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Zwischen Ajvar und Zwiebelwurst

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Von: Oscar Unger

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Schwein gehabt (v.l.): Srdjan Vojvodic, Perica und Senka Lijovic und Metzgermeister Karlheiz Menzer bei der Eröffnung.
Schwein gehabt (v.l.): Srdjan Vojvodic, Perica und Senka Lijovic und Metzgermeister Karlheiz Menzer bei der Eröffnung. © oscar Unger

Der neue kroatischer Lebensmittelladen in Praunheim setzt auch auf hessische Produkte.

Kleine Lebensmittel-Geschäfte habe es nicht leicht. Sie kämpfen gegen die Billig-Konkurrenz der Supermärkte, finden für ihre Traditionsunternehmen oft keine Nachfolger. Nicht anders war es in Alt-Praunheim, wo Karlheinz Menzer im April 2020 die Familienmetzgerei schließen musste, sein Elternhaus verkaufte. Jetzt kam er dorthin zurück. Wenn auch nur für einige Stunden. Und war zutiefst gerührt. „Ich bin so froh, dass es hier wieder Lebensmittel zu kaufen gibt“, sagte der kräftige Mann mit dem weißen Haar. Und wer genau hinsah, erkannte in seinen Augen einen Anflug von Feuchtigkeit.

Mehr More als Menzer

Doch nicht Menzer sondern More nennt sich der neue Laden. Das ist auch nicht englisch, sondern kroatisch und bedeutet Meer. Kommen die neuen Betreiben, das Ehepaar Senka und Perica Lijovic, doch aus der Nähe der Hafenstadt Split. Gemeinsam mit ihrem Freund und Kompagnon Srdjan Vojvodic haben sie an diesem Samstag ihr Ladengeschäft für mediterrane und regionale Spezialitäten eröffnet. Und da kommt Karlheinz Menzer wieder ins Spiel. Ab sofort gibt es an seiner alten Wirkungsstätte auch wieder einige seiner Produkte zu kaufen. In Gläsern, Dosen oder vakuuminiert. Hauptsächlich Wildprodukte von der eigenen Jagd im Vogelsberg, wo der passionierte Waidmann seit viele Jahren lebt. Auch Metzgermeister-Kollege Markus Mihm aus der Rhön hat ein eigenes Reg(ion)al.

Rund 500 Produkte umfasst das More-Sortiment. Es reicht von Ajvar bis Zwiebelwurst. Was fehlt: Obst und Gemüse. „Wir wollen erst einmal sehen, wie es läuft“, sagt Senka Lijovic. Seit 30 Jahren arbeitet sie im Hauptberuf bei Karstadt auf der Zeil. „Noch“, sagt sie, „wer weiß, was da noch kommt.“ Mit vier Teil- und Vollzeitkräften wollen Senka und ihr Mann den Laden schmeißen. Montags bis samstags von 9 bis 20 Uhr.

Etwa 100 000 Euro hat das Paar, das am Kornmarkt in der Innenstadt auch noch ein kleines Café betreibt, nach eigenen Angaben in Renovierung und Umbau gesteckt. Da kam ihnen entgegen, dass Perica auch Bauunternehmer ist, das Haus einem Freund gehört. Nun erstreckt sich der Verkaufsraum bis weit in das Gebäude hinein, dorthin wo Menzers Wurtsküche war. Gleich am Eingang reicht ein dunkel gebeiztes Weinregal bis unter die Decke. Der Verkaufs- und Kassentresen - zu Straße hin mit hunderten von Korken abgeschirmt - ist rechts. Schräg gegenüber erstrecken sich die gläsernen Kühlschränke. Fast alle Produkte werden aus Kroatien importiert, sind in Plastik verpackt oder eingeschweißt. Mit Ausnahme zweier mächtiger Schinken-Heulen vom Durok-Schwein. Gleich daneben echte kroatischer Leckerbissen: Cvavci. Das sind Schweine-Grieben oder -Grammeln, herzhafter Snack zu Bier und Wein, bei denen die Kalorien spürbar auf der Zunge zergehen.

Die übrigen Produkte erkennen auch Kunden, die nicht am Mittelmeer aufgewachsen sind. „Wir haben aber sogar Ki-Ki“, freut sich Aushilfe Elmir. „Das sind unsere Gummi-Bärchen, eine Erinnerung an meine Jugend.“ Dazu gehören auch die vielen süßen Brotaufstriche, Marmeladen und der Honig.

Geräuchertes ist besonders beliebt

Besonders stolz sind die Betreiber nicht nur auf ihre geräucherten Käse- und Wurstwaren - „das essen Kroaten besonders gern“ - sondern auch auf ihr Kota-Olivenöl, international mehrfach ausgezeichnet.

In Frankfurt sind derzeit etwa 16 000 Personen mit einem kroatischen Pass gemeldet. Hinzu kommen Kinder, Enkel und Menschen aus dem übrigen ehemaligen Jugoslawien. Auch Senka wurde in Deutschland geboren. „Hier im Frankfurter Nordwesten haben wir viele Landsleute“, sagt sie. Um Kundschaft ist ihr deshalb nicht bange.

Und dann war da noch die Sache mit dem Ladenschild, das schon vor Wochen angebracht wurde. Auf der ersten Version fehlte - sehr zur Erheiterung vieler Passanten - dem Mediterran ein R. Irgendwo verlorengegangen zwischen Auftrag und Ausführung. Auch kleine Druckereien haben es nicht leicht.

Oscar Unger Familie Hesselbach hört auf

Mit einem Schwein pro Woche - so fing sie vor 63 Jahren an, die Geschichte der Traditionsmetzgerei Hesselbach. Gustav Hesselbach und seine Frau Ingeburg gründeten 1959 den Betrieb, er verwurstete das Schwein, sie verkaufte die Ware. Zusammen mit ihre Schwester Ida Reinfurt führte sie lange Jahre das Ladengeschäft in der Mark-Aurel-Straße. Damals hatten die Hesselbachs eine von mehreren Metzgereien in Heddernheim, mittlerweile ist ihr Laden der letzte seiner Art. Der nun auch dicht macht. Ende des Jahres ist Schluss. Seit einigen Tagen hängt bereits ein entsprechendes Schild an der Ladentür, dass die Kunden informiert. „Wir sind alle über 60 Jahre alt und finden keinen Nachfolger“, erklärt die Familie diesen Schritt.

Anfang der 1990er Jahre sah das anders aus, damals erfolgte die Übergabe der Metzgerei an die Söhne Karlheinz und Lothar Hesselbach, beide Metzgermeister und bis jetzt Leiter des Ladens. Verarbeitet wurde damals wie heute „alles was ein Tier hergibt“, heißt es auf der Homepage der Metzgerei. Ob Innereien, Schwarte oder Schnäuzchen. Spezialitäten waren schon immer ein Aushängeschild des Familienbetriebes. Auch wenn sich freilich das Essverhalten in der Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten stetig verändert hat, die Hesselbachs gingen mit der Zeit und passten ihre Produkte entsprechend an. Dementsprechend groß ist auch das Entsetzen bei den Hedderheimern, wie auch den nicht gerade wenigen Kunden aus den Nachbarstadtteilen, um den Verlust der letzten Metzgerei im Stadtteil. Und um einen Traditions-Betrieb. jd

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