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„Wirtschaftlich überhaupt nicht mehr darstellbar“: Landwirte in Hessen ersticken an hohem Düngerpreis

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Von: Erik Scharf

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Der Düngepreis explodiert. Landwirte in Hessen fürchten allmählich um ihre Existenz. Zwar gibt es Alternativen, doch auch diese bringen zu viele Nachteile mit sich.

Frankfurt – Die Bauern in Hessen* schlagen Alarm. Der Düngerpreis hat sich in den vergangenen Monaten verfünffacht, wie der Hesische Bauernverband mitteilte. Ein erheblicher Grund für die Preisexplosion ist der Krieg in der Ukraine.

Die steigenden Energiekosten treiben die Preise für Düngemittel schon seit geraumer Zeit in die Höhe, insbesondere die hohen Gaspreise, die etwa 80 Prozent der Kosten für die Produktion von Stickstoffdünger ausmachen. „Das ist wirtschaftlich für die Betriebe überhaupt nicht mehr darstellbar“, sagte der Präsident des hessischen Bauernverbands, Karsten Schmal, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Schon im März 2022 sagte der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes aus dem Hochtaunuskreis gegenüber unserer Redaktion: „Vor Beginn des Ukraine-Krieges habe ich 19 bis 25 Euro für 100 Kilo Dünger bezahlt. Anfang März lag der Preis dann bereits bei 65 Euro und Mitte März hat mein Händler für den gleichen Dünger dann 90 Euro pro 100 Kilogramm verlangt.“

Hessen: Für Landwirte hängt beim Düngen alles „von der Entwicklung in der Ukraine ab“

Die Konsequenz: Die Landwirte in Hessen würden nur so viel Mineraldünger auf den Feldern verteilen, wie nötig. Und das würde sich auch auf die Ernte auswirken, wie Schmal sagt. Weniger Ertrag führe in den Supermärkten wiederum zu höheren Preisen für den Endverbraucher. Der Getreidepreis ist bereits jetzt schon doppelt so hoch wie üblich, wie Landwirte aus Hessen feststellen* mussten. Ein schwer zu durchbrechender Kreislauf.

Landwirte in Hessen schlagen aufgrund der hohen Energiepreise Alarm. (Symbolfoto)
Landwirte in Hessen schlagen aufgrund der hohen Energiepreise Alarm. (Symbolfoto) © Christophe Gateau/dpa

„Alles hängt von der weiteren Entwicklung des Krieges in der Ukraine ab“, sagt Schmal. Damit sind aber nicht nur die Auswirkungen auf die Energiepreise gemeint. Denn, so Schmal, die Ukraine gelte als Kornkammer Europas. Landwirte vor Ort könnten derzeit nicht aussäen, weil sie entweder unter Beschuss stünden oder sie keinen Treibstoff für ihre Maschinen zur Verfügung hätten und nicht aussäen könnten.

Ein Drittel der Weltproduktion von Kaliprodukten aus Russland – schwere Situation für Hessens Bauern

In Sachen Dünger spielt auch Russland eine wichtige Rolle - sowohl als Lieferant von Erdgas als auch von Stickstoff, Phosphat und Kali. Kali ist neben Stickstoff und Phosphor einer der Hauptnährstoffe für Pflanzen. Gemeinsam mit Belarus zählt Russland zu den größten Kaliproduzenten der Welt. „Wir reden über etwa ein Drittel der Weltproduktion von Kaliprodukten“, erläuterte kürzlich der Vorstandschef des Kasseler Kali- und Salz-Konzerns K+S, Burkhard Lohr.

Die Folge: Getreideknappheit und steigende Preise. Sprünge dieser Dimension habe er noch nicht erlebt, ebenso wenig die Sorge, ob überhaupt noch Dünger zu bekommen sei, sagt Schmal. „Ein Land wie Deutschland kann sich das vielleicht noch leisten, aber Länder wie Afrika sicher nicht. Das kann zu einer extremen Hungersnot und einem Flüchtlingsstrom führen.“

Natürlicher Dünger eine Alternative für Landwirte in Hessen?

Eine deutlich günstigere Alternative für die Landwirte in Hessen ist der natürliche Dünger, wie der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) in Kassel mitteilt. Allerdings entsteht Ammoniak, wenn sich Harn und Kot von Nutztieren miteinander vermischen. Jede Menge Stickstoff gelangt in die Luft, wenn die Gülle auf dem Acker verteilt wird.

Mineraldünger als Ertragssteigerer

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein waren laut dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) tierische Exkremente die wichtigste Nährstoffquelle für Pflanzen. Mit der Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens zur synthetischen Herstellung von Ammoniak aus den Elementen Stickstoff und Wasserstoff drängten dann mineralische Stickstoffdünger auf den Markt und sorgten für stark steigende Erträge. Ihre Vorteile: exakte Nährstoffgehalte und eine planbare Pflanzenverfügbarkeit in Kombination mit einer einfacheren Ausbringung. Doch der Einsatz mineralischer Dünger hat laut LLH auch Nachteile: Die Betriebe begäben sich in die Abhängigkeit internationaler Handelsströme, die zu Lasten der Verfügbarkeit gehen könne.

Ein Feldexperiment der Justus-Liebig Universität Gießen startete vor einem Jahr im Kreis Limburg-Weilburg, um herauszufinden, wie Stickstoffverluste beim natürlichen Düngen verringert werden können. Die Studie soll dabei helfen, den Düngebedarf für die Landwirte in hoher Präzision zu ermitteln. Allerdings: Der Feldversuch läuft noch zwei weitere Jahre, ist also in der momentanen Situation für die Landwirte in Hessen noch nutzlos.

Zumal es in Hessen derzeit laut Schmal nicht genug Gülle gebe, um die heimischen Betriebe zu versorgen. „Hessen hat einen vergleichsweise kleinen Tierbestand“, sagt er der dpa. Er fordert deshalb, die Energiesteuer auf Benzin, Diesel, Erdgas und Heizöl zu senken. Zwar könne man das Düngen auf gut versorgten Böden mal ein Jahr zurückfahren. „Aber die Qualität leidet sofort.“ Wenn längere Zeit nicht ausreichend gedüngt werde, sei der Nährstoffmangel nicht kurzfristig wieder zu beheben.

Einen ganz anderen Weg hat unterdessen ein Landwirt aus Hann. Münden im Kreis Göttingen eingeschlagen. Er nutzt Kartoffelwasser als Düngemittel*. Der Nachteil: Kartoffelwasser eignet sich eher im kleinen Stil als Dünger. Entsprechend hoch sind die Kosten – dieses sind doppelt so hoch wie bei Mineraldünger. (esa/dpa) *fnp.de und hna.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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