Ausbildung in Hessen

Azubine statt Studentin

Sara Heydweiller hat ihr Studium geschmissen, um Konditorin zu werden. Bereut hat sie ihre Entscheidung nicht. Trotzdem sehe sie Verbesserungspotenzial für die duale Ausbildung. Da ist sie übrigens nicht die Einzige.

Ein Jahr lang hat Sara Heydweiller Englisch und Chinesisch studiert. In dieser Zeit saß sie bis zu acht Stunden täglich in der Bibliothek und büffelte. Dann hatte sie die Nase voll: „Das Studium hat mich nur geistig herausgefordert. Ich wollte endlich etwas tun, wo ich Resultate sehen kann“, berichtet die heute 24-Jährige.

Also schmiss sie 2013 ihr Studium, wollte Konditorin werden. Sie schrieb zahlreiche Bewerbungen, bat darum ein Praktikum machen zu dürfen. „Doch wenn ich überhaupt eine Antwort bekam, war es eine Absage mit der Begründung, ich sei völlig überqualifiziert“, erinnert sie sich. Schließlich klappte es dann doch und sie wurde von der Darmstädter Bäckerei Bormuth genommen.

Wie ihr Umfeld reagiert hat, als sie ihr Studium zugunsten einer dualen Ausbildung abgebrochen hat? „Sehr durchwachsen“, blickt sie zurück, „einige sahen meine Entscheidung gelassen, andere waren geschockt. Da musste ich dann Überzeugungsarbeit leisten.“ Grundsätzlich habe sie die mangelnde Wertschätzung für die duale Ausbildung sehr enttäuscht (siehe Info).

Dass sich junge Menschen wie Sara Heydweiller dazu entschließen, ein Handwerk zu erlernen, ist keineswegs mehr selbstverständlich. In Hessen haben Handwerksunternehmen seit Jahren Schwierigkeiten, geeigneten Nachwuchs zu finden. „Und das obwohl sich immer mehr Betriebe bereit erklären, junge Menschen auszubilden“, berichtet Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main.

Von mehr als 12 000 freien Ausbildungsplätzen konnten in diesem Herbst nur 10 100 vergeben werden. Das bedeute zwar im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Zuwachs, könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer noch

2000 Stellen unbesetzt

seien, sagt Ehinger. Das beträfe Ausbildungen zum Kfz-Mechatroniker ebenso wie viele Bauberufe, verdeutlicht er.

Das mache ihm und seinen Kollegen Sorgen, so der Elektromeister. Auch weil in den kommenden Jahren aufgrund der demografischen Veränderungen immer weniger Schüler die Schulen verlassen werden, die eine Ausbildung beginnen könnten. „Die Lage ist sehr angespannt“, sagt Ehinger deshalb.

Ob die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main ausreichend um den jungen Nachwuchs wirbt? „Wir geben für Imagekampagnen bundesweit zehn Millionen aus“, sagt Ehinger. Dadurch habe sich der Ruf der dualen Ausbildung in den vergangenen fünf Jahren auch schon gebessert, will er festgestellt haben. „Doch darauf wollen wir uns natürlich nicht ausruhen.“ Können sie auch nicht, wenn sie den Nachwuchsmangel in den Griff bekommen wollen.

Allerdings gebe es bei der dualen Ausbildung durchaus noch Verbesserungspotenzial. Sara Heydweiller bemängelt beispielsweise, dass die Handwerkskammer bisher nicht an die Gymnasien gehe, um ihre Berufe vorzustellen. Das kritisiert auch Gregor Laucht, der sein Maschinenbau-Studium nach vier Semester aufgegeben hat, um sich zum Oberflächenbeschichter ausbilden zu lassen. „In der Oberstufe wären Berufsbildungstage, bei denen die Handwerkskammer sich vorstellt, sinnvoll“, sagt Laucht.

Daran hätte auch die Handwerkskammer ein großes Interesse. Doch: „Es ist sehr schwer, in die Gymnasien zu kommen. Sie stehen uns eher ablehnend entgegen“, beklagt Ehinger.

Unabhängig davon sei auch die Qualität der berufsbildenden Schulen nicht immer zufriedenstellend, berichten die beiden Gesellen. „Das Thema Fremdsprachen hat beispielsweise keine Rolle gespielt, obwohl heutzutage quasi jeder Betrieb international agiert“, kritisiert Laucht. Das habe ihn doch sehr verwundert. Auffällig sei auch der Lehrermangel gewesen, bemerkt Sara Heydweiller. Allerdings habe sie großen Respekt vor Lehrern, da sie immer einen Spagat hinlegen müssten, was die Ausbildung von Berufsschülern angeht, die unterschiedlich alt und vorgebildet sind.

Und schließlich kommt die junge Konditorin noch auf die Bezahlung im Handwerk zu sprechen. „Die ist alles andere als bombastisch.“ Sie selbst habe im zweiten Ausbildungsjahr 590 Euro, im dritten dann 690 Euro bekommen. Deshalb habe sie während der Ausbildung auch noch bei ihren Eltern gewohnt. „Wer diese Unterstützung nicht hat, für den ist es wirklich heftig“ sagt die 24-Jährige. Die geringe Bezahlung sei mit ein Grund, weshalb die duale Ausbildung für viele junge Hessen nicht in Frage komme. Heydweiller wünscht sich deshalb, dass das Gehalt von Azubis künftig dem Bafög-Höchstsatz angepasst werde. Mindestens.

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