eigenen Land.

Wir schreiben den 21. Juni 2006. Hochsommer. Die Fußball-Weltmeisterschaft war zu diesem Zeitpunkt bereits in vollem Gange, die deutsche Mannschaft war zuvor mit drei Siegen optimal in das Turnier im eigenen Land gestartet. Als selbst ernannter „Connaisseur des Weltfußballs“ hatte ich jedoch nicht nur das Team vom Trainergespann Jürgen Klinsmann/Joachim Löw im Fokus, sondern verfolgte auch hochinteressiert und gebannt die Auswahl Argentiniens.

Mit der Mischung aus kompromisslosen Defensivspielern wie Roberto Ayala und Juan Pablo Sorin einerseits sowie begnadeten Offensivkünstlern à la Hernán Crespo und Javier Saviola andererseits, zählte die „Albiceleste“ nicht nur für mich zu den Geheimfavoriten auf den Titel. Und an eben diesem 21. Juni trat die Truppe von Coach José Pekerman in Frankfurt gegen die Niederlande an.

An Tickets für die Begegnung in der Commerzbankarena war für einen bettelarmen Schüler wie mich natürlich nicht zu denken, aber das Public Viewing in der Innenstadt war doch sehr verlockend. Also ging es zusammen mit meinem Kumpel – nennen wir ihn einfach mal Leo – am frühen Vormittag mit der S-Bahn zur Hauptwache. Da jedes große Warenhaus in der Stadt sämtliche Trikots aller 32 Teilnehmerländer anbot, mussten wir uns zunächst entsprechend einkleiden.

Mein Kumpel wählte die Nummer 19 Argentiniens, getragen von einem 18-jährigen, aufstrebenden Talent namens Lionel Messi. Ich entschied mich unterdessen für die ehrwürdige Nummer 10, mit der Juan Roman Riquelme damals im argentinischen Trikot auflief. Ein klassischer „Zehner“ und einer der letzten Großen dieser aussterbenden Art.

Nur knapp zwei Monate zuvor hatte Riquelme den beschaulichen spanischen Vorstadt-Club FC Villarreal ins Halbfinale der Champions League geführt, wo man in dramatischer Art und Weise an Arsenal London scheitern sollte. Just in der 90. Minute des Rückspiels vergab Riquelme einen entscheidenden Elfmeter gegen Gunners-Torwart Jens Lehmann.

In seiner südamerikanischen Heimat war der technisch beschlagene Regisseur allerdings wohl weniger bekannt. Eine Gruppe „Gauchos“ erkannte an der Konstablerwache sofort meinen Begleiter und begrüßte diesen mit freudigen „Messi, Messi!“-Rufen. Mich schauten die argentinischen Herren dagegen ratlos an und versuchten es dann mit einem fast schon entschuldigenden „Maradona?“.

Brenzliger wurde es kurz darauf an der Alten Brücke, wo die holländischen Fans ihr Lager aufgeschlagen hatten. Ein nicht enden wollendes Meer aus Orange erstreckte sich vor den zwei Jungs in Blauweiß. Und ja, mir wurde dabei durchaus ein wenig mulmig zumute. Statt Ärger begegneten uns die „Oranje“-Supporter jedoch sofort mit Umarmungen und Angeboten zum Trikottausch. Wir lehnten allerdings höflich ab, schüttelten noch hie und da ein paar Hände und machten uns auf zur Public Viewing Area am Mainufer.

Obwohl wir bereits zwei Stunden vor Spielbeginn angekommen waren, war der knappe Platz vor der riesigen Leinwand schon restlos vergeben. Also ging es flugs zurück zur nächsten Bahnstation, schließlich hatte auch der Nachbar im heimischen Zeilsheim eingeladen – und mit frisch gezapftem Fassbier gelockt. Tatsächlich erwischten wir einen Zug in Richtung Wiesbaden und warteten auf die Abfahrt, als plötzlich am Bahnsteig Unruhe aufkam.

Ein aufmerksamer Bürger hatte die zwei „argentinischen Buben“ im falschen Zug erspäht und begann sofort damit, die Massen zu mobilisieren. Heldenhaft wurde die Bahn vom Losfahren abgehalten. „This train doesn’t drive to the stadium“, wurde uns in gebrochenem Englisch erklärt. „It’s okay, we are driving home“, antwortete Leo, also ebenfalls auf Englisch. Bis heute weiß ich nicht, warum. Jedenfalls behielt uns der gesamte Zug fürsorglich im Auge, bis wir in Zeilsheim angekommen waren und ausstiegen. Zur WM 2006 war man in Deutschland also tatsächlich „zu Gast bei Freunden“.

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