Katharina Sieben, alias Norma, braucht nicht viele Requisiten. Sie beeindruckt auch so. FOTO: maik reuss
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Katharina Sieben, alias Norma, braucht nicht viele Requisiten. Sie beeindruckt auch so.

Me Too in Frankfurt

Zwischen Kunst, Kommerz und Besetzungscouch

  • VonSabine Schramek
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Proben im Kulturkeller Höchst für Black Birds laufen auf Hochtouren - Unglaublich intensives Theater

Viel Weiß, ein wenig silber und eine Frau im roten Negligé ist alles, was im historischen Gewölbekeller des Dalberger Hauses aus den Jahren 1577 bis 1580 nötig ist, um 80 Minuten Spannung und Sprachlosigkeit zu schaffen. Das Theaterstück "Black Birds", das ein Mann geschrieben hat, zeigt gnadenlos die brutale Welt des Show Business zwischen Kunst, Kommerz und Besetzungscouch.

Ein Frau mit Prinzipien

Im wahren Leben heißt "Norma" Katharina Sieben. Sie ist 28 Jahre jung, hat die Musical Arts Academy in Mainz abgeschlossen und sich abgewandt von Musical-Produktionen. Stattdessen schreibt sie mit einer Freundin Theaterstücke, jobbt in der Gastronomie, arbeitet als Assistentin bei einer älteren Dame und studiert Buch- und Theaterwissenschaften. "Bei großen Produktionen gibt es starke Machtverhältnisse zwischen Regisseur, Produzent und Darstellern. Das will ich nicht mehr. Es gibt immer wieder komische Zwischenfälle", sagt sie klar, hüllt sich in eine weiße Decke und nippt am Kaffee. "Jetzt schon gar nicht mehr, denn ich habe seit drei Jahren eine kleine 'Norma' im Kopf."

Norma ist die Figur, die sie 80 Minuten lang ohne Pause alleine auf der Bühne spielt. Vor drei Jahren hat sie zum ersten Mal die Rolle gespielt. Das Stück hat der Regisseur, Autor und Schauspieler Marc Ermisch vor 17 Jahren geschrieben.

"Damals sprach niemand über Mee Too. Da hieß es noch Besetzungscouch", sagt der Mann ruhig, der damals "Black Birds" mit seiner Ex-Frau aufgeführt hatte. Fast 15 Jahre lag es in der Schublade, bis er Katharina Sieben entdeckt hat. "Nach der Premiere kam Corona", sagt er, während Sieben im roten Negligé auf die in komplett Weiß gehaltene Bühne mit einem silbernen Tischchen voller silberner Flaschen und zwei silbernen Stühlen tritt. Für ihren Traum, Sängerin zu werden, verlässt die warmherzige, gefühlvolle und idealistische Farmerstocher ihre Heimat, um in New York ihr Glück zu suchen. In zwei Tagen soll es soweit sein. Aufregung und Freude, Verzweiflung, Nervosiät und Zweifel kochen hoch.

Sie spricht mit ihrem unsichtbaren Gönner und Liebhaber Phill, der sie ebenso wie viele andere Männer seit ihrer Kindheit betatscht und missbraucht hat. Erinnerungen an den Sportlehrer mit "hilfreichen" braunen Zigarettenfingern im Unterricht, an den Stadtrat, zu dem sie besonders "nett" sein sollte, über ihre Großeltern und den Vater, den sie verlassen hat, um singen zu können vermischen sich mit ihrem Wunsch, auf "jedem Zuschauerstuhl eine Rose zu platzieren", damit sich jeder im Publikum wohl fühlt, über Liedauswahl und Kleider. Immer wieder trinkt sie, hebt dann ihr Glas und sagt "Prost, Phill".

Ohne Bitterkeit und Häme

Voller Tempo, Spannung und unterschwellig brutalen Erzählungen, die nur ahnen lassen, was die Frau in ihrem jungen Leben erlebt und durchgemacht hat. Keine Bitterkeit, keine Häme. Nur pure Emotionen und der Monolog mit Phill. Träume und Ideale, die durch nichts zerstört werden können. Eingetaucht in Spotlights und Blautöne, untermalt von Musik vom Band, die zwischen Kitsch und Jazz, Trommeln und Vogelgezwitscher wie nebenbei noch tiefer in den Bann der brutal realistischen Erzählungen zieht und Bilder vor den Köpfen auftauchen lässt, die so schnell nicht vergehen. Mal hektisch, mal euphorisch, mal lachend, mal ernst wechseln die Monologe ins Einst und Heute. Immer näher rückt das Konzert, in dem Norma endlich zeigen kann, was sie kann und liebt. Singen. Nach harten Zeiten der Entbehrungen und Zeiten von "hässlichen und furchtbaren Geldgebern", die vermeintlich retten und "fetten helfenden Händen, bei denen man nicht sieht, wer dahinter steckt, wenn sie einen aus dem Dreck ziehen". Sie beschreibt ein Gefühl wie im Bauch von einem riesigen Tier, "das mich langsam verschlingt", "Tonaufnahmen", bei denen sie auf dem Schreibtisch liegt und die neue Hoffnung in ihren Retter Phill. Immer wieder tauchen "Black Birds" auf. Amseln, vor denen sie sich schrecklich fürchtet. Lieber hofft sie auf ein Haus am Strand mit weißen Möwen. Bis kurz vor ihrem Auftritt in Schwarz. Das Lied "Black Bird" von John Lennon läuft. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Das Ende ist unbeschreiblich und lässt keine Regungen zu. Normas Präsenz kriecht in die Zuschauer. Katharina Sieben weint echt. "Norma" lässt sie nicht mehr los. SABINE SCHRAMEK

Drei Vorstellungen

Black Birds ist an den Sonntagen 7. und 14. November um 19 Uhr und am Samstag, 13. November, um 20 Uhr im Kultukeller, Bolongarostraße 186, zu sehen. Eintritt kostet 18 Euro.

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