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Zwischen Tante Ju und Dorian Gray

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Von: Katja Sturm

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Nahm ihre Zuhörer mit auf die (Literatur-) Reise: die Autorin Ulrike Corneliussen. FOTO: leonhard hamerski
Nahm ihre Zuhörer mit auf die (Literatur-) Reise: die Autorin Ulrike Corneliussen. © Hamerski

Societäts-Verlag bringt neues Flughafen-Buch heraus - Autorenlesung in der Weinrebe

Das Boarding ist completed, die Mitreisenden haben eine angenehme Sitzposition eingenommen, und der Service ist in vollem Gange. Auch Flugkapitänin Ulrike Corneliussen zeigt sich startklar. Ein paar einführende Worte von Co-Pilotin Bianca Haag, der Leiterin des Societäts-Verlags, und schon kann die Rundreise beginnen.

"Ready for Take-off", heißt sie nach dem Buch, auf das sie sich bezieht. Im Zentrum steht dabei der Frankfurter Flughafen, das Tor zur Welt im Rhein-Main-Gebiet. Corneliussen, in Köln geboren, aber der Liebe wegen 2011 aus der zwischenzeitlichen Wahlheimat Nürnberg an den Main gezogen, hat sich jahrelang für eine PR-Agentur mit diesem beschäftigt. Sie kennt die Geheimnisse hinter den Kulissen, ist Fragen nachgegangen, die sich diejenigen vielleicht gar nicht stellen, die mit diesem riesigen Airport in der Nähe aufgewachsen sind.

Bei einer Nachbarschaftslesung in der "Weinrebe" in Sachsenhausen, dem Stadtteil, in dem die frühere Sportjournalistin mit ihrer Familie lebt, hat sie am Dienstag ein paar Kapitel aus ihrem Erstlingswerk vorgestellt, dabei manch Kurioses enthüllt und bei ihren Zuhörern Erinnerungen wachgerufen.

Vor dem Einsteigen auf die Waage

Die ans "Dorian Gray" etwa, der Kult-Disco im Terminal 1, in der aus der Reihe populärer DJs nicht nur Sven Väth oder Mark Spoon auflegten und die Ende 2000 aus Brandschutzgründen schließen musste. "Geld-Adel, Schauspieler, Geschäftsleute, gerne auch der gesamte Formel-1-Tross" ließen sich dort blicken. "Die Türsteherpolitik war ebenso berühmt wie unberechenbar. Faustregel: Je gestylter, desto besser."

War bei diesen Worten zustimmendes Nicken im kleinen, etwa 25 Leute umfassenden Plenum zu bemerken, wobei mancher noch eine eigene Note beisteuerte, gab es auch zahlreiche Informationen und Episoden, über die nur wenige im Raum vorher Bescheid wussten. Etwa jene, dass in den Anfangsjahren des luftigen Passagierverkehrs die Fluggäste vor dem Einsteigen gewogen wurden, um eine Überladung der Propellermaschinen zu vermeiden. Die Stewardessen in der geräumigeren Ju 52 "waren ausgebildete Krankenschwestern und wussten deshalb bei Angstattacken, Schwindelgefühlen und Magenproblemen zu helfen".

Damit heutzutage alle sicher abheben, sind die Fluglotsen einer äußerst strengen Lehrzeit unterworfen. Wer beim "Schachspiel für Fortgeschrittene" dabei sein will, muss den Bewerbungsprozess überstehen, in dessen erster Runde 90 Prozent der Anwärter scheitern. "Wer nach drei Jahren Ausbildung die Abschlussprüfung verhaut, ist raus. Keine Nachprüfung, keine zweite Chance. Es ist eine knallharte Auslese", erzählt die Autorin

Honig von den Airport-Bienen

Doch nicht nur die Menschen auf dem weitläufigen Airport-Areal haben die Autorin beschäftigt. Die seltenen Pflanzen auf den Wiesen an den Start- und Landebahnen kommen bei ihr ebenso vor wie die "Monarchie und der Vielvölkerstaat" der Bienen, die hier nicht nur einen eigenen Flughafen-Honig produzieren, sondern auch als "Umweltdetektive" wirken.

Zu den Themen, die der Kennerin selbst sehr wichtig waren, gehört die KZ-Außenstelle Walldorf. Die dort 1944 untergebrachten ungarischen Jüdinnen "bauten unter anderem die erste Betonbahn" auf dem Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main.

"Das Buch ist zu mir gekommen", erzählte Corneliussen aus der Entstehungsgeschichte. Haag habe sie dazu angeregt. Sie selbst habe sich gefragt, "ob ich als Nicht-Frankfurterin den Frankfurtern ihren Flughafen erklären kann". Die positive Resonanz auf ihren Vortrag dürfte sie darin bestätigt haben. Ein zweiter Band wurde angeregt, denn auch das Publikum konnte noch Schräges zum Ausflug an den Flughafen beitragen. Katja Sturm

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