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Eine gemeinsame Patientenanmeldung von Notaufnahme und Ärztlichem Bereitschaftsdienst – das gibt es in Hessen bislang nur in Höchst. Notaufnahme-Leiter Dr. Peter-Friedrich Petersen (rechts) und sein Team haben damit nur gute Erfahrungen gemacht. Patienten kommen jetzt deutlich schneller dran.

Gesundheitspolitik

Zwei Frankfurter Kliniken setzen Maßstäbe: Schwarz-grüne Regierung will Projekte landesweit übernehmen

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    Stefanie Liedtke
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Gleich zwei Vorzeigeprojekte Frankfurter Krankenhäuser haben es in das Koalitionspapier der schwarz-grünen Landesregierung geschafft. Ziel ist es, sie an weiteren Kliniken in Hessen zu übernehmen.

Frankfurt - Das „Höchster Modell“ entstand aus der Not: In der Notaufnahme des Klinikums  hatten sich nicht nur die Patienten im Wartezimmer, sondern oft auch die Aggressionen aufgestaut: Manche, die schon Stunden gewartet hatten, schlugen Krach, weil andere, die weit nach ihnen kamen, früher an die Reihe kamen. Sortiert wurde eben nach Dringlichkeit und nicht nach Wartedauer. Die Wartezeit ist nun mit dem „Höchster Modell“ auf höchstens zwei Stunden reduziert – früher waren es auch mal fünf –, und jeder wird dort versorgt, wo er mit seinen Beschwerden hingehört. Auch interessant:  Neubau der Höchster Klinik wird später fertig

Zufrieden zeigt sich auch die Geschäftsführerin des Höchster Klinikums Dr. Dorothea Dreizehnter. „Wir sind stolz darauf, als Vorreiter und quasi Leuchtturmprojekt Maßstäbe zu setzen. Das Neue an unserem Modellprojekt ist, dass der Patient am gemeinsamen Tresen entsprechend seines Krankheitsbildes in die für ihn passende Versorgungsebene gelotst wird von speziell geschultem Personal“, erklärt Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter. Das heißt: Wer zur Behandlung tatsächlich ins Krankenhaus  muss, wird auch dort behandelt. Wer beim Hausarzt besser aufgehoben ist, erhält Hilfe in der Praxis des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes  direkt nebenan.

Frankfurter Vorzeigeprojekt: Die Psycho-Onkologie des Nordwestkrankenhauses

Dieses Modell soll nun hessenweit Schule machen. So steht es im 196 Seiten starken Koalitionsvertrag, auf den sich CDU und Grüne kürzlich geeinigt haben. Enthalten ist noch ein zweites Frankfurter Vorzeigeprojekt: die Psycho-Onkologie des Nordwestkrankenhauses.

„Natürlich sind wir stolz“, freut sich Oberarzt Claas Drefahl, der gemeinsam mit einer Kollegin die Psycho-Onkologie am Krankenhaus Nordwest  leitet. Seit eineinhalb Jahren kümmern sich die Experten dort nicht mehr nur um die körperlichen Leiden von Krebspatienten, sondern ganz gezielt auch um deren seelische Probleme. Natürlich gibt es psycho-onkologische Angebote an vielen Krankenhäusern, im Nordwest aber sind sie „integraler Bestandteil der modernen onkologischen Behandlung“, macht Drefahl den Unterschied deutlich.

Unterstützung von den Psychologen erhalten Krebspatienten bei Bedarf in jeder Phase der Erkankung – „von der Diagnose über die Behandlung bis zur Nachsorge  und, falls der Krebs zurückkehrt, auch bis zum Rezidiv“, erklärt Drefahl. Ein wichtiger Faktor dabei sei auch die Personalkontinuität. „Bei uns wird man nicht vom einen zum anderen durchgereicht. Nur so bauen die Patienten Vertrauen auf und können sich bei Bedarf immer wieder an uns wenden.“ Dies sei besonders wichtig, weil die Zeitspannen, die Krebspatienten mit ihrem Tumor leben, immer länger werden. „Krebs ist heute in vielen Fällen eine chronische Erkrankung, mit der Patienten Jahre, zum Teil Jahrzehnte, leben“, weiß Drefahl. Eine gute psycho-onkologische Begleitung könne die Lebensqualität der Betroffenen in dieser Zeit enorm steigern.

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Vom „Höchster Modell“ profitieren aus Sicht Dreizehnters längst nicht nur die Patienten: „Das ist eine ,Win-Win-Win-Situation‘“. Auch für das Krankenhaus und den Ärztlichen Bereitschaftsdienst bringe die neue Lösung nur Vorteile. So konnte etwa die Notaufnahme des Klinikums um mehr als 800 rein ambulante Fälle pro Monat entlastet werden.

Model Höchst: Kassenärzte sind skeptisch

Verhaltenere Töne sind von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zu hören. „Grundsätzlich ist das Modell Höchst aus unserer Sicht ein Erfolgsmodell“, sagt Dr. Eckhard Starke, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Hessen. Allerdings kämen die meisten Patienten mit Beschwerden zu Zeiten, während denen alle Praxen geöffnet seien. Ein Modell wie das Höchster könne nur erfolgreich sein, wenn die entsprechenden Kliniken mit Partnerpraxen  kooperieren. In Höchst klappe dies, und das sei es auch, was das Modell erfolgreich mache. Es könne aber nur auf solche Kliniken übertragen werden, wo eine Praxis des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes „notwendig und eingerichtet ist“.

Was in Höchst funktioniert – nämlich die Zusammenarbeit zwischen Klinik und Kassenärztlicher Vereinigung – da sieht Starke andernorts noch einigen Nachholbedarf: „Leider müssen wir feststellen, dass viele Kliniken weder die Bereitschaftsdienstzentrale im eigenen Haus noch die Partnerpraxen ausreichend nutzen, um die Frequenz in der Notaufnahme zu mindern. Insofern ist eine gewisse Skepsis berechtigt, inwieweit sich die Vorgaben an dieser Stelle tatsächlich umsetzen lassen.“

Kommentar von Stefanie Liedtke

Allzu oft funktioniert Politik so: In einem tristen Besprechungsraum fernab der Realität stecken kluge Menschen die Köpfe zusammen und ersinnen theoretische Lösungen für praktische Probleme. Das Resultat ist oftmals gut gemeint, aber selten gut gemacht. Dass sich die schwarz-grüne Landesregierung in der Gesundheitspolitik an zwei konkreten Projekten orientiert, die sich in Frankfurt bewährt haben, ist begrüßenswert. Mehr davon! Nicht nur in der Medizin und nicht nur in Frankfurt gibt es gute Lösungen für die kleinen und großen Probleme des Alltags.

Mal ist es die Grundschule, der es gelingt, Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen besonders gut zu integrieren. Mal ist es die Kirchengemeinde, die ein Hilfenetz für alle Lebenslagen aufgebaut hat, das seinesgleichen sucht. Mal ist es der Sportverein, der mehr bietet als nur Leibesertüchtigung.

Leider machen sich Politiker zu selten die Mühe, genauer hinzusehen. Dabei liegt das Gute oft so nah. Das zeigen die Beispiele Nordwestkrankenhaus und Höchster Klinikum. Es sind Beispiele wie diese, die Politik für die Menschen begreifbar machen, weil sie deren Lebenswirklichkeit berühren. Sonntagsreden und theoretische Konzepte hingegen befördern Politikverdrossenheit. Deshalb: Mehr von diesen konkreten Vorschlägen, bitte!

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