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Zwischen den Gängen plappert der Mett-Igel

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Von: Michelle Spillner

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Bauchredner Tim Becker muss über das, was Ratte Conny von sich gibt, selbst lachen, obwohl er es ja selbst ist, der für sie spricht. Becker ist der Gaststar beim „Winterzauber“ der Primus-Linie.
Bauchredner Tim Becker muss über das, was Ratte Conny von sich gibt, selbst lachen, obwohl er es ja selbst ist, der für sie spricht. Becker ist der Gaststar beim „Winterzauber“ der Primus-Linie. © mICHELLE SPILLNER

Bauchredner Tim Becker ist der Gaststar des Winterzaubers der Primus-Linie

Frankfurt. Es gab einen Zeitpunkt, da hätte Tim Becker alle Berechtigung gehabt, auf seine Bühnenpartner sauer zu sein. Das war, als sie ihm den Rang abgelaufen haben. Nachdem er nun mit ihnen seinen Frieden geschlossen hat, bringen sie ihn überall in der Welt hin, so jetzt auch auf das Schiff Nautilus der Primus-Linie. Dort ist Tim Becker der Gaststar des Weihnachtsprogramms „Winterzauber“.

Ursprünglich ist Tim Becker Zauberkünstler, befasste sich nebenbei mit der Kunst des Bauchredens und hatte dann und wann eine Puppe mit auf der Bühne, der er seine Stimme lieh. Es stelle sich heraus: Die Puppen mit ihrem Niedlichkeitsfaktor gewannen die Herzen der Zuschauer. So wurde häufiger nach ihnen gefragt als nach dem Zauberkünstler. Und da verlegte der Zauberkünstler sein Kerngeschäft auf das Bauchreden.

Von der Illusion des Eigenlebens

„Man redet ja nicht mit dem Bauch“, betont der 41-Jährige. Seine Kunst wird nur im Deutschen so bezeichnet. Alle anderen sprechen ursprünglich vom „Ventriloquist“, abgeleitet vom lateinischen Ventriloquo: auf der anderen Seite. Das drückt besser als „Bauchreden“ aus, was die Kunst des Bauchredens ausmacht. Zu sprechen, ohne dass sich die Lippen bewegen und sich für schwierige Buchstaben wie „b“ alternative Sprachbildungstechniken anzueignen, ist das eine. Dass die Stimme der Puppe sich von Tim Beckers eigener deutlich unterscheiden muss, ist klar. Aber die eigentliche Kunst ist es, die Puppe so zu führen, dass sie vom Puppenspieler völlig unabhängig zu sein scheint. Dann erst gelingt die Illusion des eigenständigen Lebewesens. Seit 18 Jahren betreibt Tim Becker die Bauchredekunst. Begonnen hat es mit einem Seminar beim Bauchrednerkollegen Sascha Grammel.

Mehr als 30 Puppen wohnen bei Tim Becker, alle nach seinen Ideen und Vorstellungen individuell und in vielen Schritten angefertigt: Tim Becker schildert einem Comiczeichner, wie er sich seine Figur vorstellt, wie sie aussieht, was sie ausmacht, welche Vita sie hat und welchen Charakter.

Fein getextete Dialoge voller Pointen

Der Comiczeichner bringt sie zu Papier, und wenn alles passt, dann sorgt der Puppenbauer für die Geburt und beachtet dabei Sonderwünsche wie bewegliche Augen und Extremitäten, wackelnde Ohren oder Special Effekt-Möglichkeiten. Auf diese Weise ist auch der putzige, sprechende Mett-Igel entstanden, der sich zwischen den Gängen zu Wort meldet.

13 Figuren spielt Tim Becker aktuell. Die zweimal 25 Minuten Show pro Deck auf der Nautilus eröffnet Conny, eine berlinernde Ratte, der aus dem Publikum gerne mal ein langgezogenes „Süüüüß“ entgegenklingt - bis sie den Mund aufmacht. Die Wortgefechte zwischen Bauchredner und Figur sind fein getextete Dialoge mit jeder Menge Comedy, bei denen man gut zuhören muss, damit man keinen Gag verpasst. Manchmal ist gar nicht genug Zeit zum Lachen, und manchmal dauert es einen Moment, bis die Pointe durchgesickert ist. Das beunruhigt übrigens die Figur der Eintagsfliege, ein goldiges Grauplüschding mit traurigen Glubschaugen, weil sie fürchtet, das Zeitliche zu segnen, bevor das Publikum gelacht hat.

Großartig ist Tim Beckers Spiel mit den Ebenen und Realitäten: Wenn die Figur ihn maßregelt und tadelt, und er es ja selbst ist, der sich ausschimpft. Absurde Situationen voller Komik, die die Realität auf den Kopf stellen und komplett vergessen machen, dass da vorne auf der Bühne eigentlich nur ein lebendiges Wesen steht und dass da eigentlich nur einer redet, nämlich er. Aber wie sagt Becker: „Es ist kein Problem, wenn man mit sich selbst redet. Schwierig wird es nur, wenn man dabei Neuigkeiten erfährt.“

Michelle Spillner

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