Deutschland entfachte mit dem Zweiten Weltkrieg einen Feuersturm, der schließlich auch Frankfurt völlig zerstörte. Von der Altstadt blieb im Bombenhagel der Alliierten nichts mehr übrig. Tausende Zivilisten starben. foto: Institut für Stadtgeschichte
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Deutschland entfachte mit dem Zweiten Weltkrieg einen Feuersturm, der schließlich auch Frankfurt völlig zerstörte. Von der Altstadt blieb im Bombenhagel der Alliierten nichts mehr übrig. Tausende Zivilisten starben.

Gleichgültigkeit und mangelnde Zivilcourage

Zweiter Weltkrieg: Frankfurter Jude stellt seine Mitschüler zur Rede

  • vonJürgen Walburg
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Wie ein Frankfurter Jude nach dem Zweiten Weltkrieg über seine ehemaligen Mitschüler urteilt, beschreibt er wortgewaltig in einem fesselnden Zeitdokument.

Frankfurt – Der Frankfurter Jude Walter Jessel emigrierte nach Hitlers Machtergreifung 1933 zunächst nach Palästina, dann in die USA. 1945 kam er als Nachrichtenoffizier der US-Streitkräfte nach Frankfurt zurück und sprach auch mit seinen ehemaligen Klassenkameraden über die NS-Zeit. Was sie ihm erzählten, wollte er als Buch veröffentlichen, doch nach dem Krieg interessierte sich niemand für sein Manuskript. Erst 2017 wurde das Buch in den USA gedruckt. Jetzt hat der Fachhochschulverlag Frankfurt die deutsche Übersetzung des fesselnden Zeitdokumentes vorgelegt.

Zerstörung von Frankfurt im Zweiten Weltkrieg: US-Leutnant kehrt zurück

Der letzte Kriegsbefehl brachte den 32-jährigen Walter Jessel, Leutnant der US-Spionageabwehr, am 7. April 1945 nach zwölf Jahren zurück in seine Geburtsstadt Frankfurt. 16 Tage zuvor, am 22. März, war die einmalige historische Altstadt im Feuersturm untergegangen. Jessels militärische Aufgabe: Er sollte in Bayern internierte Raketeningenieure um Wernher von Braun verhören sowie deren Charakter und politische Einstellung beurteilen mit dem Ziel, die begehrten Experten in die USA zu holen.

Im September 1945 waren diese Befragungen abgeschlossen und Jessel ging zurück ins US-Hauptquartier nach Frankfurt. Hier fand er nun Zeit, sich auf private Spurensuche zu begeben. Im Frankfurter Schulamt existierten noch die Unterlagen über seine Klasse, die im März 1931 an der Musterschule (Nordend) Abitur gemacht hatte. Von den 20 Schülern waren acht Juden und alle emigriert. Deren Geschichte war für ihn nicht interessant, glich sie doch seiner eigenen, wohl aber die der andern zwölf, der nicht-jüdischen Abiturienten. Sie waren in Deutschland geblieben und größtenteils als Soldaten im Krieg. Zwei von ihnen waren gefallen, drei vermisst, einer war nicht mehr ausfindig zu machen.

Zweiter Weltkrieg: Jude aus Frankfurt emigriert rechtzeitig in die USA

Jessel gelang es mit Hilfe des Schulamtes, die anderen sechs zu finden. Er wollte von ihnen wissen, ob sie für die Nazis gekämpft oder sich ihnen unterworfen hatten, ob sie sich ihnen widersetzt oder sie bekämpft hatten. Die immer wieder gehörte Antwort war: "Was hätten wir denn tun sollen?"

Walter Jessel wurde am 1. April 1913 in Frankfurt geboren. Sein Vater Julius war Ende der 1920er Jahre der führende Radio-Großhändler der Stadt, in seinem Unternehmen in der Weißfrauenstraße (Innenstadt) beschäftigte er etwa 30 Mitarbeiter. Sohn Walter gelang es noch vor Kriegsausbruch, seine Eltern zu sich in die USA zu holen.

Frankfurter Jude urteilt hart über die Deutschen im Zweiten Weltkrieg

Nach dem Militärdienst ging Jessel zum Geheimdienst CIA, später arbeitete er beim Konzern IBM. 1995 schrieb er seine Memoiren und stieß bei den Recherchen zufällig auf das Manuskript von 1945 mit den Frankfurter Abiturientenbefragungen. Einige Passagen arbeitete er in seine Memoiren ein, dann kam das Manuskript in die Schublade zurück.

Jessel starb im April 2008 im Alter von 95 Jahren. Seinen Erben gelang es 2017, endlich einen Verlag für das Manuskript zu finden. Der Titel des Buches: "Class of '31". Jetzt hat der Fachhochschulverlag Frankfurt die deutsche Übersetzung veröffentlicht (Titel: "Spurensuche 1945"). Jessel beschreibt darin wortgewaltig in bewegenden Bildern, wie er 1945 durch das zerstörte Frankfurt ging und mit jedem Schritt auf Trümmer, Armut, Hunger und Verzweiflung stieß. Und doch urteilte der gebürtige Frankfurter hart. Er warf den Deutschen vor, dies alles selbst verschuldet zu haben, durch Gleichgültigkeit und mangelnde Zivilcourage in der Hitler-Diktatur. Jessel: "Zum einzigen Lebensziel wurde es, sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen." (Jürgen Walburg)

Das Buch

Walter Jessel, "Spurensuche 1945 - Ein jüdischer Emigrant befragt seine Abiturklasse", Fachhochschulverlag Frankfurt, 246 Seiten, 20 Euro, ISBN 9783947273324.

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