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Altlasten: In Hessens Böden lagern zahlreiche Schadstoffe

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Hausabfälle, Chemikalien und Schwermetalle: Was früher oft unbedacht entsorgt wurde, verunreinigt bis heute Böden und Gewässer. Betroffene Grundstücke müssen oft aufwendig saniert werden.

Kassel/Wiesbaden - Vergrabene Abfälle, Schadstoffe aus Deponien, Umweltgifte aus der Industrie - in Hessens Böden lagert eine Vielzahl an Altlasten. Aktuell bekannt sind laut Daten des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) mehr als 106.000 Altablagerungen, Altstandorte und sonstige sogenannte schädliche Bodenveränderungen. In rund 560 Fällen wird derzeit im Bundesland saniert. „Die Fälle, die neu hinzukommen, nehmen zwar ab, aber nur langsam“, sagt der zuständige Dezernent des HLNUG, Volker Zeisberger. „Das Problem wird nicht in fünf, zehn oder zwanzig Jahren erledigt sein.“

Besonders oft bereiten laut Zeisberger sogenannte leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe (LCKW) Probleme. Sie wurden in Deutschland über Jahrzehnte unter anderem zur Entfettung von Metallen und bei der chemischen Reinigung von Kleidung verwendet und gelangten in großen Mengen in den Untergrund. „In den 1970er- und 80er-Jahren wurden sie sorglos eingesetzt“, erläutert Zeisberger. Das Problem: „LCKW ist nicht gut biologisch abbaubar und schwerer als Wasser.“ Es könne sehr tief ins Grundwasser einsickern und es in Tiefen bis zu 80 Meter verunreinigen.

Häufig gefunden werden auch polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe - kurz PAK. Laut Reinhard Sudhoff, Leiter des Dezernats Altlasten beim Regierungspräsidium (RP) Kassel, handelt es sich dabei um Hauptbestandteile von Teer und Teeröl, die beispielsweise bei der Kokserzeugung aus Steinkohle und in der roheisenproduzierenden Industrie in großen Mengen anfallen. „Diese Abfallstoffe wurden anschließend zur Imprägnierung von Holz, beispielsweise von Eisenbahnschwellen, Strom- und Telegrafenmasten, sowie Dachpappe verwendet und sind so in Boden und Grundwasser gelangt.“

Ist der Schaden so gravierend, dass eine Sanierung erforderlich ist, gibt es verschiedene Wege, den Altlasten zu Leibe zu rücken. Dazu zählen etwa das Absaugen und Reinigen der Bodenluft, die Bodenwäsche, der Aushub von Abfällen und das Reinigen von verunreinigtem Grundwasser.

Diese Maßnahmen sind aufwendig und haben ihre Preis. So fallen laut Sudhoff für die Zurückgewinnung von einem Kilo Schadstoffen bei der Bodenluftabsaugung zwischen 500 und 1000 Euro, bei der Reinigung von Grundwasser sogar zwischen 1000 und 50.000 Euro oder mehr an. „Schadstoffe, die früher für einen Dumpingpreis in die Umwelt eingetragen worden sind, müssen wir später für viel, viel Geld rausholen“, sagt der Dezernatsleiter.

Sanierungsverantwortlich sind qua Gesetz der Verursacher oder - alternativ - der Grundstückseigentümer beziehungsweise der Pächter. Auch der frühere Grundstückseigentümer kann herangezogen werden. Für die Betroffenen kann das sehr teuer werden. „Eigentümer haften bis zur Höhe des Grundstückswertes beziehungsweise auch darüber hinaus, wenn sie mit dem Grundstück Einkommen erzielen“, erläutert Sudhoff.

In den Fällen, in denen Sanierungsverantwortliche nicht herangezogen werden können, springt das Land Hessen ein. Allein im Jahr 2020 fielen so 735 Millionen Euro für 52 Projekte an. Die Sanierung steuert in diesen Fällen die Hessische Industriemüll Altlastensanierungsgesellschaft (HIM-ASG). „Aktuell arbeiten wir an knapp 60 Projekten in Hessen“, sagt Birgit Schmitt-Biegel, Bereichsleiterin der HIM-ASG. Zu den größten Herausforderungen im Falle einer Kontamination zähle, nicht zu wissen, was alles im Boden schlummert. „Wir sind nie vor Überraschungen gefeit“, sagt sie.

Eines der spektakulärsten Projekte in Hessen beschäftige das Regierungspräsidium und die HIM-ASG schon seit den 80er-Jahren, berichtet Sudhoff. Der Boden unter einem ehemaligen Bitumenwerk in Edermünde (Landkreis Waldeck-Frankenberg), das nur 300 Meter von der Eder entfernt ist, werde seither aufwendig saniert. Bislang seien dort 360 Tonnen Teer aus alten Teergruben und über 40.000 Tonnen belastete Böden entsorgt und mehr als 15 Tonnen Schadstoffe aus dem Grundwasser gefiltert worden. „Die Schäden sind über Jahrzehnte entstanden und wir brauchen Jahrzehnte, um sie zu beseitigen“, sagt Schmitt-Biegel.

Ein Ende ist laut Sudhoff nicht in Sicht. Denn zu den Altlasten kommen neue Schadstoffeinträge hinzu. Problematisch seien etwa per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC), erklärt der Dezernatsleiter. Sie werden unter anderem in der Textilindustrie zur Herstellung wasserabweisender, atmungsaktiver Textilien eingesetzt. Auch bei der Herstellung von schmutz-, fett- und wasserabweisenden Papieren und Feuerlöschmitteln kommen sie zum Einsatz.

„PFC setzen wir immer noch in großem Umfang in die Umwelt frei“, sagt Sudhoff. Die Chemikalien seien biologisch nicht abbaubar und aus dem Grundwasser fast nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand herauszufiltern. „Aus meiner Sicht ist das der Stoff, der uns zukünftig beschäftigen wird. Bei ihm haben wir die Spitze des Eisbergs noch nicht erreicht“, prognostiziert der Dezernatsleiter. dpa

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